Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 19 (10.5.1912)
- Date
- 1912-05-10
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3315709-3316514-3316533--55976-3349838- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Häuser zeigte, deren Bewohner sich mit dem Mut der Verzweiflung verteidigt hatten und zuletzt doch den Kugeln und den Flammen zum Opfer gefallen waren. Am Morgen des Donnerstag forderte ich angesichts der bereits begangenen Grausamkeiten und um neues Unglück zu verhindern, die Insassen der benachbarten Häuser auf, zu entfliehen. Ich selbst verließ mit den Meinigen und unseren sämtlichen Flüchtlingen das Haus und wir eilten, in einen an den Palast des Sultans grenzenden Garten zu gelangen. Hier verbrachten wir den Rest des Tages, gehetzt und verfolgt von Bosket zu Bosket, von einer Hütte zur anderen. Es war eine Flucht unter Schrecken und Bestürzung, die ich Ihnen nicht schildern kann. Frauen und Kinder hängten sich weinend an mich im Glauben, ich besäße die Mittel, sie zu retten. Am Abend kam die Rettung. Von Mitleid bewegt ließ der Sultan alle Israeliten holen und ihnen die Tore des Palastes öffnen, an die wir im Laufe des Tages vergeblich geklopft haben. Fast 2000 Israeliten flüchteten an diesem Abend in einen der Höfe des Palastes. Was war aus den anderen geworden? Wir zitterten, wenn wir an ihr Schicksal dachten. Die Nacht verbrachten wir in diesem Hof des Palastes im Regen, krank und hungrig. Wir hatten seit Mittwoch früh nichts gegessen und konnten vor Freitag früh kein Stück Brot haben. Am Morgen ließ uns der Sultan mit unseren Familien zu sich kommen. Wir bestanden darauf, auch unser Personal einzuführen, was auch gestattet wurde. Man empfing uns in einem Hause, wohin der Sultan kam, der sich zwanglos und freundlich mit uns unterhielt. Bis heute Morgen genossen wir im Palast völlige Gastfreiheit. Ich verließ den Palast, um zur Gesandtschaft zu gehen und mich für die Israeliten zu verwenden. Der Rest der Israeliten war am Freitag früh im Palast aufgenommen worden. Der Sultan ließ freigebig Lebensmittel an sie verteilen. Die Militärbehörde, die Gesandtschaft, der englische Konsul haben Brot geschickt. Vom Palast aus habe ich Ihnen auch die erste Depesche folgenden Inhalts geschickt: „Mellah drei Tage lang geplündert. Zahlreiche Tote, Verwundete. Jüdische Bevölkerung im Palast des Sultans aufgenommen. Sendet schnellstens Hilfe. Elmaleh." Nachdem ich den Palast verlassen und in das europäische Viertel fliehen konnte, wo ich gegenwärtig wohne, habe ich mich bemüht, im Bürgerhospital von Fez alle verwundeten Israeliten zu vereinigen. Zwei französische Aerzte waren uns von Herrn Regnault zur Verfügung gestellt worden. Wir haben ungefähr 25 Verwundete, von denen mehrere sterben werden. Die Israeliten sind im Palast geblieben und leben von den Nahrungsmitteln, die wir unter sie verteilen. Sie befinden sich in den Höfen des Palastes ohne Dach, ohne Kleidung, auf der bloßen Erde kauernd, von Krankheit und Fieber befallen oder eingeschlossen in den Löwenkäfigen, die ihnen als Obdach dienen. Der Anblick, der sich mir jedesmal beim Betreten der Höfe bietet, zerreißt mir das Herz. Ich habe Ihnen gestern ein zweites Telegramm mit folgendem Wortlaut geschickt: „Mellah zu drei Viertel durch Feuer zerstört. Bevölkerung noch im Palast. 