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Die Welt · 1912-05-10 · 19 (10.5.1912) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
19 (10.5.1912)
Date
1912-05-10
Page
– (sequence 4)
Language
German
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566 und freier anzulegen, indem wir die Hausbesitzer verpflichten, nach dem abgesteckten Plan ihre Häuser wieder aufzubauen. Wir haben heute noch eine dringende Arbeit vorgenommen: die Reinigung der Straßen der Mellah, die mit aller Art Trümmer und bereits in Fäulnis übergegangener Stoffe bedeckt sind. Sechs Abteilungen israelitischer Arbeiter haben die Reinigungsarbeiten besorgt, die heute jedoch noch nicht ganz beendet werden konnten. Nach der Säuberung der Straßen werden wir die Häuser überwachen müssen, denn wir fürchten den Ausbruch einer Epidemie, die eine natürliche Folge des tagelangen gedrängten Zusammenlebens zahlreicher durch Entbehrungen physisch geschwächter Menschen wäre. Zwei Aerzte haben die Brunnen der Mellah untersucht, um festzustellen, ob sich dort etwa Leichen befänden oder das Wasser beschmutzt sei. Bei diesem Abstieg in die Brunnen hat man Schmuck, Geld und andere kostbare Gegenstände gefunden, die unsere Glaubensgenossen in der Mittwochnacht während der Plünderung ihrer Häuser hineingeworfen hatten. Die Israeliten sind noch immer in den Höfen des Palastes. Sie werden elender und verzagter in dem Maße, als die Tage hingehen, als ihre Kleidung sich abnützt und schmutzig wird. Unglücklicherweise ist die Mellah in einem solchen Zustand, daß es eine unverzeihliche Unklugheit und zudem eine Gefahr bedeuten würde, wollte man seine Bewohner in die Häuser zurückkehren lassen. Das werden sie erst in einigen Tagen können. Inzwischen werden sie in den Höfen des Palastes verbleiben, wohin wir ihnen jeden Tag Lebensmittel in genügender Menge bringen. Die öffentliche Wohltätigkeit zugunsten unserer Glaubensgenossen äußert sich in der Form der Zuschickung von Brot und Nahrungsmitteln. Außer den Lebensmitteln, die wir täglich in die Höfe des Palastes bringen, erhalten sie solche auch von Muselmanen und Europäern, — Um die Mildtätigkeit des englischen Konsuls, des Herrn Macleed. zu kennzeichnen, möchte ich erwähnen, daß dieser Herr mit einer grenzenlosen Hingabe Lebensmittel für die Israeliten beschaffte, die er ihnen selbst hinbrachte und in seinem eigenen Hause einige Verwundeten pflegt. Die französische Gesandtschaft hört gleichfalls nicht auf, für die geflüchteten Israeliten zu sorgen. Ein rührendes Beispiel von Opferwilligkeit gibt die kleine Gemeinde Sefrou, die in wenigen Tagen 9350 Pesetas gesammelt und uns geschickt hat. Wir hoffen, daß alle marokkanischen Gemeinden sich gleich freigebig erweisen werden. Elmaleh." Was ist jüdische Politik? Berlin. Das von Herrn Fabius Schach in Berlin herausgegebene „Israelitische Wochenblatt" druckt in seiner Revue der Presse vom 3. Mai unseren Leitaitikel über „Marokko" ab und knüpft daran folgende Bemerkungen: „Daß die Selbsthilfe das beste Mittel ist, stimmt sicherlich. Nur ist dieses Mittel gerade da, wo das größte Elend herrscht, am wenigsten durchführbar. Ganz von den äußeren Kräften abgesehen, muß man zur Selbsthilfe, zur sozialen Arbeit, erst erzogen werden. Wenn der Zionismus, der doch zehn Jahre hindurch von diplomatischen Kunststückchen lebte, hier über die „diplomatischen Mätzchen der Alliance" spottet, so ist das eine bittere Ironie. Die Diplomatie der Alliance hat im Orient manches Gute geleistet; die hohe Politik des Zionismus aber hat nur Schaden angerichtet. Sicherlich verfügt auch die Alliance über mehr politische Köpfe als der Zionismus. Wozu also der gänzlich verfehlte Spott?" Es ist uns natürlich nicht eingefallen, die Selbsthilfe da zu empfehlen, „wo das größte Elend herrscht". Vielmehr verlangen wir, daß das jüdische Volk sich organisiert und allmählich zur Selbsthilfe erzieht. Dies zu erreichen, ist die zionistische Organisation bestrebt. Was die Bemerkungen des Herrn Schach über die „diplomatischen Kunststückchen" des Nr. 19 Zionismus anlangt, so kann nichts deutlicher den Unterschied zwischen unserer Auffassung und der unserer Gegner kennzeichnen. Daß die Alliance manches Gute geleistet