Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 17 (26.4.1912)
- Date
- 1912-04-26
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 17 DIE^ELT 513 mit dem tschechischen Volk predigen, immer mit besonderer Emphase die Einzigartigkeit der jüdischen Verhältnisse im Lande der heiligen Wenzelskrone betonen. Nun sind ja die allgemeinen Verhältnisse im tschechischen Böhmen etwas anders, beispielsweise als in Rußland. Während hier und übrigens auch in Polen große slawische Völker im eigenen Lande sitzen, das außer den Juden kein anderer Volksstamm beansprucht — die Kämpfe zwischen den slavischen Polen und Russen, Polen und Ruthenen sind zumeist reinpolitischer Art —, kämpft das um so viel kleinere tschechische Volk einen schweren Kampf mit den Deutschen im Lande und im Reiche. Die Tschechen haben in wenigen Jahrzehnten ihre kulturelle Wiedergeburt vollzogen und große politische und wirtschaftliche Erfolge errungen. Da sie sich im westlichen Oesterreich immerhin vollständiger politischer Freiheit erfreuen, hat ein regsamer politischer Instinkt, der das ganze Volk zur nationalen Arbeit aufgerufen hat, alle Schichten zur Selbständigkeit geweckt, ein zäher wirtschaftlicher Kampf gegen die deutsche Industrie, den deutschen Handel und das deutsche Gewerbe hat die ehemals rein agrarischen Tschechen zu einem nationalwirtschaftlich selbständigen Körper gemacht; die Deutschen haben eine Position nach der anderen verloren, und selbst im sogenannten geschlossenen deutschen Sprachgebiete dringen die Tschechen vor. Die Juden Böhmens standen nun die längste Zeit ganz im Lager der Deutschen; ihnen glaubten sie die ,,moderne Kultur", ihnen die Befreiung aus dem Ghetto, dem Zusammenleben mit ihnen ihre wirtschaftlichen Erfolge verdanken zu müssen. Die Juden identifizierten sich mit den Deutschen bis zur Selbstvergessenheit; sie hielten als letzte aus, wo die Deutschen den Tschechen weichen mußten, und heute sind die deutschen Minoritäten in Prag, Budweis, Pilsen zum überwiegenden Teile jüdisch. Das gab natürlich dem rein wirtschaftlichen Kampfe gegen die Juden oft den Anschein, als ob die Tschechen in den Juden nur die Deutschen bekämpften. Würden sie — politisch und kulturell — zu den Tschechen übergehen, müßte der Kampf aufhören. Die Juden waren für die Tschechen während der Auseinandersetzung mit den Deutschen oft als Bundesgenossen erwünscht; darum erhofften die Juden gleich ewige Freundschaft. Wenn sich aber einmal die Tschechen selbständig gemacht haben, brauchen sie die Juden allmählich immer weniger und drängen sie im gleichen Maße, wie es alle anderen Völker tun, aus ihren Positionen ■— auch wenn die Tschechen mosaischer Konfession durchaus nicht mehr Vorkämpfer des Deutschtums sind. Der Beweis hierfür ist oft genug schon geführt worden; wo es im tschechischen Böhmen zu Kämpfen gegen die Juden gekommen ist, haben die tschechisch-jüdischen Assimilanten immer ihr Teil mit abbekommen. Man darf von allen Judenexzessen und Ritualmordaffären absehen — nach denen man die durchschnittliche Stellung weder der Tschechen noch der Deutschen beurteilen muß — und kommt doch zu dem Ergebnis, daß die krampfhaften Assimilationsbestrebungen an der wirtschaftlichen Schichtung der Juden und ihren Folgen nicht das Geringste zu ändern vermögen. Nur dals eine kann konstatiert werden: daß unter den nationalen und wirtschaftlichen Entwicklungsbedingungen, die die Gegenwart des tschechischen Volkes beherrschen, die Verdrängung der Juden aus ihren bisherigen wirtschaftlichen Positionen — zumeist aus dem Zwischenhandel — noch schneller, durchgreifender und katastrophaler vor sich geht, als in irgendeinem anderen westlichen Lande. Dieser Prozeß ist fast ganz unabhängig von sprachlichen und