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Die Welt · 1912-04-26 · 17 (26.4.1912) · page 10

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Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
17 (26.4.1912)
Date
1912-04-26
Page
– (sequence 10)
Language
German
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512 DIE^ELT Nr. 17 Gegen diese Negierung der Zusammenhänge hat sich der Zionismus von Anfang an mit aller Schärfe gewendet; so scharf, daß die dem Geiste Cremieux' entwachsenen Israeliten nach den Regierungsmaßnahmen schrien, die die Isoliertheit und Exklusivität der eigenen jüdischen Gruppe wahren sollten. Am tiefsten schien —- um nur von den territorialen Schichtungen im Gegenwartsjudentum zu sprechen — die Kluft zwischen Ost und West zu gähnen. Diese Kluft schien allen, die den assimilatorischen Denkprozeß nicht gründlich überwunden hatten, durchaus unüberbrückbar. Keine Brücke der geistig-kulturellen Gemeinsamkeit, keine der ökonomisch gleichartigen Schichtung, keine des Schicksals und keine des Willens sollte uns Westler mit den Ostjuden verbinden dürfen. Wir sollten im Gegenteil froh sein, den kompromittierenden Zusammenhang verloren zu haben, und sollten eigentlich mit heimlicher Freude den ^on verschiedenen Regierungen praktizi e rte n Ein wa n d e ru ngsbes ch rä n k u n ge n zu st immen. Und selbst manche ganz: ,,rechts" stehende Zionisten sind den bestechenden Schlagworten von den angeblich für immer bestehenden, durch keine Revolutionierung des Judentums w ieder zu beseitigenden Unterschieden zwischen Ost und West unterlegen und haben sich, die Not zur Tugend umdichtend, in einem fast hermetisch abgeschlossenen Zionismus für intellektuelle Westjuden ein beschauliches Wohnstättchen bereitet. Es ist ihnen nicht gelungen, ihre Theorie zu behaupten: der Zionismus hat sich im Gegenteil zu einem immer radikaleren, nicht nur mit programmatischen Worten operierenden, sondern auch manche Tatsachen schaffenden Bekenntnis zur Einheitlichkeit der Judenfrage durchgerungen. Es ist nicht allzu schwer nachzuweisen, daß die ökon o m i s c h - s o z i a i e n Verhältnisse der territorial geschiedenen jüdischen Gruppen ihre Tendenz überall von gleichen (uler ganz ähnlichen Ursachen erhalten. Diese Ursachen sind in den gegebenen Schichtungen zu finden, für die den tieferen (irund im ,,G eist des J u d e n t u in s44 zu suchen für unsere Zwecke nicht nötig ist; es kommt für diesmal und für solche Untersuchungen nicht darauf an, wie und warum sich die bestehenden ökonomischen Schichtungen so und nicht anders einwickeln mußten; sie sind einmal da und jeder objektive Korscher muß mit ihnen als gegebenen Tatsachen rechnen. Wir haben in der 1 )iaspora k e i n e n B a u e r n s t a n cl , dessen Tätigkeit für das jüdische Volk produktiv wäre: wo immer im Gallith wir kleine bäuerliche Gruppen haben überall sine! sie aus den Beziehungen des jüdischen Volkes herausgesprengt, wenn sie selbst blühen, so blühen sie nur ihr sie!) selbst, ohne die ökonomische Struktur ihres eigenen Volkes wesentlich zu beeinflussen. Die Heranbildung jüdischer Bauern in der Diaspora ist vom nationalcrzieherischeu Standpunkt sicher zu wünschen, da die Grottstadt uns mehr als jemals dezimiert und entkräftet. Aber das Schicksal des jüdischen Volkes, kann seihst von der gelungensten Bauernsiedlung im Gallith nicht entscheidend beeinflußt werden; denn diese Siedlungen erfüllen niemals den Zweck, einem geschlossenen Wirtschaftskörper des jüdischen Volkes die feste Grundlage zu liefern. im ganzen und groben sind die Juden in die vermittel n d e n B e r u f e gedrängt: immer abhängig — auch wenn einzelne dabei reich werden immer Anhängsel - auch wenn sie für die Entwicklung der anderen Völker notwendige Werte geschaffen haben , immer gezwungen, sich den ökonomischen Tendenzen der ,.Wirtsvtflker" anzupassen: Ein Volk, das in Lücken lebt, die sich verengen und schließen können, das nur dann geduldet wird, wenn es für