Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1912-05-10 · 19 (10.5.1912) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
19 (10.5.1912)
Date
1912-05-10
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3315709-3316514-3316533--55979-3349841
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

gut zu machen. Im Zusammenhange damit ist man in weiten Kreisen der polnischen Judenheit geneigt, völlige Wahlenthaltung zu üben. Man sieht auch in diesen Kreisen keinen Anlaß, die aufstrebenden fortschrittlichen Parteien gegen die zurzeit vorherrschenden Nationaldemokraten zu unterstützen, da alle diese Parteien in letzter Zeit in puncto Judenhaß geradezu um den Vorrang streiten. Hingegen wird in anderen Kreisen die Ansicht vertreten, daß es angebracht wäre, unter gewissen Bedingungen mit den Progressisten ein Wahlbündnis zu schließen. Wieder andere machen die Unterstützung der Fortschrittlichen bei den Wahlen von der Bedingung abhängig, daß der jüdischen Bevölkerung Polens ein eigener Vertreter in der Duma eingeräumt wird. Es erscheint indes sehr zweifelhaft, ob für die Fortschrittlichen Polens bereits der Moment gekommen ist, den Kampf gegen die allmächtigen Nationaldemokraten aufzunehmen. Wenn nicht alle Zeichen trügen, werden diese noch recht lange die Herren der Situation bleiben und die 1% Millionen Juden Polens werden nach wie vor ohne eigene Vertretung in der Reichsduma bleiben. Sozialistische Gegnerschaft (Von unserem Berichterstatter.) Saloniki. Eine große Gefahr bedroht den Fortschritt der jüdischen Arbeit in der Türkei. Zu unserem Unglück und durch unsere Schuld ist ein neuer Faktor aufgetreten, der uns feindlich ist und sich zum Ziele setzt, das ottomanische Judentum zu entjudaisieren. Die Führer der jüdischen Gruppe der sozialistischen Partei unserer Stadt sind bestrebt, neben der Verteidigung der ökonomischen und politischen Interessen des Proletariats jedes jüdische Gefühl vollständig zu vernichten und zwar in religiöser wie in nationaler Beziehung. Der Religion wie dem Nationalismus ist der Kampf bis aufs Messer erklärt worden, und dieser Kampf wird mit einem Eifer geführt, der einer besseren Sache würdig wäre. Diese traurige Wahrheit hat sich im Verlaufe der Diskussionen enthüllt, die von dem jüdischen Arbeiterklub jede Woche veranstaltet werden. Alles, was uns teuer ist, wird dort rücksichtslos angegriffen und es besteht eine wirkliche Gefahr, wenn man diesen Zustand weiter andauern läßt. Ohne die einfachsten Kenntnisse der behandelten Fragen zu besitzen, greifen die Führer des jüdischen Arbeiterklubs, junge Leute ohne Erfahrung, die Religion und den Nationalismus an und ergehen sich dabei in einer leeren Phraseologie, die aller gesunden Vernunft widerspricht. Diese Leute, die nicht aufhören, gegen die Ausbeutung der Arbeiter durch die Kapitalisten zu protestieren, beuten ihrerseits die Unwissenheit und Leichtgläubigkeit des Volkes aus, das ihre Worte wie die Wahrheiten des Gesetzes aufnimmt. Die Massen des jüdischen Volkes, die den Rückhalt aller guten Tradition bildeten, werden verleitet und vergiftet. Was aber tun die Juden, die ihr Volk und ihre Tradition lieben, tun diese Propaganda aufzuhalten? Ihre Gleichgültigkeit und Unbeweglichkeit hindert, daß sie irgend etwas unternehmen und dagegen auftreten. Dennoch glauben wir, daß die Juden fähige und vernünftige Elemente genug haben, um dieser beunruhigenden Situation entgegenzuwirken. Man muß die Juden dahin bringen, daß sie sich organisieren und den Kampf aufnehmen. Die jüdischen Arbeiter selbst müssen einsehen lernen, daß der Weg, den ihre Führer beschreiten, nicht der richtige ist und müssen sich von ihnen lossagen, wenn diese nicht einlenken. Bezalel-Ausstellung in London London. Eine von angesehenen Persönlichkeiten besuchte Versammlung fand anläßlich der für den 13. und 14. Mai anberaumten Bezalel-Ausstellung mit Bazar am 1. Mai im Hause der Baronin G o 1 d smid de P a I m e i r a unter dem Vorsitze von Sir Philip Magnus, M. P., statt. Der Vorsitzende wies auf die großen Fortschritte hin, die die jüdische Bevölkerung Palästinas in den letzten Jahren gemacht habe. Die jetzige jüdische Generation wende sich von den Almosen ab und habe wieder Selbstvertrauen und Selbstachtung erworben. In den in Palästina errichteten Schulen werden Knaben und Mädchen für die verschiedensten Berufe herangebildet, und