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Die Welt · 1912-05-10 · 19 (10.5.1912) · page 13

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Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
19 (10.5.1912)
Date
1912-05-10
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Mr. 10 mensch Savonarola die Werke der Künstler Lorenzos des Magnifioo verbrannte. Sie stritten oft gegeneinander; aber ihr Wille war einer: ganz zu leben, ordentlich zu leben, sich vom Stil freizumachen. Vom gotischen Stil. Und die Zeiten gingen, der gotische Stil verschwand, und aus der Renaissance, die ihn vom Throne gestoßen hatte, und den Menschen Europas wurde ein neuer Stil, der rationalistische. Heute schleppen wir den Panzer seiner Konventionen auf unsern Leibern, und Seelen; und seit hundertfünfzig Jahren finden sich Leute, die ihn abwerfen wollen. Unsere Zeit fängt an, die Stile zu mischen; viele glauben, sie suche einen neuen Stil; wir glauben, sie sucht die Stillosigkeit. Allzulange haben wir uns bemüht, dem Leben eine Form zu geben, an das Leben unsere hinter dem Leben her gebildeten Maßstäbe anzulegen. Wir wollen einmal skrupellos leben, wir wollen lernen, weniger zu denken und mehr zu fühlen, wir wollen der Natur in ums über die Kultur in uns zum Siege verhelfen, dem großen Zug über die kleinen Besitztümer. In seinem Buche „Seele und Welt" sagt Karl Joel: „Der Mann der Spätantike, der den Blick sehnsüchtig zum Himmel erhob und um Vernichtung all der aufgehäuften Bücherweisheit flehte, ist die tragischste, die warnendste Figur der Geschichte. Er konnte den Alp der ungeheuren Tradition nicht loswerden, und die Antike starb im „Scholastiker" P r o k 1 u s. Und auch das Mittelalter starb ja als Scholastik. Und auch uns droht der geistige Tod in Scholastik, und wir sehen nuir nicht die Gefahr, weil wir nachtwandelnd überlieferte Begriffe weiterschleppen und gar nicht wissen, wie sehr wir ausgetretene Pfade wandeln, und keinen Blick haben für alles, was ringsumher reift und grünt. Solange wir nicht wieder werden wie die Kinder, werden wir nicht neue Wege finden. Und so wollen wir alles Ueberkommene, alle Stubenweisheit abtun, wollen ohne Dolmetsch und Mittler geheime Zwiesprache mit unserer Seele halten, wollen ihr das schwere, reiche Gewand der Konvention vom Leibe reißen, wollen sie nackt schauen und sie naiv und innig fragen: Wer bist du?" IL In dieser Sehnsucht und in diesem Willen, der die ganze Menschheit zu erfassen scheint, sind die Juden unter den zuerst Berührten. Denn unser Lebensstil war nicht nur ein Stil, er war nicht einmal unser Stil. Vor der sogenannten Emanzipation hatten wir einen schweren, drückenden, engen Stil, aber es war der unsere; und schließlich brach immer wieder das Leben durch die trockene Kruste. Aus dem engmaschigen Rabbinismus sprühten immer wieder Brände auf; Sabbatai Zewi, Spinoza, Baal Schern sind Namen aus den letzten Jahrhunderten des Ghetto. Nun aber war's zu Ende. Für den Rabbinismus tauschten wir einen anderen Rationalismus ein — vielleicht war dieser Tausch nur möglich, weil beides Rationalismen waren —; und nun lebten und leben wir in streng herrschenden Formen, die nichtvon uns errichtet sind, die wir oft ohne Verständnis anfaßten und ohne Geschick trugen, die uns aber die von unseren selbstgesetzten Führern gebotene Politik unbedingt zu befolgen befahl. Merkwürdig, wie die Geschlechter einander gleichen. Die Führer, die zuerst das Ghettoleben mit tausend Vorschriften umschnürt hatten, hießen das neue, freie Leben wieder Tausenden von Regeln gehorchen, die alle unter das eine Schlagwort „Assimilation" fallen sollten. Und nun kommen wir und wollen alle diese Regeln uind wollen alle Regeln wegwerfen. So wie in der Zeit der Renaissance der eine dies, der andere jenes erstrebte, alle aber