das Wirtsvolk notwendig und unentbehrlich ist. Dieser Zustand gilt für alle Juden. Nicht für alle Judengruppen schien die Möglichkeit vorhanden, daß die Wirtsvölker „undankbar" würden. Und doch sieht man heute schon, daß die Juden mit der Zeit überall überflüssig gemacht werden, daß sie sich selbst überflüssig machen, wenn sie das ökonomische Leben hoch genug entwickelt haben. Jedes Volk beginnt sich früher oder später von den Juden zu emanzipieren; wo ein Volk sich nationalwirtschaftlich konsolidiert, schreitet es zur Verdrängung der Juden. Die Juden machen natürlich überall ungeheure Anstrengungen, diesem gegen sie geführten Kampfe zu widerstehen; wo sie eine Position verlieren, suchen sie sich eine neue zu schaffen. Wenn sie aus den Dörfern verdrängt werden, ziehen sie in die kleinen Städte; aus den Landstädten strömen sie in die Großstädte, aus dem Kleinhandel in den Großhandel, aus dem Handel in die Industrie. Dieser Verzvveiflungskampf, der alle Energien entfesselt, bringt nun manches ökonomische Talent, manchen industriellen Organisator an die Oberfläche; manches große jüdische Vermögen wäre nicht erworben, wenn der Großvater des großen Finanziers oder Industriemagnaten draußen in seinem Dorfe hätte weiterleben können. Die Schicht, die aus der Not des Daseinskampfes den Erfolg herausholt und sich in die oberste kapitalistische Klasse hineinrettet, ist aber naturgemäß nur klein; sie ist relativ klein, im Verhältnis zur Zahl der Juden, sie ist vielleicht nur relativ groß, wenn man die Bedeutung der Nichtjuden in der Importindustrie, im Großhandel usw. prozentual mit der Größe ihres ganzen Volkes vergleicht. Die Nichtjuden haben es eben nicht nötig, Großindustrielle zu werden — um überhaupt leben zu können. Die Zahl der „erfolgreichen" Juden ist natürlich relativ um so kleiner, je größer die jüdische Bevölkerung in dem betreffenden Lande ist. Daß diese hier angedeuteten Zustände allgemein beobachtet werden können, ist nicht neu; sie waren auch schon vor Sombart bekannt. Charakteristisch ist nun, daß nicht nur die Wirkungen dieser gleichen ökonomischen Schichtung überall q u a 1 i - tativ gleich sind, sondern daß sich auch die örtlichen Auswege aus den unhaltbaren Situationen, in die die Juden der ökonomisch seihständig werdenden Länder geraten, zu gemeinsamen Straßen aus der Zerstreuun g heraus vereinen. Wir haben die Zeit der neuen Wanderung erlebt, wir sehen große Volksmassen in Bewegung, Unruhe und Unsicherheit bedrückt die Juden selbst dort, wo sie sich bis jetzt für die Ewigkeit geborgen wähnten. Und die neue Bewegung führt zu keiner größeren Zerstreuung, sondern zur Sammlung. Neue ungeheure Zentren entstehen, und in ihnen finden sich die Auswanderer der verschiedensten Länder. Wir in Westeuropa wußten das und konstatierten oft genug den Zerstreuungspredigern gegenüber, daß sich jenseits des Aertnelkanals, jenseits des atlantischen Ozeans die Auswanderer aus Rußland, Rumänien und Galizien in wenigen Städten, in einzelnen Stadtteilen, in bestimmten Berufen treffen und dort, unter gleiche Bedingungen gestellt, einem gemeinsamen Schicksal entgegengeführt werden. Für den an die assimilatorische Denkweise Gewöhnten muß es aber überraschend sein, wenn man ihm vorhält, dal' dieselben Z u s a m ni e n h ä n g e auch für das o s t u n d das westeuropäisc h e Gebiet untereinander gelten wenn die westlichen Völker nur erst einmal anfangen, die Emanzipation von den Juden (den sogenannten Wirtschaft liehen Antisemitismus) in die Praxis umzusetzen. Ich will das für Böhmen andeutend nachweisen; ähnliches gilt für die reichsdeutsche Provinz im Westen in ihrem Zusammenhang mit den polnisch-russischen Auswanderungsländern. Die Lage der böhmischen Judenschaft zu dieser Betrachtung zu verwerten, ist besonders deshalb lockend, weil die Vertreter der Assimilationsidee in diesem Lande, besonders jene der tschechischen Richtung, die die Verschmelzung

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