Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 18 (3.5.1912)
- Date
- 1912-05-03
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Das Los der galizischen Juden Der geplante Wahlrechtsraub — Eine Erklärung des Statthalters — Interpellation des Abg, Breiter Die vereinigten galizischen Judenfeinde bemühen, sich erfolgreich, anläßlich der bevorstehenden Landtagswahlreform die Juden zu knebeln,. Man will den 800 000 galizischen Juden — elf Prozent der Gesamtbevölkerung des Landes — die Möglichkeit rauben, eigene Vertreter in den Landtag zu entsenden, Gegenwärtig werden zwischen der Landesregierung und den einzelnen Parteien unter Mitwirkung der Zentralregierumg Verhandlungen gepflogen, auf Grumd derer die neue Wahlordnung festgestellt werden soll. Hierbei werden die Forderungen aller Landesbewohner zur Kenntnis genommen — nur die Vertreter des jüdischen Volkes werden nicht gehört. Daß man die Juden bei dieser wichtigen Reform nicht nur vergißt, sondern daß man die neue Wahlordnung g e g e n die Juden zu machen gedenkt, geht aus einer Aeußerung des Statthalters Bobrzynski im Wahlreformausschusse hervor. Skrupellos erklärte er, die Regierung werde darauf achten, daß keine Wahlkreise mit jüdischer Majorität geschaffen werden — und man weiß leider nur zu gut, wie gewichtig das Wort eines galizischen Statthalters ist. Die Abgeordneten Breiter, Reizes und Konsorten richteten im österreichischen Abgeordnetenhause eine Interpellation an den Minister des Innern und den Ministerpräsidenten, die Antwort auf folgende Fragen fordert: 1. Was gedenken Ihre Exzellenzen zu tun, um die berechtigten Interessen der jüdischen Bevölkerung bezüglich der Landtagswahlreform in Galizien zu wahren? 2. Sind Ihre Exzellenzen geneigt, eine Erklärung abzugeben, die geeignet wäre, die wegen der Haltung der Landesregierung in der Wahlreform des galizischen Landtags unter den Juden Galiziens entstandene begreifliche Erregung zu dämpfen? Wie die Leser der „Welt" aus wiederholten Berichten bissen, setzen die galizische zionistische und poalezionisti- >che Organisation alle (Hebel in Bewegung, um die Rechte der Juden auf eine ihrer Zahl entsprechende Vertretung im Landtage zu wahren. Die Judenmetzeleien in Fes Paris. Die hiesigen Blätter bringen grauenvolle Einzelheiten iber die Plünderung des Judenviertels in Fes und die entsetzliche Lage der 12 000 obdachlosen Juden. Hubert acques, der Berichterstatter des „Matin", schreibt seinem blatte u. a.: „Die Plünderung der M e 11 a h (des Judenviertels) mit einen 12 000 Einwohnern war derartig gründlich, daß nicht 'er kleinste Verkaufsgegenstand in den Läden, nicht das geringste ganze Einrichungs stück in den Häusern blieb. Was wegen eines Gewichts oder Umfangs nicht weggeschleppt werden onnte, wurde an Ort und Stelle kurz und klein geschlagen, ii diesem Stadtviertel, das sonst von einem lärmenden und unten Leben erfüllt war, blieb kein einziger Einwohner. Zweitausend Soldaten, unterstützt von Bewohnern on Fes, deren Zahl nie bekannt werden wird, haben volle ■rei Tage an die Plünderung gewendet. Bisher vtirden fünfzig Judenleichen aufgefunden. Mehlis doppelt so viel liegen noch unter vier vi eter hohem Schutt. In ganzen Straßen reichen die rümmer bis zur Höhe des ersten Stockwerks,. Die Häuser, 'eren Vorderseite völlig eingestürzt ist, lassen die Hintervände der Wohnungen sehen. Das heftigste Erdbeben hätte ein erschreckenderes Bild schaffen können. Am ersten Tage wurde nur geplündert. Als die Räuber 'doch das Viertel verließen, sagten sie: „Morgen kommen ir wieder, um euch ab zu schlachte n„" Sie hielten auch v'ort, doch konnten in der Nacht die Bewohner durch eine ■ ieue Pforte, die vor kurzem in der Stadtmauer durchgebrochen urde und die sich unmittelbar auf die nach dem französischen ager von Dar D e b i b a g h führende Landstraße öffnet, iis dem todgeweihten Stadtviertel fliehen. Der Sultan naJim i dem Hof seines Palastes auf, was sich dahin flüchtete. Er 'ii'ß an die Flüchtlinge alle Konserven verteilen, die in Kisten verpackt waren und als Mundvorräte für den geplanten Zug nach Rabat dienen sollten. Das genügte aber nur für eine kärgliche Mahlzeit, und die Unglücklichen wären Hungers gestorben, wenn