Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 17 (26.4.1912)
- Date
- 1912-04-26
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 17 DIE2&ELT 511 Entzückens und der vertrauensvollen Zukunftsideale gewaltsam entzwei gerissen, und die mystische Verklärtheit ist wie durch eine Zauberformel hinweggebannt. Mit hellem, klarem Auge sehen die Wunderrabbiner „die stark gelichteten Reihen der sonst talmudbeflissenen Jünger, und aus den Hallen des Bet-Hamidrasch gähnt ihnen eine erschreckende Leere entgegen". Das alles infolge des Selbsterhaltungstriebes, der so lange von der Menge empfunden, von ihnen, den Wunderrabbinern, aber mit geradezu unverzeihlicher Gleichgültigkeit übersehen und verkannt wurde. Nun ist die Einsicht gekommen. Und es ist merkwürdig, wie rasch und wie gründlich sie sich in die Lage der Jesehibah- Zöglinge zu versetzen vermochten. ,,U n d selbst die Wenigen vonden Jüngern, welche von Wissensdurst getrieben die Lehrhäuser in Galizien und der Bukowina aufsuchen möchten, stehen ab von ihrem Vorhaben, weil es sie mit Abscheu erfüllt, auf die alte, herkömmliche Art des schnorrerischen Kostessens, jeden Tag im Tische eines anderen Bürgers, ihr Fortkommen zu friste n." Namentlich die jüngere Generation •mpfindet eine derartige Verköstigung als unbedingt demoralisierend und zieht es vor, in anderenSchulen und Gymnasien Zuflucht zu suchen. Dieser unhaltbaren Lage muß nun schleunigst abgeholfen werden. Da soll man „durch Einigung der Frommen in den eineinen Städten zu engeren Verbindungen die Gründung von Talmud - Thoraschulen ermöglichen, in denen auch zwei Stunden dem Unterricht der Landessprache ind des Rechnens gewidmet werden sollen. Auf solche Weise werde man einerseits die fürsorglichen Eltern beruhigen, andererseits auch den Forderungen des Staates nach einer obligaten Absolvierung einer Normalschule nachkommen*4. In den größeren Lehrhäusern soll man „für eine anständige und ehrenhafte Erhaltung der fleißigen und fähigen Talmudjünger sorgen". Auch „Handwerkerschulen sollen gegründet ■■verden, damit die geistig wenig befähigten Jungen unter;er Leitung von frommen, gottesfürchtigen Männern ein praksches Handwerk erlernen können, denn unsere Weisen haben den redlichen Handwerker, der von seiner Hände Arbeit lebte, stets hochgeachtet. Behufs Realisierung aller angeführten Beschlüsse, soll demnächst ein großer Kongreß einberufen werden, zu dem alle zuvor begründeten Vereine ihre Delegierten entsenden sollen. Da wird alles genau durchberaten und durchgeführt werden/4 Der Aufruf trägt die Unterschriften dreier Wunderrabbiner aus der Bukowina (aus Bojan, Wiznitz und Sadagöra) und fünf aus Galizien (Czortkow, Husiatyn, Kossow, Otrynia, Kopyczynce), Namen die zum erstenmal in dieser Weise vor die Oeffentlichkeit treten. Diese sprechen zwar in dem erwähnten Aufruf von einer Einhelligkeit der Beschlüsse. Es fällt aber doch auf, daß der Rabbi von Beiz seine Beteiligung und gewiß auch seine Zustimmung versagt hat. In dieser Gegend will man offenbar totale Finsternis erhalten. Das wird wohl schwerlich gehen, aber eine gewisse Verzögerung wird dadurch verursacht. Denn der Aufruf der anderen Wunderrabbiner wird gegenwärtig in Beiz und Umgebung ebenso verketzert, wie die Bestrebungen der Alliance und anderer Aufklärungsvereine, welche vor nahezu einem Vierteljahrhundert genau dasselbe bewerkstelligen vv o 111 e n. Damals schlug man Lärm in allen Bethäusern und auf allen Marktplätzen. Man warnte vor dem ungeheuren Taufgespenst, welches die Böswilligen aus Wien und Paris über Galizien verhängt haben, und ruhte nicht eher, als bis das letzte Restchen der Reform vernichtet war. Sogar die von Rabbiner Löwenstein und Simon Landau in Lemberg in den achtziger jähren begründete Reformschule, welche den Namen „Ohel Mosche" führte, an der geistreiche und gelehrte Männer wie Moses Bernfeld und andere wirkten, konnte sich leider nicht erhalten. Sie fiel ebenfalls als Opfer der Wühlarbeiten jener Klasse, welche jetzt an die Gründung genau derselben Schulen schreiten will. Wir begrüßen mit besonderer Genugtuung das offenherzige Bekenntnis der ehemals so fanatischen Gegner jeder Aufklärungsarbeit. Wir tragen ihnen nichts nach. Wir sind viel eher bereit mitzuhelfen, wenn nur unsere Mitwirkung nicht infolge der alten Voreingenommenheit zurückgewiesen werden sollte. Für ehrliche, aufrichtige Arbeit gibt es kein „Zu spät". Die großen Wunderrabbiner haben nun gesprochen. Hoffentlich folgt auf so einsichtige Worte die entsprechende Tat. Der Zusammenhang der Judenfragen Von Leo Herrmann, Prag Die Judenfrage ist eine einheitliche, sagt der Zionismus. In viele Formen verkleidet, in viele Teilfragen zerlittert, in ökonomische und politische, religiöse und nationale, /iologische und individuelle Probleme auslaufend, ist sie >ch immer die eine große Frage, die nur von einem, gründlich gleichen Ursachenkomplex aus erklärt werden kann.;ie Wurzel der vielen Judenfragen ist immer wieder die -normale nationale Situation des einen jüdischen Volkes, und ir eine Lösung kann endgültig, durchgreifend, allumfassend in: die das jüdische Volk zum normalen Volke macht. > argumentiert der Zionismus. Die Assimilation aber — wenn ich damit die bekannte, der Ablehnung der zionistischen und nationalen Ideologie iiige Denkweise bezeichnen will — kennt nur viele einzelne denfragen, und jeder weist sie ihren besonderen Lösungsrsuch zu. Jeder Lösungsversuch für sich wird mit Sorgfalt, Aengstlichkeit den individuellen und lokalen Verhältnissen" .* den Leib zurechtgeschnitten, allgemein gültige Gesetze, die aus der nationalen Geschichte erschlossen werden könnten, werden umgebogen und um angeblicher Besonderheiten willen, die gerade diese Zeit' und d i e s e s Land aufweisen soll, außer Wirksamkeit gesetzt; die Ausnahme verschlingt die Regel, und die differenzierten Verhältnisse sollen jede einheitliche Erklärung, jede einheitliche Ursache ausschließen. Und zwischen allen einzelnen Judenfragen bestehe kein Zusammenhang: es gibt keine gemeinsame jüdische Volksart, die gleiche Reaktionen auslöst und selbst gleichartig reagiert. So stellt die assimilatorische Betrachtungsweise jeden Zeitabschnitt in der jüdischen Geschichte auf einen Isolierschemel. Und zwischen die territorial zerstreuten Gruppen des jüdischen Volkes stellt sie Scheidewände, die allenfalls noch eine gewisse abstrakte, religiös-dogmatische Wechselbeziehung und eine unter der Maske allgemeiner Mensciiheitsiiebe sich versteckende Wohltätigkeitsgemeinschaft gestatten, aber alle konkreteren, lebendigeren, greifbareren und fru ch tb a re n Z u s a m m e n h ä ng e a u s s eh 1 i e ß e n.