hat, bestreiten wir keineswegs. Aber sie beschränkt sich eben darauf, hier und da einzelnen Juden „Gutes zu tun" und treibt keine zielbewußte jüdische Politik, die dem jüdischen Volke als Gesamtheit dient. Eben deshalb erreicht sie in Zeiten besonderen Elends Augenblickserfolge, die keine nachhaltige Wirkung haben. Die zionistische Organisation war stets bestrebt, politische Arbeit zu leisten — aber n i e galt ihr die einzelne politische Aktion als Selbstzweck, sondern immer nur als Mittel zur Realisierung des zionistischen Programms, d. h. zur nationalen Konzentration des jüdischen Volkes in Palästina. Herr Fabius Schach, der sich früher zu den Zionisten rechnete, sucht sich jetzt in echter Renegatenmanier am Zionismus zu reiben. Er jammert über die „Extreme" im Judentum, insbesondere über die zionistische Bewegung, die nur Unfrieden stifte, und empfiehlt den bekannten „goldenen Mittelweg", nämlich die Parteilosigkeit. Mit dieser Parteilosigkeit wird Herr Schach keinen Hund hinter dem Ofen hervorlocken. Heute gilt es Partei zu nehmen für oder gegen die Erhaltung des Judentums, für oder gegen jüdisch-nationale Politik — für oder gegen den Zionismus. Die Vorbereitungen zu den Dumawahlen (Von unserem Berichterstatter.) Odessa. Das öffentliche jüdische Leben in Rußland steht in letzter Zeit im Zeichen verschiedener Wahlkämpfe und Wahlvorbereitungen. In erster Reihe kommen diesbezüglich die bevorstehenden Wahlen in die vierte Duma in Betracht. Sechs Monate trennen uns noch von den neuen Wahlen, trotzdem aber ist die Wahlkampagne im gesamten Reiche bereits in vollem Zuge. Den größten Eifer legen natürlich diejenigen Kreise und Parteien an den Tag, die völlige Bewegungsfreiheit haben. Denn gerade diese sind es, die das Urteil der Wähler am meisten zu .fürchten haben, trotzdem der denkwürdige Staatsstreich vom 3. Juni 1907 mit seiner „Wahlreform" die denkbar günstigsten Bedingungen für sie geschaffen hat. Unsere Bureaukratie sowohl, wie unsere rechtsstehenden Parteien rüsten eifrig zum Kampfe, und es braucht nicht erst gesagt zu werden, daß sie keines der spezifischen „echt russischen" Mittel unbenützt lassen. Die übergroße Nervosität, die dabei zum Vorschein kommt, beweist indes, daß sie ihrer Sache durchaus nicht sicher sind. Auch der oberste Lenker der Staatsgeschäfte, Premierminister K o k o w z e w , sah sich bereits veranlaßt, sein gewichtiges Wort in die Wagschale zu werfen. Man hatte nämlich in letzter Zeit sehr beunruhigende Symptome dafür wahrgenommen, daß das Großbürgertum, daß die Handels- und Industriemagnaten, bislang Parteigänger der pseudokonstitutionellen Regierungspartei der Oktobristen, eine bedenkliche Schwenkung nach links gemacht hatten. Diesem Uebel abzuhelfen entschloß sich nun K o k o w z e w. Er eilte nach dem Zentrum des industriellen Rußland, nach Moskau, wo er am 16. April in einer speziellen Versammlung des Börsenvereins eine hochbedeutsame Rede hielt. Er erging sich in Lobeshymnen auf die dritte Duma und wünschte auch der vierten Duma ähnlich ruhige und produktive Arbeit zu leisten, wie ihre Vorgängerin. Am Schlüsse sprach er seinen „unumwundenen" Wunsch aus, daß die handel- und gewerbetreibende Klasse in der vierten Duma mehr zur Geltung komme. So wurde dem gutsituierten Kaufmannsstande politisch fein angedeutet, daß er auf die tatkräftige Unterstützung der Regierung rechnen darf, wenn er seinerseits dazu beitragen wird, daß auch die vierte Duma sich ebenso „leistungsfähig" — will sagen: dienstfertig — erweist, wie die dritte. Der Sprecher des Moskauer Kaufmannstandes, Börsenobmann K r e s t o w n i k o w , verstand sehr gut den Wink und sprach in seiner Antwortrede — von der großen Bedeutung der Schutzzölle für die russische Industrie. Man darf also den politischen Kuhhandel als abgeschlossen betrachten; unsere Bourgeoisie wird den „Traditionen der dritten Duma", wie sich Herr Kokowzew ausdrückte, treu bleiben. Daß unsere obersten Stände, die von den erzreaktionären Prälaten abhängigen Geistlichen und insbesondere der infolge des Wahlgesetzes von 1907 ausschlaggebende Adel, dessen feudale Gelüste in den letzten Jahren mit jedem Tage wachsen, DIE3§KELT

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