Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 18 (3.5.1912)
- Date
- 1912-05-03
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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536 DIEE^EELT: ziehen, so gibt doch der Wunsch und die Hoffnung, selber an dem Aufbau des palästinensischen Gemeinwesens teilnehmen zu können, dem Leben unserer jungen Zionisten einen höheren Inhalt. Der Prüfstein für die Stärke der Gesinnung ist die Tat. Auf diese Tat soll unsere Jugend sich vorbereiten, Nr. 18 sie soll ihr Denken und Trachten mit dem Gemeinwesen der Zukunft verknüpfen, das drüben im Lande der Väter in emsiger Arbeit erbaut wird; denn der Traum, den wir für die Gesamtheit unseres Volkes träumen, wird nur dann in Erfüllung gehen, wenn die einzelnen ihn für ihr persönliches Dasein zur Wirklichkeit gestalten. R. L. fE □ □ □ □ D o =======9 WELTCHRONIK O □ □□□□□ II O * o Der Kampf in der Alliance Berlin. Die Streitigkeiten zwischen der Pariser Leitung und der Deutschen Konferenzgemeinschaft der Alliance beschäftigen die jüdische Oeifentlichkeit fortgesetzt. Wir haben von Anfang1 an keinen Zweifel darüber gelassen, wie die zionistische Organisation sich zu diesem Streite verhält: Sie mußte das Vorgehen der Pariser Herren entschieden verurteilen, weil es in schärfstem Widerspruch zu unserem jüdischen Empfinden, ja zu den einfachsten Anforderungen der Gerechtigkeit stellt. Der W a h 1 r e c h t s r a u b , der an allen Mitgliedern der Alliance begangen wurde, die Einführung des Kooptation s s y s t e in s für die Wahlen zum Zentralkomitee, das die Ailiance einer kleinen Clique ausliefert, die mit cynischer Offenheit betriebene französisch-national« Politik, in der sich die mehr und mehr entjudeten Allianceleute gefallen - - all das mußte und muß in der jüdischen Oeifentlichkeit kritisiert und verurteilt werden. Soweit sich aber der Kampf der Gruppen und Grüppchen in der Alliance von diesen prinzipiellen Fragen entfernt, erlischt unsere Teilnahme, und die Hahnenkämpfe der letzten Zeit, in der es Erklärungen, öffentliche Warnungen, gerichtliche Klagen und Gegenklagen regnete, haben für uns kein Interesse mehr. Wir müssen es uns daher verbitten, wenn von Seiten der Pariser Leitung der Versuch gemacht wird, die -eigene Position durch Verunglimpfungder Zionisten zu bessern. Die „Israelitische Wochenschrift" in Straßburg, das deutsche Organ des Pariser Zentralkomitees, veröffentlicht einen Brief des Herrn Lazarus (des Geschäftsführers des neubegründeten Deutschen Landes-Komitees), der — nach Ansicht der Straßburger „Israelitischen Wochenschrift" — die geheimen Pläne der Zionisten enthüllt. Es ist überflüssig, den Wortlaut des Lazarus'sehen Briefes hier abzudrucken, denn die darin geäußerten Ansichten und Vorschläge bedürfen keiner ernsthaften Kritik. Der Brief gipfelt in dem Vorschlag, neben den bestehenden jüdischen Verbänden eine deutsche „Alliance" zu gründen, die den Zweck verfolgt, in Deutschland Fabriken und landwirtschaftliche Betriebe zu gründen, wo jüdische Arbeitskräfte verwendet werden sollen. „Ich sollte meinen" -- so schreibt Herr Lazarus - „daß es keiner Abwanderung bedarf und daß sich in Deutschland selbst das erreichen läßt, was die Zionisten erstreben; wenn auch nicht in der Form eines jüdischen politischen Staates, so doch in der eines jüdischen Kulturstaates". Man muß sehr unwissend oder sehr böswillig sein, um ■ in diesen „Vorschlägen" irgend etwas von