50 Tote, 24 Verwundete. Französische Gesandtschaft verteilt Lebensmittel und leistet ärztlichen Beistand. Muselmanische Bevölkerung eröffnet Sammlung zugunsten der israelitischen Opfer. Elmaleh." Heute Morgen habe ich mit Herrn Regnault, einem Architekten, Aerzten und Offizieren den Resten der Mellah einen Besuch abgestattet. Wir durchschritten das vor kurzem noch so belebte freundliche Viertel, das heute verlassen und im tiefsten Schweigen dalag. Die Fassaden der Häuser sind aufgerissen, ganze Straßen bedeckt mit den Trümmern eingefallener Häuser, zerschlagener Türen und zerbrochener Möbelstücke. Es sind die Spuren einer dreitägigen Plünderung, der sich einige hundert Räuber in aller Ruhe hingegeben haben. Die Leichen, die die Straßen bedeckten, konnten fortgeschafft werden. Es sind mehr als 50, Männer, Frauen und Kinder. Wieviele werden wir noch unter den Trümmern finden? Ich bin in die Schule eingedrungen, in meine Wohnung. Nichts ist übrig geblieben. Alles, was nicht mitgenommen werden konnte, ist zerschlagen, zerrissen worden. Bei mir, in dem einzigen in der Mellah bekannten französischen Haus, hat man mit wahrer Erbitterung gehaust und alles, was ich besaß, gestohlen oder vernichtet. Ich habe Herrn Regnault zur Besichtigung zahlreicher Häuser veranlaßt, um ihm einen Begriff von der Größe des Unglücks zu geben. Vom Besuch in der Mellah zurückgekehrt, ging Herr Regnault in unserer Begleitung in die Höfe des Palastes, um die Israeliten zu besuchen. Der Gesandte sagte ihnen ermutigende Worte, die unsere unglücklichen Glaubensgenossen etwas trösteten. Nach so viel Unheil haben wir die unabweisbare Pflicht, nach besten Kräften die Schäden zu heilen, Unrecht wieder gutzumachen, da Leben zu schaffen, wo der Tod hindurchgegangen ist. Der Sultan hat auf Anregung des Herrn Regnault eine offizielle Kommission eingesetzt, die die Fürsorge für die Israeliten übernommen hat. Sie besteht aus folgenden Persönlichkeiten: Si Mohammed Tasi, Minister der öffentlichen Arbeiten, Präsident, Elmaleh, Direktor Ihrer Schulen in Fez, Sekretär und Schatzmeister, Herr Mercier, französischer Konsul, Herr Tranchant de Lunel, Architekt, Herr Dr. Weißgerber und zwei andere französische Aerzte. Ich bitte Sie inständigst, uns so viel Mittel zu senden, als Sie irgend können, und in der ganzen Welt, überall, wo sich Glaubensgenossen befinden, Sammlungen unter Ihrer Führung zu veranstalten. Unsere erste Sitzung hat heute Abend stattgefunden. Wir haben beschlossen, in erster Reihe an die Säuberung der Straßen zu gehen, die die Straßen bedeckenden Trümmer fortzuschaffen. Arbeiterabteilungen, jede unter Führung eines Mitglieds der Kommission, werden unter Beihilfe französischer Soldaten morgen mit dieser Arbeit beginnen. Wir hoffen, daß wir schon übermorgen die Israeliten in die Mellah zurückkehren lassen können. Andererseits sammle ich so viel Lehensmittel als irgend möglich in einem Depot, das ich in der Mellah errichtet habe, von wo aus die Verteilungen erfolgen. Ich werde Sie von unseren Beschlüssen und unseren Arbeiten unterrichten, über die wir dem Sultan und dem französischen Konsul berichten müssen. Ich muß arabische Kleidung tragen, um außerhalb des europäischen Viertels mich bewegen zu können, meine Lebensmittel einzukaufen und nach dem Palast zu gehen, denn die Stadt wird noch immer von aufständischen Soldaten und mordbereiten Fanatikern beunruhigt. Elmaleh.'* * In einem weiteren Schreiben heißt es: „Fez, 24. April 1912. Das halbe Viertel ist zerstört, niedergebrannt und infolgedessen unbewohnbar. Einzelne Mauern stehen noch aufrecht da, aufgerissene Häuser bewahren wie durch ein Wunder das Gleichgewicht, andere stehen nach dem teil weisen oder vollständigen Bombardement ihrer Nachbarhäuser ohne jede Stütze und sind wegen der drohenden Einsturzgefahr unbewohnbar. Wir haben beschlossen, sofort mit den Abbrucharbeiten zu beginnen, für die wir die Hilfe der Geniesoldaten und Offiziere erbeten haben. Diese Abbrucharbeiten haben heute begonnen. Wir benutzten diese Gelegenheit, um die Mellah zu erweitern