Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 18 (3.5.1912)
- Date
- 1912-05-03
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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544 DIEMELT: Nr. 18 schaffen hat. Er gibt immer nur sich selbst. Nichts äußerlich Herangekommenes, nichts, das ihm mit andern gemeinsam wäre, kennt dieser echte Lyriker. Er hat nur einen Stoff: sich selbst, den zerrissenen, ruhelosen, friedlosen Menschen. Sein Verhängnis ist der Ueberschuß an Kraft. Versehentlich — so meint er einmal — habe der Schöpfer seiner Seele ein doppeltes Maß an flammendem Leben, an stürmischem Freiheitsdrang eingegeben. Der Dichter möchte ein Manifest erlassen, möchte alle einladen, die den Hammer, die Keule zu schwingen verstehen. Mögen sie hämmern mit vereinter Kraft! Ob es ihnen gelingen wird, das laute Pochen seines Blutes, das Drängen seiner Kraft zu übertönen . . . Es ist nicht gut wenn ein Mensch eine solche Gabe in die Wiege mitbekommen hat. Er möchte Welten schaffen, Welten umfassen -- und muß sein Menschenschicksal tragen. Das ist des Dichters „großes Leid". „Ein unendliches Leid zehrt an mir, mein Reichtum ist groß und ich weiß ihn nicht hinzugeben". Schimonowitz erzählt ein Märchen von einer Wolke. („AI merchabc zijah"). Sie war die Tochter des Ozeans und der Sonne. Vom Vater hatte sie das stürmische Fluten, den Drang nach Kampf und Sieg geerbt, von ihrer Mutter den Wunsch, ihre Kraft in segnender Befruchtung ausströmen zu lassen. Aber ihr Schicksal zeichnete ihr den Weg vor ----- über einer Wüste hinzufliegen. Endlos dehnt sich das Sandmeer, vergebens blickt die Wolke von ihrer Höhe nach einem Felde, einem Wald aus, um da ihren Ueberfluß hinzugeben. Nur nackte Felsen, brennende Sandberge starren empor. Die Wolke will segnen; gierig, lechzend verschluckt der glühende Sand die kühle Flut. Aber die Wüste weiß nichts von Fruchtbarkeit und Wachstum. Kaum daß sie einen Augenblick erbebt, wie in der Erinnerung an ein uraltes Märchen, an lange vergangenes Leben . . . Und wieder ölut und Schweigen ringsum . . . Meintest du dich, du Dichter, du hebräischer Dichter? . . . Schimonowitz ist arm aus Reichtum. Die Wüste ist seines Lebens Bild. Er hört ihren Geist klagen, ob der Sonnenglut, die sich fruchtlos an ihr verschwendet. Seine Blumen verdorren oder erfrieren an jener inneren Kälte, die ihn auch in der Sonne des Südens schüttelt. Aber was taugen Blumen, die verwelken, was nützt ein Licht, das verlöschen kann. Das ewige Weltenlicht will er schauen. „Soll e s mir nicht offenbar werden, dann will ich deine Beute werden, harter, scharfer Winterfrost". Dieses Motiv des „Alles oder Nichts!" kehrt in des Dichters Gedankenwelt immer wieder. Er wirft sich Lilith in die Arme, verschreibt sich dem Teufel, da Gott ihn nicht erhören, sich ihm nicht offenbaren will. Fort mit allem „Vielleicht" oder „Vermutlich", fort mit allen Täuschungen des Augenblicks! Dieses Lebensgefühl hat Schimonowitz in einem Gedichte verarbeitet, dessen Inhalt eine grandiose Auffassung eines vielgelästerten Talmudwortes ist. Es heißt einmal: „Wenn einer des Weges geht und lernt und sein Studium unterbricht, um auszurufen: Wie schön ist dieser Baum, wie lieblich dieses Feld! — dann ist er des Todes wert". Als sich vor einigen Jahrzehnten das europäische Lebensgefühl in der hebräischen Literatur Bahn brach, da war dieser Satz die Zielscheibe heftiger Angriffe und man exemplifizierte gerade an dem Gegensatz, in dem ein solches Wort zur modernen Lebensauffassung steht, die Notwendigkeit