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Die Welt · 1912-05-03 · 18 (3.5.1912) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
18 (3.5.1912)
Date
1912-05-03
Page
– (sequence 4)
Language
German
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538 DiEl flüchtet, sollen auf Antrag des Verteidigers Grusenberg kommissarisch vernommen werden. Das Gesuch der Verteidiger, den Angeklagten Bei Iis mit Rücksicht auf die Verschiebung des Prozesses und seine durch die lange Haft geschwächte Gesundheit gegen Bürgschaft auf freien Fuß zu setzen, wurde abschlägig b e s c h i e d e n. Der Gerichtsarzt hatte nämlich die gutachtliche Erklärung abgegeben, daß der Gesundheit des Angeklagten durch die fortgesetzte Haft keine Gefahr drohe . . . Der vom Justizmirüster S c h t s c h e g 1 o \v i t o w nach Kiew entsendete Prokurator der Petersburger Gerichtskammer, W i p p e r t, der die Anklage gegen Bertis vertreten sollte, hat nunmehr dem Justizminister einen Bericht unterbreitet, in welchem er um seine Enthebung vorn Amte des Anklägers bittet, da seiner Ansicht nach die Anklage gegen Beilis völlig unhaltbar ist. Ritual mordhetze in Prag (Von unserem Berichterstatter.) Prag. Während der Kiewer Prozeß angesetzt und abgesetzt wird, werden die Lügen, die das russische Volk gegen die Juden aufhetzen sollen, zu ähnlichem Zwecke auch in Böhmen, bei dem verwandten Volke der Tschechen verwendet. So bringt das Organ des ehemaligen christlich-sozialen Abgeordneten M y s 1 i v e c das Bild des angeblich von den Juden ermordeten Knaben Trinsoinsky mit einem rohen und aufreizenden Texte. Dieses Bild ist von der Staatsanwaltschaft nicht konfisziert worden, und die angeblichen Hüter der Sicherheit hätten alle beiden Augen wohlwollend zugedrückt - hat doch auch das Organ des böhmischen Statthalters mit dem Ritualmordoedanken gespielt - wenn nicht das zionistische Blatt Prags, die „Selbst w e h r'\ das ekelhafte Bild demonstrativ faksimiliert abgedruckt hätte, jetzt sind die Juden aufmerksam geworden, und angesehene Körperschaften werden wahrscheinlich maßgebenden Ortes verlangen, der Hetze ein Ende zu machen. Das Prager Jüdische Museum Vor einigen Jahren, als die Deniolierung der Prager Judenstadt au die letzten Ueberbleibsei des Altprager Judentums rührte, wurde ein Verein zur Gründung und Erhaltung eines Jüdischen Museums geschaffen, und in diesen Tagen konnten die Museumsschätze in geeigneten Räumlichkeiten, im Hause der Beerdigungsbrüderschaft, knapp neben dem alten jüdischen Friedhof, untergebracht werden. Die Sammlungen bilden jetzt eine Sehenswürdigkeit Prags. Sie bergen reiches Dokunientenmaterial, besonders zur Geschichte der böhmischen und Prager Judenschaft bis zur Kmanzipation im Jahre ISIS. Daneben kunstgewerbliche und kunsthistorisch wertvolle Stücke aus der Synagoge und dem jüdischen Haus: Thoravorhänge, Thoramäntelchen, samt allem metallenen Thoraschmuck, Sabbatlampen, Chanukalampen, Jahrzeitleuchter, Verlobungsringe, Siegelstöcke, Sederschüsseln und unzähliges aridere. Unter anderem ist da zu sehen die alte Zunftschüssel der Prager jüdischen Fleischhauer und ihre ,,Schwedenfahne'1, Bilder berühmter Prager Rabbiner, wie das des Jonathan Eibenschitz, Ezechiel Landau, das schmiedeeiserne Gitterwerk einer Synagoge, ein Beschneidungsstuhl und schließlich bis aus dem 14. Jahrhundert stammende Grabsteine. Das Museum (in der Josef Städter Gasse) enthält Schätze, wie sie vielleicht keine andere Gemeinde besitzt. Um die Gründung des Museums haben sich besonders Dr. Lieben uiid Magistratsrat Stein Verdienste erworben. Alle Zeitungen Böhmens bringen anläßlich der Eröffnung lange Aufsätze. Ein Weltverband der orthodoxen Juden Das p r o v i s o r i s c h e K o m i t e e des geplanten Weltverbandes der orthodoxen Juden „Agudath Jisroelu sendet uns ein Cornmunique zu, dem wir folgendes entnehmen: Der in der jüdischen Presse seit längerer Zeit wiederholt besprochene -Gedanke einer, gemeinsamen Organisation der thoratreuen jüdischen Kreise in allen Ländern der Erde geht nunmehr der Verwirklichung entgegen. Ein provisorisches Komitee unter dein Voi^itze des Herrn Kounner/.ienraf Louis F e i s I in Frankfurt a, M., aus bekannten