das Gleiche wollten; wie der eine ein Staatsmann, der 575 andere ein Künstler, der dritte ein religiöser Reformator war und von seinem Werke das ganze Heil und alles erwartete, alle aber, auch scheinbare Gegner, eines und dasselbe wollten — so ist es heute bei uns. Der eine hat ein allgemein menschliches Ideal, ein im besten Sinne ethisches, moralisches Ideal; er will den Menschen die Unbedingtheit im Leben der Alten zeigen, um neue Unbedingtheit möglich zu machen, um einen Weg zu weisen, das zerrissene und makelvolle Leben zur Einheit zu binden. Das Ideal des Zweiten ist ganz anderer Natur, materieller, faßbarer, objektiver. Er will dem starken ökonomischen Kampfe, der unsere Zeit durchtobt, große Formen geben, will in der Verwirklichung eines gewaltigen Sozialismus eine Erneuerung des Lebens heraufführen. Der Dritte wendet sich scharf gegen diese materielle, ökonomische, unpersönliche Grundlegung des Lebens, er will die zutiefst unökonomischen Kräfte freimachen, will die Antriebe des Blutes, des Volkstums zum Fahrzeug der großen Neugestaltung machen. Und diese Leute, die so verschiedene und zum großen Teil so einander entgegengesetzte Ziele verfolgen, fühlen doch alle die gleiche Grundkraft in ihren Bestrebungen, und so schwer das sonst zu denken ist, sie beginnen es selbst nicht nur zu fühlen, sondern sogar auszusprechen. In der Debatte über einen Vortrag Gustav Landauers: „Judentum und Sozialismus", sagte Martin Bub er, indem er den Sozialismus Landauers in großen Linien bestimmte: „Sozialismus 'in dem Sinne ist das ewige Streben der Gestaltenden, das Gestaltlose zu formen, und zwar es zu formen auf dem Gebiete, wo es scheinbar so kompliziert, so unüberwindlich, so undurchdringbar geworden ist, daß es nicht gemeistert werden kann: auf dem Wege der Lebens einrich hingen und Lebensformen der Menschengemeinschaft. Wenn ich in diesem Sinne von Sozialismus spreche, so kann ich damit natürlich nicht irgend etwas meinen, was jungen oder jüngsten Datums wäre. Vielmehr meine ich damit ein Streben und eine Kraft von allen Zeiten. Denn es ist ja so, daß das, was einst Sozialismus war, daß das immer wieder durchdrungen wird vom Gestaltlosen, daß das Gestaltlose immer wieder einbricht und die Formen überflügelt. Eben das, was Staat, oder besser gesagt, eben das, was der Komplex alles dessen ist, was der heutige Sozialismus überwinden will, eben das war einst Sozialismus, eben das ist einst geschaffen worden als ein Sieg des Gestaltenden über das Gestaltlose. Und weil es so ist, weil immer wieder die Schöpfung ausgeliefert ist der gestaltlosen Masse, weil sie nicht etwas Beharrendes ist, sondern etwas, was immer wieder sinnlos, gestaltlos gemacht wird, deshalb ist Gestalten Umgestalten; deshalb ist Sozialismus etwas, was eben von neuem beginnt, weil immer diejenigen, die die Form in sich tragen, und sie der Materie aufzwingen wollen, dem gegenübertreten, was Institution geworden ist: das widerstrebende Element. „Es ist selbstverständlich und ein immer neues Ereignis, daß die Gestaltenden im empirischen Verlaufe des Lebens besiegt werden, es kann nicht anders sein, als daß das Gestaltlose, das Niedrige, das Stumpfe, jener große Krumme, von dem Ibsen spricht, über den Geist im Empirischen siegt. Es kann nicht anders sein, als daß das, was geschaffen wird, das Bild eines Torso bietet. Aber gerade darum ist in der Welt des Geistes dasjenige, was dem Scheine nach Niederlage war, in Wirklichkeit Sieg. Und in Wahrheit sind, die zusammenbrechen, die verketzert und gesteinigt werden, die ewigen Sieger des Geistes über das Chaos." Diese Worte sind von großer Bedeutung. Und sie lassen erkennen, nicht nur daß es eine Kraft ist, die in all diesen Männern lebt, sondern auch, welches diese Kraft ist.

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