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Die Welt · 1912-05-10 · 19 (10.5.1912) · page 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
19 (10.5.1912)
Date
1912-05-10
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Am 12. Mai soll eine öffentliche Versammlung zugunsten der Ausstellung stattfinden, wobei Lord S w a y t h i n g den Vorsitz führen wird. Unter den Rednern werden sich Professor B. Schatz und Mr. E. N. Adler befinden. Ein englischer Protest gegen die Ritualmordhetze London. Zweihundertvierunddreißig der bekanntesten Männer Englands, darunter die hervorragendsten geistlichen Würdenträger, zahlreiche Staatsmänner und Militärs von europäischem Ruf, viele Theologen und sonstige Gelehrte, eine ganze Schar von Schriftstellern, Redakteuren und Herausgebern bedeutender englischer Zeitungen usw. haben folgenden Protest gegen den in Rußland überhandnehmenden Ritualmordwahn und die daran sich knüpfende Pogrompropaganda erlassen. Der Aufruf lautet in deutscher Uebersetzung: „Wir schließen uns dem Proteste an, den führende christliche Theologen, Männer der Wissenschaft, Politiker und andere Personen in Rußland, Frankreich und Deutschland unterzeichnet haben, gegen den Versuch, der in Kiew unternommen wird, die abscheuliche Anklage des „Ritualmordes" — bekannt als „Blutbeschuldigung" — gegen Judentum und Juden neu zu beleben. Wir, die wir aufrichtigste Freundschaft für Rußland hegen, wollen uns keinesfalls in die inneren Angelegenheiten dieses Landes mengen. Noch weit weniger wollen wir auch nur im entferntesten dem gerichtlichen Verfahren vorgreifen, mit dem jene Anklage auf das engste verknüpft worden ist. In den Worten des von unseren russischen Freunden und Kollegen veröffentlichten Protestes und in deren Wunsche, auch von anderen Ländern möge ihre Sache unterstützt werden, haben wir die beste Gewähr, daß unsere Beweggründe nicht mißdeutet werden können. Die Frage, um die es sich hier handelt, ist eine der Menschlichkeit, der Zivilisation, der Wahrheit. Die „Blutbeschuldigung" ist ein Ueberbleibsel aus den Tagen des Hexenglaubens und der Schwarzkunst, eine greuliche, jeder Grundlage entbehrende Verlästerung des Judentums, ein Angriff auf die westliche Kultur, eine Schmach für die Kirchen, in deren Namen diese Anklage durch unwissende Fanatiker fälschlich erhoben wurde. Auch andere religiöse Minderheiten als die Juden, wie die frühe Christenheit, die Quäker und christliche Missionare in China sind die Opfer solchen Wahnes gewesen. Die Blutbeschuldigung ist durch die trefflichsten Männer aller Zeiten und Religionen gebrandmarkt worden. Die Päpste, die Führer der Reformation, der Kalif, Staatsmänner aller Länder, zusammen mit den bedeutendsten Gelehrten Europas haben sie öffentlich für nichtig erklärt. Es ist dringend notwendig, daß diese Zeugnisse jetzt erneuert werden, denn unter der unwissenden und leicht erregbaren Bevölkerung Osteuropas hat die „Blutbeschuldigung" oft Anlaß zu schrecklichen Ausbrüchen der Pöbelleidenschaften gegen die Juden gegeben. Es ist ernstlich zu fürchten, daß ihre gegenwärtige Wiederbelebung viele unschuldige Menschen in den übervölkerten jüdischen Bezirken des russischen Reiches in Lebensgefahr bringen wird." Unterzeichnet ist der Protest von Randall Thomas Davidsohn, Erzbischof von Canterbury, von Cosmo Gordon Lang, Erzbischof von York, John Baptist Crozier, Erzbischof von Armagh und Primas von ganz Irland, von Francis Botirne, Kardinal- Erzbischof von Westminster, von den B i - schöfen von London, Winchester, Birmingham, Carlisle, ehester, Exeter, Gloucester, Hereford, Lichfield, Liverpool, Manchester, Oxford, Rochester, St. Albans, Stepney, Wakifield, Worcester, Bath und Wells, von den Dekanen von Westminster, Canterbury, Norwich, Peterborough und Ripon und verschiedenen anderen Vertretern der Kirche. Unter den Unterzeichnern sind sodann: Herzog von Norfolk, der ehemalige Premierminister Rosebery, Seiborne (erster Lord der Admiralität von 1900—1905), Halsbury (Lordkanzler von 1895—1905), Crom er (Generalkonsul und Minister in Aegypten von 1883—1905), Milner (Staatskommissar für Südafrika 1897—1906), der ehemalige Staatssekretär L a n d a f f, der frühere Premier Balfour, Chamber- Iain (Kanzler des Schatzamtes von 1903—1906), Rodesdale (Staatssekretär von 