zionistischer Anschauungsweise zu entdecken. Selbst die „Israelitische Wochenschrift" sollte heute —- nach 15 jähriger zionistischer Propaganda — begriffen haben, daß die zionistische Organisation keine andere Lösung der Judenfrage kennt, als die palästinensische und daß sie ihre Kräfte nicht an zweifelhafte Versuche in anderen Ländern wendet. Dies liegt vielmehr in der öedankenrichtung der Assimilation, die der Zionismus bekanntlich entschieden ablehnt. Die „Israelitische Wochenschrift" aber schließt aus dem Briefe des Herrn Lazarus, daß die Alliance „in die Arme der Zionisten. hinübergeführt werden" solle. — Wir haben nicht die Absicht, mit den Redakteuren der „Israelitischen Wochenschrift" oder ihren Hintermännern über das Wesen des Zionismus zu diskutieren; wenn die Herren es aber nicht unterlassen können, uns zu verdächtigen, so sollten sie es doch etwas klüger anfangen. Der neue Bund der Judenhasser (Von unserem Berichterstatter.) Wien. Der Judenhaß hat die Kluft überbrückt, welche bisher die Christlich sozialen und Deutschnationalen voneinander trennte. An dem Tage, an welchem sich die „Neue Freie Presse" mit der Konstatierung lächerlich machte, über den „Leib der christlichsozialen Partei sei eine Lokomotive zermalmend hingebraust", hatte sich die von den Einsichtigen und Aufrichtigen längst prophezeite Koalition der Christlichsozialen und Deutsch nationalen gegen die Juden vollzogen. Die Partei, die von Rom aus großgezogen wurde — die vatikanische Bibliothek ziert das Bild Dr. Karl Luegers —, die Partei, deren Demonstrationslied die österreichische Volkshymne ist, geht fürderhin Arm in Arm mit jenen, die nach Preußen gravitieren, die „Wacht am Rhein" singen und „Los von Rom" rufen. So gelang es, die überwiegende Zahl der schwankenden Mandate zu sichern,. In der öffentlichen Dankeskundgebung des christlichsozialen Parteichefs* heißt es: „Die Deutschnationalen Wiens haben treue Waffenbrüderschaft geleistet und sie sollen sich auch in unserer Treue nicht getäuscht haben. Wir wollen fürderhin gemeinsam kämpfen für die heiligen Rechte und Ideale des deutschen, arischen, und christliehen Volkes". Dies ist die neue Phase in der Geschichte des Wiener Antisemitismus. * Wir klagen die unberufenen Führer der Judenheit an, die geflissentlich vermieden, das zu sagen, was alle Spatzen vom Dache pfiffen: Daß in diesen Wahlgängen die Judenfrage die Hauptrolle spielt! Wir klagen die assimilatorische Presse an, die den Deutschnationalen Waber, Gaus er, Denk und Kon sorten in den Sattel half und mit tiefen 'Bücklingen dem Herrn K. H. Wolf dient. Wir klagen die von Juden gewählten getauften Abgeordneten Dr. Licht und Dr. Redlich an, die brüderlich mit jenen Deutsch-antisemitischen Parteiführern in einem Klub sitzen, welche die Juden skrupellos ans Messer liefern. Angesichts der deprimierenden Situation erneuern wir den Ruf zur Sammlungum unser Banner. : An die Stelle des Unterkriechens in fremdnationalen Lagern, an die Stelle des schmachvollen Nachlaufens hinter antisemitischen, in der eigenen Sippe verachteten Renegaten, die den getretenen, mürbe gewordenen Juden gerne mißbrauchen, um wieder zur Schüssel zu kommen, muß die nationale Einigung der Juden, m;uß das Prinzip der Selbsthilfe treten. Nur eine nationale, auf eigenen Füßen stehende, moderne Organisation der Judenheit kann sich mit den wahrhaft fortschrittlichen Elementen der anderen Völker vereinigen und die Reaktion niederzwingen.