das Ergebnis der modernen Erziehung zeige sich schon in dem Fleiß und der Tüchtigkeit der Juden des Landes. Es soll aber nicht nur denen, die diesen Umschwung mit herbeigeführt haben, Sympathie entgegengebracht werden, sondern vor allen Dingen muß den in Palästina errichteten Instituten ein praktischer Beweis des Interesses gegeben werden. Hierauf sprach der Rabbiner der Reformgemeinde, Rev. Morris Joseph. Er gab seiner Freude darüber Ausdruck, daß die zionistische Bewegung von jungen Leuten tatkräftig unterstützt werde, so daß sich das alte Prophetenwort „Israel ist nie verlassen" wieder bewahrheite. Das Bestehen der Institute in Palästina zeige deutlich, daß die Bewegung immer mehr um sich greife, und daß das jüdische Palästina einer langsamen, aber ständigen Entwicklung entgegengehe. Der Redner sprach die Erwartung aus, daß die Ausstellung in erster Reihe von Juden reichlich unterstützt werden wird und nicht nur von christlichen Freunden, was einen seltsamen Eindrudk 'machen würde. Wenn der Zionismus in dem Wunsche bestände, dem heiligen Lande seine alte Fruchtbarkeit wiederzugeben, und die jüdische Bevölkerung in moralischer, geistiger und wirtschaftlicher Hinsicht zu fördern, dann sei auch er Zionist. Mr. Claude G. Montefiore wies auf die Evelina de Rothschild-Schule in Jerusalem hin. Die Schule stifte wirklich großen Nutzen für die weibliche Jugend der Stadt, und es sei äußerst wünschenswert, dieselbe tatkräftig zu unterstützen. Professor Boris Schatz aus Jerusalem, der ebenfalls an der Versammlung teilnahm und herzlich willkommen geheißen wurde, überbrachte Grüße von den Juden Palästinas. Seit die Bezalelschule besteht, führte der Redner aus, sei wieder Arbeitsfreudigkeit unter den Juden Jerusalems wahrzunehmen, und die Arbeit spreche deutlicher, als er es könne. Der Bezalel vereinige Alt und Jung durch die hebräische Sprache zu einem großen Kreis von Brüdern. Allmählich entstehe dort ein echt jüdisches Kunstgewerbe, und wenn eine Firma wie Wert heim in Berlin für die Erzeugnisse der Schule eine eigene Abteilung geschaffen habe, so beweise das den künstlerischen Wert der Produkte. Er dankte dem Komitee für seine Bemühungen und gab der Hoffnung Ausdruck, daß England viel zum Absatz der im Bezalel hergestellten Waren beitragen werde. Lady S w a y t h 1 i n g brachte ein Dankesvotum für die Baronin Goldsmid de Palmeira und für die Redner aus. Sie wies darauf hin, welche Befriedigung ihr die Arbeit für diese große Sache gebracht habe und wie sehr sie sich freue, daß die Ausstellung durch diese Versammlung in weiteren Kreisen bekannt werden würde. * Der Vorstand und Ausschuß des East End Committee veranstaltete anläßlich der bevorstehenden Palästina-Ausstellung am 28. April eine Versammlung unter dem Vorsitz des Da} an Dr. M. Hyamson, welche außerordentlich gut besucht war. Nach einigen einleitenden Worten des Vorsitzenden sprach Dr. Hyamson über die Entwicklung des Judentums in Palästina, erörterte das Problem der Chalukah und ihres Einflusses auf die neue Generation und wies auf die Wirkungen der modernen Palästinabestrebungen, insbesondere des Zionismus auf die landwirtschaftliche und industrielle Entwicklung Palästinas hin, deren Resultat u. a. die Errichtung der Bezalelschule sei. Da dieses Institut von eminenter Wichtigkeit für das Emporblühen jüdischer Kultur und jüdischen Gewerbefleißes in Palästina sei, wäre es Pflicht aller Juden, dasselbe in jeder Weise zu fördern, wozu die bevorstehende Ausstellung mit Bazar eine gute Gelegenheit biete. Aber die Förderung durch Ankauf der Erzeugnisse genüge nicht, es müßten auch feste Beiträge gezeichnet werden, was auch sicher geschehen werde, wenn das Institut durch die Ausstellung erst in weiteren Kreisen bekannt ist. Dayan F e 1 d m a n n ersuchte die Anwesenden, ihr werktätiges Interesse für den Bezalel dadurch zu bekunden, daß sie versuchten, möglichst viel Ausstellungskarten zu verkaufen. Sein Wunsch sei, daß jeder Rabbiner das Interesse seiner Gemeinde wachriefe, und daß die Ausstellung später noch einmal im Osten Londons stattfinde, da der Besuch derselben im Westen sehr Vielen nicht möglich sein wird. Dayan C h a i k i n , Mr. J. Victor und andere sprachen sich irn ähnlichen Sinne aus. Zum Schluß wurden Jahresbeiträge für die Bezalelschule gezeichnet. *

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.