Persönlichkeiten [ELT Nr. 1c der westeuropäischen Orthodoxie bestehend, lädt auf Montag, den 27. Mai, zu einer größeren vertraulichen Konferenz nach K a 11 o w i t z (Oberschlesien) ein, zu der die hervorragendster; Führer der gesetzestreuen Bevölkerung Rußlands, Ungarns und Galiziens erwartet werden. Schon vor einigen Jahren berief die Freie Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums eine vertrauliche Konferenz nach Homburg v. d. Höhe ein, an der dh rabbinischen Führer der orthodoxen Judenheit Rußlandneben angesehenen Persönlichkeiten aus Ungarn und Dcutsc h 1 a n d teilnahmen und in der darüber beraten wurde auf welche Weise eine umfassende Organisation geschaffer werden könnte, ,,die, auf dem geschichtlichen Boden der Thor;« ruhend . . . sich der .Lösung der vielgestaltigen praktische! und religiösen Aufgaben der jüdischen Gesamtheit widmen uiu die zum Zwecke solcher Gemeinschaftsarbeit Ost und Wes einander nähern könne." In der Homburger Kon ferenz wurden nun unter allseitiger Zustimmung die Grundzüg» eines vorläufigen Statuts vereinbart. Die Ziele der zu bildenden Organisation sind nach jenei Homburger Beschlüssen folgende: a) Die organisatorische Zusammenfassung und innere An näherung der zersprengten Teile der gesetzestreuen Juden heit, insbesondere der östlichen und westlichen Juden, b) Di» großzügige Förderung des Thorastudiums und der jüdischer Erziehung überhaupt in den dieser Förderung bedürftige! Ländern, c) Die Besserung der wirtschaftlichen Lebensbedin gungen für die jüdischen Massen in den Ländern der No' und in P a 1 ä s t i n a. d) Die Organisierung und mit wirkende Förderung von Hilfsaktionen im Falle des Bedürl nisses (Emigration) usw. e) Die Förderung einer von echten jüdischen Geiste erfüllten Presse und Literatur, f) Die Vertretung der thoratreuen jüdischen Gesamtheit nach außen und die Abwehr der gegen die Thora und ihre Bekenner ah solche gerichteten Angriffe. In der nunmehr nach Kattowitz einberufenen ge schlossenen Konferenz sollen die Grundlagen des großen Unter nehmens noch einmal durchgesprochen, die Grundzüge de; Organisation, die auf breitester volkstümliche; Basis ruhen wird, vereinbart und nach erfolgter Konstituierung die vorbereitenden Maßnahmen zu umfassender Propaganda getroffen werden, für den Herbst ist alsdann der ersten größere Delegiertentag der „Agudath Jisroel" in Aussich genommen. * Aus B u d a p e s t wird hierzu geschrieben : Vorige Woche fand hier in der Landeskanzlei der orth< doxen Judenschaft eine Konferenz in Angelegenheit des ge planten orthodoxen Weltverbandes „Agudath Jisroel44 stat An der Konferenz nahmen die Rabbiner Dr. S. Breuer Frankfurt a. M., R e i c h - Budapest, S i 1 b e r s t e i n - Waitzc; und der Präsident der Landeskanzlei, Adolf F ran kl, teil Dr. Breuer teilte mit, daß das Komitee der ,,Agudath Jisroeh die Einberufung einer Gründungsversammlung nach Katto witz (Oberschlesien) beschlossen habe und bat die rabbim sehen Führer der orthodoxen Judenschaft Ungarns um derei Anschluß an die Bewegung und um die Beschickung dt Katto witzer Versammlung. Nach längerer Beratung erklärte sich die ungarischen Konferenzteilnehmer mit dem Programm des Verbandes einverstanden und versprachen, die Angelegen hert der demnächst einzuberufenden Zentralkommission; de orthodoxen Gemeinden befürwortend zu unterbreiten. Wen. sich die Zentralkommission für den Anschluß ausspreche wird, so werden einige Delegierte aus Ungarn an der Grür, dungsVersammlung in Kattowitz teilnehmen. Von der jüdischen Einwanderung nach Amerika Soeben wird das statistische Material über die Einwandt rung im Februar d. Js. veröffentlicht. Danach landeten i diesem Monat im New-Yorker Hafen 4200 jüdische Enr granten (gegenüber 3S80 im Februar 1911). Unter den jütischen Einwanderern befanden sich 2550 aus Rußland. 56 jüd dische Einwanderer wurden teils wegen ihres Gesundheit zustandes, teils, weil angenommen wurde, sie würden dt öffentlichen Wohltätigkeit zur Last fallen, zurückge wiese und mußten in ihre Heimat zurückbefördert werden. Di Geldbetrage, die die jüdischen Einwanderer mit sich führte: beliefen sich auf 157 000 Dollar.

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