Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 19 (10.5.1912)
- Date
- 1912-05-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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DIE BERLIN W15, SACHSISCHE STR. 8. W ERSCHEINT 1EDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XVI. JAHRO. BERLIN, 10. Mai 1912 Wrfel* y'Dnn y'D;^*D Nr. 19. EIN PLEBISZIT Niederschmetternd für alle Juden, die in fremden Lagern stehen und den Weg zum eigenen Volkstume noch nicht gefunden haben, muß der Ausfall der Wiener Gemeinderatswahlen sein. Aber auch wir Zionisten sind übermannt von dieser Orgie des Judenhasses. Unser Verantwortlichkeitsgefühl für das Wohl und Wehe der Judenheit ist zu groß, als daß wir in diesem Augenblicke über die Richtigkeit unserer Anschauungen und Argumente Genugtuung empfinden könnten. Die christiichsoziale Partei — darüber ist nicht zu reden — war vor diesen Wahlen sehr stark erschüttert. Der Führer gestorben, die Erben verdorben. Mancher volkstümliche Hauptschreier gebrandmarkt, manche Parteigröße aktenmäßig der schmutzigsten Selbstsucht überwiesen. Schon begannen jene Kaikulanten, die stets rechtzeitig wittern, daß die Schüssel, die sie bisher nährte, karg zu werden droht, die Parteifahne zu verlassen und zu verraten, das sicherste Anzeichen des Zerfalles. Die Umwälzung zugunsten der „Freiheitlichen" schien ganz nahegerückt. \ Da wurde das alte unfehlbare „Hepp, Hepp" hervorgeholt, jener Lockruf, der die erbittertsten Feinde zu brüderlicher Jüdenhatz eint — — und die sehr geehrten Herren Wähler vergaßen, daß man sie zur Abstimmung über die „korrupte, verschuldete Gemeindewirtschaft", über den „Verrat am kleinen Mann", über den „christlichsozialen Gott Nimm", über die „erpresserische Hausherrenpartei", über den „kultur- und entwicklungsfeindlichen schwarzen Block" zur Urne gerufen hatte. Sie stimmten statt dessen über ihre Stellung zum jüdischen Mitbürger ab — es wurde ein Wiener Plebiszit über den Antisemitismus. Die Zählung ergab ein erschreckend eindeutiges Resultat. Bis auf den klassenbewußten Arbeiter, den die Lebensnot in die Opposition gegen die Rathausleute drängt, hat in der allgemeinen Kurie fast das ganze nichtjüdische Wien seine Judenfeindsdiaft deklariert. Von 164 Mandaten haben die Antisemiten 134 Sitze der Gemeindestube inne und nach dem Skrutinium sah man in allen Gassen jene unsäglich rohe Geste nachäffen, mit welcher Dr. Karl Lueger nach seinen Siegen der fanatisierten Menge verdeutlichte, daß er den verhaßten „asiatischen Fremdlingen" die Kehle zugeschnürt habe. Man mag noch so wacker an sich halten, man mag sich noch so energisch ermannen, und sich mühen, die Zähne zusammenzubeißen, stolz zu sein, dem Hohn mit verachtendem Gleichmut zu begegnen, und^ nicht zu zeigen, daß sich die eigene Menschenwürde aufbäumt, wenn man eine hochkultivierte Zweimillionenstadt im Banne eines tierischen Instinktes gefangen sieht: angesichts der Leidenschaft und werbenden Kraft des Judenhasses verliert man die Fassung und ist erschüttert von dem bitteren Geschick unseres Volkes. Man denkt an die biederen, kleinbürgerlichen, erwerbstüchtigen Schichten, die wieder um den Bissen Brot zittern, an die Scharen der Entwurzelten, an die verlorenen Existenzen, die längs der Häuserzeilen durchs Leben schleichen. Man denkt an diejenigen, denen der alte Fluch die Jugend vergiftet, den Charakter verderbt, die er der eigenen Sippe entfremdet hat. Wie mit einem Scheinwerfer hat diese Volksabstimmung auf die tieferen Ursachen der allerverderblichsten, der moralischen Judennot hingewiesen. Sie hat den unversöhnlichen Haß der anderen aufgezeigt, der die Hauptschuld an der traurigsten Erscheinung der jüdischen Gegenwart, dem jüdischen Helotentum, trägt. Darum wollen wir in diesem Augenblicke mit den bewußten und unbewußten inneren Feinden des Judentumes nicht abrechnen. Wir wollen sie wegen des würdelosen, oft schmachvollens Handelns nicht zur Rechenschaft ziehen, und ihnen nicht vorhalten, daß sie an diesem traurigen Wahlergebnisse mitschuldig sind. * Wieder einmal hat der Sturm des Antisemitismus alle diejenigen, von denen die ganze Welt schreit, daß sie eines Volkes sind und die sich doch kaum kennen wollen, in dieselbe Enge zusammengefegt. Wir sind nicht optimistisch genug, um zu glauben, daß die harte Lehre einen endgültigen Wandel schaffen, daß sich die vielfach zerklüftete und einander befehdende Judenheit Wiens auf dem gemeinsamen Boden des eigenen Volkstums finden wird. Wir sind vielmehr überzeugt, daß wohl der größere Teil schon morgen nach allen Richtungen auseinanderstieben, hastig da und dort unterschlüpfen wird und schon übermorgen die vorgestrige Katastrophe vergessen hat.