Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 17 (26.4.1912)
- Date
- 1912-04-26
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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510 DIE2 nicht daran, daß, wenn einmal die Ruhe wieder in die Gemüter eingezogen ist, und das Angerichtete mit ruhigerem Sinn betrachtet wird, man den Zionisten Dank wissen wird, daß sie die Schul- und Steuerfrage, die für die jüdischen Gemeinden Bulgariens eine Lebensfrage ist, in Fluß gebracht haben. Man muß sich das einmal vor Augen halten: der freie bulgarische Staat erkennt und fördert, obwohl nicht unerhebliche Staatssteuern von allen Konfessionen erhoben werden und trotz der Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetze nur eine Kirche: die orthodoxe. Gesetzlich sanktionierte, das heißt mit irgendwelchen Rechten versehene jüdische Gemeinden gibt es in unserem freien Ländchen nicht. Die Rechte der Judenschaft haben nach dem russisch-türkischen Kriege und bis auf den heutigen Tag keine Neuordnung erfahren, die Praxis der Jahrhunderte langen türkischen Herrschaft wird einfach fortgesetzt. Die einzige staatliche Unterstützung besteht in einer Subvention von 3000 Francs zur Unterhaltung des Großrabbinats, wofür die Regierung eine Art Auskunftsbureau in jüdischen Angelegenheiten hat. Die Angelegenheiten der Judenschaft werden vom Ministerium des Aeußeren aus geordnet. Es steht den Juden keinerlei Exekutivrecht zu, Kultussteuern einzutreiben. Die Gemeinden sind vollständig auf die Freiwilligkeit ihrer Mitglieder angewiesen. Daß die Gemeinden unter diesen Umständen und bei der bei uns herrschenden Indifferenz allem Jüdischen gegenüber nicht gedeihen können, braucht nicht erst hervorgehoben zu werden. In einer Unterredung mit dem Großrabbiner sagte mir dieser, daß er seit Jahren, bei fast sämtlichen Kabinetten, die in den letzten Jahren am Ruder waren, um das Exekutivrecht bei Eintreibung der Kultussteuern petitioniert habe, aber leider stets mit negativem Erfolg. Er gab auch zu, daß hiermit das einzige wirksame Mittel gegeben wäre, die jüdischen Gemeinden, insbesondere die Zwerggemeinden, deren es eine ganze Anzahl in Bulgarien gibt, vor vollständigem Verfall zu bewahren und sie nach und nach auf das Niveau von jüdischen Gemeinden in Europa zu bringen. Die Zionisten haben nun mit ihrem überaus dankenswerten Vorgehen den ersten Schritt zur Erreichung des Exekutivrechts für die jüdischen Gemeinden Bulgariens unternommen. Es bestand die Absicht, die Staatshilfe vorerst bei Eintreibung der Schulst e u e r n in Anspruch zu nehmen und in der Folge auch auf die S y nagogensteuern auszudehnen. Es ist deshalb lächerlich und zugleich eine unerhörte Verleumdung, wenn in einer Zuschrift an die Allgemeine Zeitung des Judentums (Nr. 15) gesagt wird, daß die Zionisten Ausnahmegesetze gegen die Juden des Landes gefordert hätten. Die Zionisten haben erst vor kurzem beim hiesigen Magistrat eine Subvention von 15 000 Francs mit der Aussicht auf den doppelten Betrag im kommenden Jahre für die jüdischen Schulen durchgesetzt. Ihrer Initiative ist es zu danken, daß die bulgarischen Juden viribus unitis einen Vertreter in der großen Sobranje gefordert und durchgebracht habem Ihr Verdienst ist es, daß jetzt eine angemessene Jugendpflege in Angriff genommen worden ist, sie haben Fortbildungskurse für die schulentlassene Jugend, Geschichts- und Literaturvorträge für Erwachsene eingerichtet. Seit Jahr und Tag fordern die Zionisten die Einberufung eines Kongresses, um über die Angelegenheiten der Gemeinden zu beraten. Seit [ELT Nr. 17 der letzten Tagung eines Kongresses sind bereits 7 Jahre verstrichen, eine Fülle wichtiger Fragen harrt der Erledigung durch den Kongreß. Das Konsistorium dagegen verschanzt sich hinter Ausreden und nichtssagenden Phrasen. Man kann ohne Uebertreibung sagen, daß jeder Schritt nach vorwärts von den Zionisten ausgeht. Schließlich ist es den Zionisten- Bulgariens als ein besonderes Verdienst anzurechnen, daß sie die ersten — meines