politischen Frontänderungen der Judenschaft. Selbst radikale Schwenkungen der Juden im tschechischen Sprachgebiete zu den tschechischen Mehrheiten hinüber können den wirtschaftlichen Prozeß nicht aufhalten. Schon die besonders schnell vor sich gehende Verdrängung der Juden aus dem Zwischenhandel und aus dem Gebiete jahrzehntelanger Ansässigkeit erinnert ganz an die Schilderungen aus dem slawischen Osten, aus den polnischen, ruthenischen und russischen Auswandejungsländern. Und wie in anderen bisher statistisch besser bearbeiteten Gebieten — in Deutschland vor allem — sehen wir auch in Böhmen das Zusammenschmelzen und Verschwinden der Kleingemeinden, das allmähliche, wenn vielleicht auch vorübergehende Anwachsen einiger mittelgroßer Gemeinden und das stetige (relative) Anschwellen der größten Gemeinde. Böhmen kennt also den Prozeß der jüdischen Binnenwanderung in ihrer typischen Form. An die Abwanderung in die großen Provinzstädte hat sich aber schon seit Jahren auch die Auswanderung aus dem Lande angeschlossen. Die Zahl der Juden in B ö h m e n n i m m t s t e t i g a b. Zu dieser Abnahme tragen nun wohl alle Momente bei, die T h e i 1 h a b e r , Ruppin und Zo lisch an allgemein konstatiert haben, wenn auch Taufe und Mischehe im ganzen und großen noch verpönte Akte sind. Aber da die Majorität der Juden nicht imstande ist, in dem wirtschaftlich so hoch entwickelten Böhmen neue Erwerbszweige ausfindig zu machen — Exportindustrien, wie in Gablonz, sind doch nur von beschränkter Aufnahmefähigkeit --, da das Bankwesen immer mehr nationalisiert und entjudet wird - rein deutschen Instituten stehen rein tschechische gegenüber —: so schwillt der A u s w a n dererström aus B ö h m e n im m e r m ehr a n. D i e s e r Aus w andererstrom fließt nach W i e n. Wenn die Entwicklung so weitergeht, wird in ab-* sehbarer Zeit Wien nicht nur eine der größten tschechischen, nicht nur eine der größten jüdischen Städte sein, sondern im speziellen ein ganz großes Z e n t r u rn der böhmischen J u d enscha f t. Hier ist der Punkt, wo die „Besonderheit" der böhmischen Judenfrage auch für den starrköpfigsten Verfechter der Teilfragen mit ihren Teillösungen nicht mehr existieren kann. Unschwer wäre nachzuweisen, daß die Konzentrierung auch für die Berufe gilt; auch in dieser Beziehung gibt es keine allzugroße Zerstreuung und Differenzierung. Auch nicht zwischen jenen Wiener Juden", die aus dem Osten, jenen, die aus Ungarn, und jenen, die aus den Sudetenländern stammen. Ein wirtschaftliches Schicksal steht über allen. Gleiche Bedingungen kultureller und nationaler Art bilden sich heraus. Tür an Tür wohnt die jüdische Familie aus Deutschbrod und Caslaw neben jener aus Tarnow und Tarnopol. Ost- und Westjudentum trennt nur eine dünne Ziegelmauer. Die Assimilationsidee hat mit einer steigenden Zerstreuung der Judenschaft gerechnet; statt ihrer aber hat die Konzentrierung eingesetzt und, rein äußerlich schon, rein wirtschaftlich, rein territorial, bewiesen, daß ein Zusammenhang der Judenfragen besteht, weil es eben nur eine Judenfrage gibt. Darum können jene nicht so ganz unrecht haben, die die Notwendigkeit und die Möglichkeit einer Lösung behaupten. Einer Lösung wenigstens für jene, die die Erhaltung des Judentums wollen. Und doch werden auch jene, denen die Erhaltung des Judentums für gar nicht wünschenswert gilt, anerkennen müssen, daß die vor sich gehende Konzentrierung der Judenschaft die Aussichten der nationalen Erhaltung und Erneuerung verändert. Wir sammeln uns von allen Enden der Welt — auch aus Böhmen —; wenn der Geist eines neuen Judentums lebendig werden wird, kann er Massen finden, die der Belebung harren: er wird vollenden müssen, was die wirtschaftliche Entwicklung vorbereitet hat.