Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 19 (10.5.1912)
- Date
- 1912-05-10
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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564 DIEIaEELT: Nr. 19 Ebenso sicher ist es aber, daß gar mancher Gutgesinnte schwankend geworden ist über die Lage des jüdischen Volkes, und über sein eigenes Judenproblem nachdenkt und uns zustrebt. Darum wollen wir den Suchenden entgegeneilen und ihnen unsere alten Wahrheiten zurufen: Es ist ein verhängnisvoller Irrtum, wenn Ihr noch immer glaubt, durch Vertuschung der Judenfrage dem Fortschritt zu dienen. Dieses brennende Problem der Gegenwart, das gelöst werden muß, sollen die Worte „moderne Kultur" und „gutes Europ-äertum" Berechtigung haben, muß vor der breitesten Oeffcntlichkeit aufgerollt werden. Das g a n z e Problem, die ganze Tragödie der jüdischen Heimatlosigkeit muß jeden Juden, in dessen Brust noch ein Fünkchen Würde lebt, aufs tiefste bewegen, dann muß die Repatriierung der ewig umhergejagten Wanderer auf palästinensischer Scholle gelingen, auf der schon heute ein jüdisches Bauerngeschlecht gedeiht. Heraus aus den fremdnationalen Parteien! Und meinten sie es noch so ehrlich mit den Juden — sie sind in dieser judenfeindlichen Gegenwart vom jüdischen Ballast beschwert. Eine moderne, bewußt-jüdische Organisation der Juden hingegen, in der die reichen Kräfte unseres Volkes gesammelt sind, ist b ü n d n i s f ä h i g. Sie kann den wahrhaft freisinnigen Gruppen der anderen Völker ihre starke Hand reichen, sie braucht nicht um Judenschutz zu betteln, sie kann fordern, denn sie hat zu bieten. Stoßt zu uns! Der Zionismus gibt Euch eine Vergangenheit, erfüllt von einem adeligen Volkstume, eine Gegenwart voll beglückender Arbeit und eine Zukunft mit dem köstlichsten Gute, das wir erlangen können: Einem Heimatlande! Dr. Otto Abeles. o /?= O I! DGDDDD o o vs —o , WELTCHRONIK JJ o Die Judenmetzeleien in Fez Das Zentral-Komitee der Alliance in Paris hat einen Bericht des Direktors der "Allianceschule in Fez über die gelegentlich des jüngsten Aufstands erfolgte Plünderung des dortigen Judenviertels erhalten. Herr Elmaleh schreibt: „Fez, den 22. April 1912. Herr Präsident! Wir haben Schreckliches überstanden. Die Plünderung der Mellah durch die seherifischen Truppen begann am Mittwoch, den 17. April, mittags. Ich hatte soeben die Schule verlassen und wollte gerade frühstücken, als man mich benachrichtigte, daß au den Toren der Mellah Schüsse gewechselt würden. Ich glaubte zunächst an einen belanglosen Auflauf. Mit jeder Minute aber wurden die Meldungen beunruhigender. Man berichtete mir von einem Aufstand von mehr als 5000 gut bewaffneten Soldaten, die im Begriff seien, auf die Mellah und das europäische Viertel zu marschieren. Die Tore der Mellah wurden geschlossen; aber leider mußten sie unbeschützt bleiben, weil die Israeliten weder Gewehre noch Munition hatten. Der Angriff war so plötzlich erfolgt, daß es unmöglich war, die Verteidigung zu organisieren. Jeder suchte sich allein mit den Seinen in seinem Hause zu verteidigen. Unsere Schulen füllten sich mit Massen von Frauen und Kindern, Unglückliche, die nicht wußten, daß unsere Gegenwart ihnen zum Verhängnis werden konnte, denn die Empörer suchten alle Franzosen in Fez niederzumetzeln. Ich versuchte, uns zu organisieren, um uns nach besten Kräften zu verteidigen und unser Leben so teuer als möglich zu verkaufen. Wir hatten jedoch für 400 Flüchtlinge im ganzen bloß fünf Gewehre — eine verzweifelte Situation! Gegen 2 Uhr mittags wurde mir mitgeteilt, die Räuber hätten die Tore der Mellah niedergebrannt und seien in die Stadt eingedrungen. In diesem Augenblick begann auch schon die Plünderung, und wir hörten Verzweiflungs- und Todesschreie vieler Menschen. Ich ließ um teures Geld dem französischen Gesandten Nachricht zukommen und sandte auch um Hilfe in das zwei Kilometer entfernte französische Lager in Dar Dbibag. Meine Briefe gelangten jedoch nicht in die Hände der Adressaten. Ich hoffte immer noch, daß die französischen Militärbehörden ein Truppendetachement zur Verteidigung und zum Schutz der Mellah entsenden würden. Ich kannte noch nicht die Situation des Generals Brulard, der nur über ca. 800 Mann verfügte. Aus dem Lager von Dar Dbibag war der Gesandtschaft Beistand geschickt worden, aber anstatt den kürzesten Weg durch die Mellah zu nehmen — was unsere Rettung gewesen wäre —, marschierten die Truppen durch die Felder außerhalb der Mauern der Mellah. Die aufständischen Soldaten, die bereits mehrere Häuser unseres Viertels besetzt hatten, zielten von den Mauern aus auf diese Truppen, so daß die Offiziere glaubten, die Israeliten seien ihnen feindlich gesinnt und befänden sich auf Seiten der Aufständischen. Während der General mit allen Kräften danach strebte, Herr der Situation zu bleiben und sich bemühte, um jeden Preis die Gesandtschaft und das europäische Viertel zu erreichen, um es zu schützen, waren wir in der Mellah unserem Schicksal überlassen. Ein Detachement von nur 100 Tirailleuren hätte schon genügt, die Greuel zu verhindern, von denen ich Ihnen berichte. Wir sind die unschuldigen Sühneopfer der antifranzösischen Bewegung von Fez gewesen. Wohl sind viele Franzosen getötet und verwundet worden, haben Offiziere, Kaufleute im Laufe des Mittwochs ihr Leben eingebüßt, aber viel größer ist das Unglück, das in der Mellah eine ganze Gesamtheit betroffen hat. In der ganzen Stadt Fez waren wir allein dem Verderben ausgeliefert, denn es ist grausame Wahrheit, daß bei jedem Ausbruch der Volkswut in Marokko Rachsucht und Haß in den Mellahs ihre Befriedigung suchen und finden. Die am Mittwoch begonnene Plünderung setzte sich ohne Unterbrechung bis Samstag morgen fort. Drei Tage lang wurde in der Mellah gestohlen, abgebrannt, niedergemetzelt. Die Nacht von Mittwoch zu Donnerstag war eine Schreckensnacht, an die ich mein Leben lang denken werde. Ich wachte inmitten meiner geängstigten Familie, die Waffen in der Hand. Wir hörten das Gewehrfeuer, das Geschrei der Opfer. Die Stadt war erleuchtet von dem unheimlichen Schein der Feuersbrunst. Jeden Augenblick erwarteten wir von der wilden Horde ergriffen und niedergeschlagen zu werden. Wir haben schreckliche Minuten durchlebt. Ich hatte um mich meine Frau, meine Kinder und das Personal der Schulen vereinigt, um gemeinsam zu sterben. Ungeachtet der verzweifelten Gegenwehr, die wir den Mördern entgegengesetzt hätten, wären wir doch zum Tode verurteilt gewesen, wie das Beispiel mehrerer