1886—1892), Lyttleton (Staatssekretär für die Kolonien 1903—1905), Long (Minister von 1895—1905), der Präsident des Unterhauses Lowt h e r, der Lordmayor von London Crosby, der ehemalige Gesandte Lascelles, der jetzige Staatskommissar für die südafrikanische Union, Solomon, der Minister für Westaustralien Moore, der Staatskommissar für Neuseeland Hall-Jones, der Minister für Viktoria Taverner, der Minister für Tasmania Call, der Feldmarschall Lord Roberts, der Feldmarschall Sir Evelyn Wood, General Neville Lyttleton, Admiral Fullerstone, Generalmajor Turner, die Namen von etwa hundert Rektoren, Professoren und Kuratoren der Hochschulen von Cambridge, Oxford, London, Birmingham, Edinburg, Glasgows Dublin, Leiden, eine größere Anzahl von Malern und sonstigen Künstlern, der Führer der Arbeiterpartei Macdonald, der Präsident der englischen Schriftstellergesellschaft ThomasHardy und viele andere Schriftsteller, wie Conan Doyle, Jerome K. Jerome, O'Connor, Pinero Bernard Shaw, Trevelyan usw., sodann die Herausgeber der Zeitschriften und Zeitungen „Quarterley Review", „Edinburg Review", „Fortnigthly Review", ,,Hibbard Journal', „The Quest", „The Spectator", „The Nation", „Daily Telegraph", „Daily News", „Daily Chronicle", „Daily Graphic", „Pall Mall Gazette", ,,Westminster Gazette", „Star", „Morning Leader" und „Manchester Guardian", der Präsident des Instituts der Journalisten, George Hodgson u. a. Eine neue Wendung im Kiewer „Ritualmord"- Prozeß? Kiew. In Angelegenheit der Ermordung des Knaben Justschi n s k y sind neue Momente zutage getreten, die den Verdacht gegen die vom Journalisten Brasul-Bruschkowsky bezeichneten Personen noch dringender erscheinen lassen. Es handelt sich um eine Gesellschaft von Dieben und Hehlern, an deren Spitze der französische Staatsangegehörige M i f I e stand und der auch Justschinsky's Stiefvater angehörte. Der ermordete Knabe hatte der Polizei Mitteilung von dem verbrecherischen Treiben der Bande gemacht und deren Mitglieder haben ihn hierauf anscheinend beseitigt Infolge überraschender neuer Einzelheiten, die in den letzten Tagen zur Kenntnis des Gerichtshofs gelangt sind, nimmt man an, daß bereits in nächster Zeit eine entscheidende Wendung in der Affäre Justschinsky eintreten wird. Ableben eines hervorragenden russischen Rabbiners Mittwoch, den 1. Mai verschied in Lodz nach längerem Krankenlager der Rabbiner der dortigen jüdischen Gemeinde, Rabbi Elias Chaim M e i s e I, im Alter von 91 Jahren. Der Verstorbene war eine der angesehensten rabbinischen Koryphäen der russischen Judenheit. Diese verliert mit seinem Hinscheiden eine ihrer markantesten führenden Persönlichkeiten, einen Mann, gleich ausgezeichnet durch tiefe Gelehrsamkeit, große Herzensgüte und lautere Frömmigkeit, wie durch außerordentliche Tatkraft und vielseitige hingebungsvolle Arbeit im Dienste der jüdischen Gesamtheit. Rabbiner Meisel wurde im Jahre 1821 in Horodok, Gouv. Minsk geboren. Schon in seinem 13. Lebensjahre erhielt er die Approbation als Rabbiner. Im 19. Lebensjahre wurde er zum Rabbiner der jüdischen Gemeinde seiner Heimatstadt gewählt. Später bekleidete er die Stelle eines Rabbiners in Deretschin, Pruzany und Lomza, bis er im Jahre 1873 nach Lodz berufen wurde. Gleich zu Anfang seiner Amtstätigkeit widmete sich Meisel hier der Pflege jüdischer Wohlfahrtsbestrebungen, wobei er oft persönlich tätigen Anteil nahm. Besondere Sorgfalt wandte er den jüdischen Arbeitern zu. So entstand dank seiner Initiative die kooperative Weberei für jüdische Weber, die leider nicht lange existierte. Er gründete ferner eine Talmud Tora - Schule, in der jährlich gegen 900 jüdische Kinder unterrichtet werden. Rabbiner Meisel genoß auch in weiten Kreisen der nichtjüdischen Bevölkerung hohe Verehrung und Sympathie. Das Leichenbegängnis, das am 2. d. Mts. stattfand, gestaltete sich zu einer überwältigenden Trauerkundgebung. Von Nah und Fern waren die Amtsgenossen und Verehrer des Verstorbenen, Deputationen der verschiedenen jüdischen Gemeinden und Körperschaften herbeigeeilt, um Rabbiner Meisel das letzte Geleit zu geben. Man schätzt die Zahl der Teilnehmer an dem Leichenzug* auf 100 000 Personen. Im ganzen russischen Reiche werden Trauerfeiern für den Verewigten abgehalten. _____

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