Wissens die einzigen — Juden auf dem Balkan waren, die dafür eintraten, daß die jüdischen Gemeinden im Orient versuchen sollten, sich vom Auslande finanziell unabhängig zu machen. Das war auch mit ein Grund dafür, daß die Alliance ihre hiesige Tätigkeit aufgegeben hat. Es wurde ihr bedeutet, daß sie mit den 20 000 Francs, die sie für die Schule aufwandte, anderwärts viel Gutes tun könnte. Kein Unparteiischer wird den Zionisten bei ihrem Vorgehen seine Sympathie versagen können. Die beiden großen Verbände, Alliance und H i 1 f s v e r e i n , wünschen nichts sehnlicher, als daß die orientalischen Gemeinden so gestärkt werden, daß sie ohne Zuschüsse von auswärts auskommen können. Im übrigen sind die Ausführungen der Zuschrift so absurd und zeugen von solcher Unkenntnis unserer Verhältnisse, daß es sich kaum verlohnt, noch mehr Worte darüber zu verlieren. —- Der Kampf um die Anerkennung der jüdischen Nationalität (Von unserem Berichterstatter.) Czernowitz. Die zähe Ausdauer der jüdischen Studentenschaft von Czernowitz in ihrem Kampfe um die Anerkennung ihrer Nationalität an der Universität ist von der „vorsichtigen Weisheit" des akademischen Senates entsprechend belohnt worden : gegen vier Studenten, die als Sprecher der Deputationen aufgetreten waren oder ihre Unterschrift unter Eingaben in dieser Angelegenheit gesetzt hatten, wurde ein Disziplinarverfahren eingeleitet. E i n Student soll relegiert, über die drei anderen eine Rüge und „consilium abeundi" verhängt werden. Gegen diese Maßregelungen berief ein Komitee von ungefähr 50 Doktoren für den 13. d. M. eine jüdische Volksversammlung ein. Referent Gg. Dr. Karl Kinsbrunner geißelte nach Darlegung des Tatbestandes das drakonische Vorgehen des Senats und forderte zum Schluß die zahlreich Versammelten auf, gegen eine derartige Behandlung der Söhne ihres Volkes flammenden Protest zu erheben. Dr. P i s 11 n e r (Sozialdemokrat) drückte im Auftrage des sozialdemokratischen Aktionskomitees der Studentenschaft die Sympathien der jüdischen Sozialdemokraten in ihrem Kampfe um die nationale Anerkennung aus. Namens der Wiener jüdischen Studentenschaft überbrachte Herr cand. techn. Buchbinder der „Emunah" und „Zephirah" für ihr mannhaftes Auftreten herzliche Sympathien und forderte die Studenten auf, sich durch Strafen nicht abschrecken zu lassen. Hierauf wurde eine Protestresolution an den Ministerpräsidenten Grafen Stürgkh und den Unterrichtsminister Dr. v. Hussarek telegraphisch übermittelt. Die Wunderrabbiner an der Reformarbeit Von Dr. M. Geyer Die * gaüzischen Wunderrabbiner haben, wie es scheint, das Träumen aufgegeben und sich auf das Gebiet realpolitischen Denkens begeben. Am 17. und IS. März traten die Wunderrabbiner aus Galizien und der Bukowina in Czernowitz zusammen, um hinter geschlossenen Türen äußerst wichtige Beratungen zu pflegen. Nur dem Oberrabbiner Weiß aus Czernowitz wurde die Ehre zuteil, als weltlicher Fachmann zu den Beratungen hinzugezogen zu werden. Keinem noch so geschickten Berichterstatter gelang es, auch nur einen Zipfel vom Vorhang des Geheimnisses zu lüften, bis die Beratenden nunmehr selbst das Wort ergriffen haben. Und sie taten es in einer durchaus europäischen Form, die freudig überrascht hat. Sie verschickten einen in ihrem eigentümlichen Hebräisch abgefaßten Aufruf an alle ihre Vertrauensmänner in Galizien und der Bukowina, in welchem sie einen ganz populären Ton anschlagen, der sich durchaus von den autokratischen Erlässen früherer Zeit unterscheidet. Sie gestehen in diesem Aufrufe öffentlich ein, daß ,,s i e denn doch nicht die Bevollmächtigten des ganzen Volkes abgeben können". Wie sich die Zeiten ändern. Das Volk glaubt nicht mehr, „was man ihm dreimal sagt", und der Glaube der Volksmasseil läßt sich nicht mehr „von jedem Propheten mit hinreichend starker Stimme, lebhafter Gebärde und Kraft der Rede, -wie ein Wasserbach durch eine Rinne führen". Reales Denken hat das Träumen verdrängt. Der unerbittliche Ernst der Zeit hat den Schleier des schwärmerischen