einer Umwertung der Werte innerhalb des Judentums. Schimonowitz, dem man wahrlich nicht den Vorwurf einer Naturfeindschaft machen kann, eignet sich nun doch jenes Wort an. („Benafschi ani lo ethehajew".) Und er tut dies mit einer kühnen Wendung des Gedankens: Alle Schönheit der Natur — so etwa lautet das trockene Argument dieses leidenschaftlichen Gedichtes — ist Gott nur ein Mittel gewesen, um sich seiner Welt zu verbergen. Es ist unmündiges Kinderspiel, wenn man sich ob der Freude an dieser Schönheit von jenem Wege ablenken läßt, der über sie hinaus zur Erkenntnis des Weltengrundes führt. Mag der Schmetterling sich am Blumenkelch freuen und das junge Vieh auf seiner Wiese arglos lagern — die Menschenseele darf sich nicht täuschen lassen; des Dichters Seele mag sich nicht damit zufrieden geben, daß man ihr ein Geheimnis enthüllt und Myriaden verschleiert. Wenn das Leben nur genossen werden kann in Blindheit und mit lahmen Flügeln, dann sei es verflucht. Und lieber fliegt die stürmische Seele dem Abgrund zu, als daß sie ihr Genügen fände an der Schönheit, die sich ihr mühelos darbietet . . . . . . Dem Abgrund zu. Und dieser Abgrund trägt einen fürchterlichen Namen: Langeweile. Soll der Adler, dem die Flügel beschnitten wurden, sich damit zufrieden geben, mit den Gänsen um die Wette zu fliegen, der Löwe im Tiergarten den Gaffern zuliebe brüllen? Was sind unserm Dichter die Zerstreuungen der Menschen? Und wollte er sie auch aufsuchen, wollte er im Weine seinen Schmerz betäuben, es begleitet ihn auch da seine geheime Genossin, die Einsamkeit, die Oede. Er hat das Geheimnis des Lebens durchschaut, aber in einer fürchterlichen Weise. War ihm in seiner Jugend das Leben als eine gerade Bahn erschienen, die ewig vorwärts führt, so sieht er sich jetzt plötzlich auf alten Pfaden wandeln. Das Leben ist ein Kreis, der in sich selbst zurückkehrt. Ein enger Kreis und wehe dem, der ihn schnell durchlaufen hat. Noch eilt ein Fuß einem Ziel entgegen, und schon stockt der andere, gebannt von der alten, von ihm selbst getretenen Spur . . , Ewige Wiederkehr! Wir sind gewohnt, diesen Gedanken mit Nietzsche philosophisch zu betrachten und dann wird er freilich zum unsinnigen Phantom. Er nimmt nichts und gibt nichts. Denn die Dinge kehren ja genau so wieder wie sie einmal da waren und sie waren schon so und so oft in derselben Gestalt da. Dieselben Spannungen und Reize, welche dieses Leben jetzt bietet, werden das nächste ebenso erfüllen. Diese Multiplikation ändert nichts am Dasein. Anders ist es, wenn unsern Dichter das Bewußtsein davon ergreift, daß dieses eine Leben sich in einem kleinen Kreise dreht. Nun kehrt ihm nicht mehr das Gleiche wieder, vielmehr lösen sich ihm alle Erlebnisse in das Nichts der Langeweile auf. Nun ist er von dem Hegeischen Gefühle gepackt, daß die Unsterblichkeit, wenn sie nichts anderes wäre als ein endloses Fortführen des Lebens, der schrecklichste Gedanke wäre. „Es wühlen die Wellen im Ozean und branden gegen den Felsen. Die Wogen, die eben anbrandeten und zurückfluteten, beginnen ihr ewiges Spiel von neuem." Nicht im zeitlichen Fortgang allein kann die Erlösung liegen, sie muß gewissermaßen in einer andern Dimension gesucht werden. Doch Schimonowitz kennt nur die negative Seite dieses Lebensgefühls: Pessimismus, Verzweiflung. Er möchte als Einsiedler in die Wüste gehen, aber nicht, um da einem Gott zu leben, sondern um stumm nur dem einen Werk zu dienen: die Ringe jener Kette, die sich von Geschlecht zu Geschlecht spannt, einen nach dem andern wie durch