Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 19 (10.5.1912)
- Date
- 1912-05-10
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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- Odesa 5× ep/1000834
- Vilnius 3× ep/1000947
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Nr. IQ ..... womöglich gegen 1907 noch weiter nach rechts abschwenkten, braucht nicht erst gesagt zu werden. — Kein Wunder also, daß man in weiten Kreisen keine großen Hoffnungen in die künftige Duma setzt. Namentlich gilt dies von der jüdischen Bevölkerung, der auch die dritte Duma nichts als weitere Rechtseinschränkungen und Demütigungen brachte. Eine Ausnahme bilden nur die Wahlkreise, wo einige Aussichten vorhanden sind, daß ein jüdischer Abgeordneter gewählt wird. Dies ist neben den Gouvernements K o w n o und Kurland, wo der Block der Litauer bzw. der Letten mit den Juden immer je einen jüdischen Abgeordneten in die Duma entsandte, auch noch in Odessa und in Wilna der Fall. So ganz ausgemacht ist freilich die Sache auch in Kowno und in Kurland nicht. In Kowno agitiert der litauische Klerus unter dem Einfluß der polnischen Kollegen gegen den Block mit den Juden und für einen solchen mit den Polen. Die persönlichen Eigenschaften des bisherigen jüdischen Abgeordneten von Kowno, des Herrn F r i e d - mann, sind nicht gerade derartig glänzend, daß es ihm ein leichtes wäre, jeden beliebigen. Mitbewerber aus dem Felde zu schlagen. In den Petersburger Kreisen um W i n a w e r beabsichtigt man daher, in Kowno die Kandidatur des bekannten Rechtsanwalts Kalmanowitsch aufzustellen. Ob dieser Personenwechsel genügen wird, um der klerikalen Agitation das Wasser abzugraben, bleibt dahingestellt. Auch in Kurland steht die jüdische Kandidatur nicht ganz außer Zweifel. Hier haben die Petersburger Politikmacher die Kandidatur des russisch-jüdischen Publizisten K u 1 i s c h e r aufgestellt. Wieviel die von diesen Kreisen ausgehende Behauptung, daß sich unter den Letten eine gewisse Verstimmung gegen den bisherigen jüdischen Abgeordneten Nissel o w i t s c h geltend mache, auf sich hat, läßt sich nicht beurteilen. Möglich ist es schon, daß die lettischen Wähler von Nisselowitsch, der seine Aufgabe fast ausschließlich in der Verteidigung jüdischer Interessen erblickt, nicht ganz erbaut sind. Schwerer fällt indes ins Gewicht, daß die Winawersche Gruppe, die auf politische Führerschaft im russischen Judentum Anspruch macht, mit N isselo witsch nicht zufrieden ist. Er ist ihr nämlich viel zu unabhängig. Er verschmäht es, ein gehorsames Werkzeug in ihren Händen zu sein, er wagt es vielmehr, bisweilen über ihre Köpfe hinweg zur großen jüdischen Oeffentlichkeit zu sprechen, ja er geht sogar soweit, mit zionistischen Kreisen Fühlung zu nehmen! Und so soll er denn gehen und einem der „unsrigen" Platz machen. Ob das Experiment mit der Kandidatur eines neuen, in Kurland völlig unbekannten Mannes nicht gar zum Verluste des jüdischen Mandats führen wird, wird die Zukunft zeigen. Ein heißer Kampf wird um die jüdische Kandidatur in Odessa entbrennen. Odessa gehört bekanntlich zu den wenigen Großstädten Rußlands, wo die Wahlen in die Reichsduma direkte sind. Aus diesem Grunde hat hier die jüdische Bevölkerung bei einmütigem Vorgehen die Möglichkeit, in der zweiten Stadtkurie, wo sie die Mehrheit bildet, einen jüdischen Kandidaten zu wählen. Schon vor den Wahlen in die dritte Duma vertraten die Zionisten den Standpunkt, daß die Juden Odessas von ihrem guten Rechte Gebrauch machen und einen Juden in. die Duma entsenden sollten. Sie nominierten auch dementsprechend die Kandidatur J a b o - tinskys, eines der glänzendsten politischen Schriftsteller und Redner, die das moderne Rußland — nicht bloß die russische Judenheit — aufzuweisen hat. Jabotinsky wäre aber ein viel zu hervorragender Vertreter jüdischer Volksinteressen in der Duma gewesen, als daß man in „maßgebenden Kreisen" Odessas, dieser letzten Zitadelle der russischen Assimilation, den Zionisten diesen Sieg vergönnt hätte. Man ließ sich nun von W i n a w e r drahten, daß die Wahl Jabotiris ky's ein Unglück für die russischen Juden sein würde, die vielgeprüften Odessaer Wählermassen wurden in der ungeniertesten Weise mit dem Hinweis auf das Pogromgespenst davon zurückgehalten, für einen Juden zu stimmen. Das Ergebnis dieser Machenschaften war nun, daß Jabotinsky in der Minderheit blieb, und mit der Vertretung Odessas ein Nichtjude betraut wurde. Seither haben sich die Verhältnisse insofern geändert, als auch die „Führer" der Odessaer Judenheit, dem Drucke der öffentlichen Meinung weichend, die Notwendigkeit anerkannten, daß Odessa einen Juden in die Reichsduma entsende. Um aber Jabotinsky, den berufensten Kandidaten aus dem Felde zu schlagen, verfiel man auf den Einfall, eine jüdische Kandidatur für die erste Stadtkurie (wo Jabotinsky keinen Wahlzensus besitzt) in