die französische Militärverwaltung und das englische Konsulat sie nicht am folgenden Tage ernährt hätten,. Die Frage der Lebensmittelbeschaffung ist übrigens eine äußerst dringliche, da Fes nicht genügend Vorräte enthält, um eine derartige Menschenmenge auf öffentliche Kosten zu unterhalten.. Die Flüchtlinge füllen jeden Fuß breit Erde, den sie in dem weitläufigen Sultansgarten, in den Gebäuden, Gängen, Stallungen und Schuppen, finden können. Man hat ihnen auch den inneren Hof geöffnet, der als Tierzwinger dient und an allen vier Seiten von Käfigen eingenommen ist, die mit hohen, starken Eisenstangen geschlossen sind. Alle Käfige, die keine wilden Tiere enthalten, sind den Frauen und Kindern geöffnet worden, und man sieht Zelle an Zelle neben gewaltigen Löwen des Atlas, neben aufgeregt umhertobenden Panthern und Leoparden, neben einem großen grauen Bären und neben kletternden Affen Hunderte junger Frauen, die ihre Säuglinge nähren, und ganze Haufen kleiner Kinder, die die Köpfe und Hände durch die Eisengitter strecken, ohne sich um ihre brüllenden, wilden Nachbarn zu kümmern,." Angesichts des unbeschreiblichen Elends regt sich überall die Hilfstätigkeit. Der Hilfsverein der deutschen Juden hat für die Linderung der ersten Not 20 000 Francs bereitgestellt Sir Ernest Cassel in London spendete 500 Pfund Sterling. Die „Alliance Israelite Universelle" hat den Betrag von 100 000 Francs nach Fes telegraphisch überwiesen. Leider erweist sich das Geld, das unter die Unglücklichen verteilt wurde, vorläufig so gut als wertlos, da es keine Möglichkeit gibt, 10 000 Kilogramm Brot anzufertigen, die täglich nötig sind. Auch sind ungeheure Hilfsmittel erforderlich, um die Massen zunächst wieder in Wohnstätten unterzubringen. 34 Schwerverwundete sind bisher in Krankenhäusern untergebracht. Viele Tausende kampieren im Sultanspalast in den großen Höfen, in den Gängen, Magazinen, Stallungen, überall wo auch nur der geringste Raum frei ist. Die französischen Militärbehörden sind bemüht, alle Maßregeln zu treffen, um den Unglücklichen Hilfe zu bieten, doch sind sie dem Massenelend gegenüber völlig machtlos. Zum Kiewer „Ritualmord"-Prozeß K i e w. Die aufsehenerregende abermalige Verschiebung des Prozesses gegen Mendel B e i 1 i s erfolgte angeblich deshalb, weil die beiden Sachverständigen, die Professoren der Kiewer Universität, S i k o r s k i und Obolowski, der Verhandlung nicht hätten beiwohnen können, wenn sie schon im Mai begonnen hätte. Wie wenig stichhaltig diese offizielle Begründung des Gerichtsbeschlusses ist, geht schon daraus hervor, daß das Gericht erst vor kurzern die von der Verteidigung beantragte Vorladung weiterer Psychiater mit der Begründung abgelehnt hatte, der Gegenstand dieses Prozesses biete keinen Anlaß zur Vernehmung psychiatrischer Sachverständiger. Und nun soll mit einem Mal der Umstand, daß der Psychiater Sikorski der Verhandlung fernbleiben müßte, dazu geführt haben, den Prozeß um Monate zu verschieben,. In Wirklichkeit ist die plötzliche Vertagung auf ganz andere Beweggründe zurückzuführen. Das Ergebnis der Auslosung der Geschworenen war nämlich ganz und gar nicht nach dem Sinne derjenigen einflußreichen Kreise, die aus der Ermordung des Knaben Justschinski um jeden Preis eine „Ritualmorda-Affäre machen und den Juden Bei Iis unbedingt als „Ritualmörder" verurteilt sehen wollen. Die Erreichung dieses Zieles schien durch die Auslosung gebildeter und achtbarer Kiewer Bürger, darunter auch einiger Juden, zu Geschworenen gefährdet, und darum mußte ein neuer Termin anberaumt werden, verbunden mit einer neuen Ernennung von Geschworenen. Im übrigen haben jetzt die Verteidiger ihren Antrag* auf Zulassung weiterer Psychiater außer Sikorski erneuert, und der Gerichtshof sah sich diesmal genötigt, dem Antrag wenigstens teilweise stattzugeben und als zweiten psychiatrischen Sachverständigen den Moskauer Professor Serbsky vorzuladen. Auch die österreichischen Staatsangehörigen Ettinger und Landau aus Lemberg, die beiden „bärtigen Juden", die zur kritischen Zeit in der Gesellschaft Beilis' und des ermordcv ten Knaben gesehen worden sein sollen und von denen die Anklageschrift behauptet, sie seien später ins Ausland ge-