Aussicht zu nehmen, während in der zweiten Kurie wiederum N i k o I s k y, der sich als gewissenhafter und [ELT 567 pflichtbewußter Abgeordneter erwiesen habe, gewählt werden soll. Als Kandidat der ersten Wahlkurie wird Rechtsanwalt S1 i o s b e r g aus Petersburg in Aussicht genommen. Die offiziellen Kandidaturen unserer „Aufklärer" und des lokalen Vorstands der Kadettenpartei — der übrigens mit jener kleinen Gruppe von ^maßgebenden Juden" identisch ist — sind also diejenigen Nikolsky's und Sliosbergs. Fatal ist aber, daß der Sieg eines jüdischen Kandidaten in der ersten Kurie, wo er auf die Stimmen liberaler christlicher Wähler angewiesen wäre, lange nicht gesichert erscheint. Tatsächlich wurde auch hier bei den letzten Wahlen der Kandidat des russischen Volksverbandes Baron Reno, der nachmals die Blutlügeninterpellation der Pogromhetzer unterzeichnet hat, gewählt. Unsere „Aufklärer" nehmen indes keinen Anstand, die jüdische Kandidatur in Odessa, eine der wenigen, die gute Aussichten hat, zu gefährden, um nur einer anderen „Gefahr" — der Wahl Jabotinsky's zu entgehen. Die Sache wird aber dadurch kompliziert, daß man in weiten Wählerkreisen Odessas durchaus keine Neigung zeigt, die diktatorischen Erlasse des Kadettenvorstandes widerspruchslos hinzunehmen. Die Unzufriedenheit mancher jüdischer Wähler würde indes die Herren weniger kümmern. Schwerer fällt ins Gewicht, daß man auch in nichtjüdischen fortschrittlichen Kreisen von der Kombination Nikolsky—Sliosberg nicht ganz erbaut ist. Insbesondere sind es die Kleinrussen, die hier eine sehr respektable Größe ausmachen, die von den Kadetten nichts wissen wollen und eine ausgesprochen nationale Kandidatur, das heißt, die Wahl eines Vertreters der Minderheitsvölker, verlangen. Die Wortführer dieser Gruppe erklärten bereits unumwunden, daß sie von jüdischen Kandidaten nur einen Nationaljuden, nicht aber einen Assimilationsjuden unterstützen würden. — Die Vertreter der extremlinken Parteien machen ihrerseits darauf Anspruch, daß die zweite Wahlkurie einen sozialistischen Abgeordneten wählt. Die Verwicklung steigert sich noch dadurch, daß auch die Vertreter der halbnationalen jüdisch-demokratischen Richtung auf der Wahl eines Juden in der zweiten Kurie bestehen und ihren eigenen Kandidaten, Schriftsteller Saker, aufstellen. Gegen Herrn Saker werden auch unsere „Aufklärer" nicht recht ankämpfen wollen. Ist er doch im Grunde genommen „Fleisch von ihrem Fleische" und erst dieser Tage ist er auf der Generalversammlung der Odessaer Bildungsgesellschaft als Sprecher der offiziellen „Aufklärer" gegen Ussischkin und die Zionisten — allerdings mit sehr geringem Erfolg — aufgetreten. — Es scheint demnach, daß in der zweiten Wahlkurie der Stadt Odessa beim ersten Wahlgang, neben dem reaktionär-antisemitischen Kandidaten, mehrere Kandidaten der fortschrittlichen Parteien zugleich sich um das Mandat bewerben werden. Da voraussichtlich niemand von ihnen schon im ersten Wahlgang die absolute Stimmenmehrheit auf sich vereinigen Wird, so wird ein zweiter Wahlgang notwendig sein, wobei sämtliche progressive Kandidaten zugunsten desjenigen unter ihnen zurücktreten werden, der beim ersten Wahlgang die relative Mehrheit erlangt hat, so daß es diesem ein Leichtes sein wird, seinen antisemitischen Gegner zu schlagen. — Die Vielheit der fortschrittlichen Kandidaten bietet also an sich keine Gefahr, daß der Vertreter der reaktionär-antisemitischen Parteien den Sieg davonträgt. Und doch wird diese angebliche Gefahr jetzt schon bisweilen gerade gegen den jüdisch-nationalen Kandidaten ausgespielt. Weniger verwickelt ist die Frage der jüdischen Kandidatur in der Stadt Wilna. Hier wurde in die dritte Duma der wütende Reaktionär und Ritualmordhetzer Samislowsky gewählt. Um diesen Juden und Polen gleich verhaßten „Volksvertreter" los zu werden, wird ein Block zwischen den jüdischen und polnischen Wählern geplant, der den Polen und den Juden je ein Mandat sichern soll. Jüdischerseits kandidiert in Wilna der verdienstvolle Rechtsanwalt Grusenberg. Das Unangenehme an der Sache ist aber, daß die Juden sich in diesem Falle verpflichten mußten, den polnischen Kandidaten tatkräftig zu unterstützen, der, einmal gewählt, dem in puncto Judenfrage nicht gerade einwandfreien Polenklub beitreten würde. Zeigen sich die Polen bereit, in Wilna einen Block mit den Juden zu schließen, so nehmen sie im Königreich Polen, wo sie die Herren der Situation sind, eine ganz andere Stellung ein. Die edlen Herren, die nicht aufhören, über Gewalt und Druck zu klagen und an Recht und Gerechtigkeit zu appellieren, haben es bekanntlich fertig gebracht, bei allen Duma wählen bis jetzt den Juden, die ca. 15 o/o der Gesamtbevölkerung ausmachen, keinen einzigen Vertreter einzuräumen. Und es braucht nicht erst gesagt zu werden, daß sie auch jetzt nicht daran denken, diese grobe Ungerechtigkeit