Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 17 (26.4.1912)
- Date
- 1912-04-26
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 17 Wiener Wahlkämpfe DIEÄELT 509 Ein Erfolg der Zionisten — Unsere Kombattanten — Die Wahlparole der Jüdischnationalen (Von unserem Berichterstatter.) Wien. Wir berichteten in der jüngsten Nummer, daß von freiheitlicher Seite unter Patronanz der jüdisch-assimilatorischen Führer ein arger Judenhasses Herr Petrich, in den Gemeinderat kandidiert wurde, und daß der jüdische Nationalverein für Oesterreich, sowie unsere Bezirksorganisation, der jüdische Volksverein für die Leopoldstadt, gegen diese Kandidatur energisch Stellung nahmen. Das tatkräftige Eingreifen war erfolgreich. Das Wahlkomitee sah sich in zwölfter Stunde gezwungen, die Kandidatur Petrichs zurückzuziehen und durch eine andere zu ersetzen. Die Herren Dr. Of ner und Konsorten werden es wohl nie wieder wagen, der Judenheit antisemitische Wahlwerber zu repräsentieren. Die zionistische Arbeit der letzten Jahre hat die Wählerschaft aus ihrer Lethargie geweckt. Sie läßt sich nicht mehr mißbrauchen. Wer waren die Kombattanten der Zionisten in dieser Aktion? Die wirklich freiheitlichen Elemente unter der nicht jüdischen Bürgerschaft. Als sie aufgeklärt wurden, sind sie vielfach öffentlich gegen Petrich aufgetreten und haben uns unterstützt. Hingegen sahen die israelitische Kultusgemeindercpräsentanz und die österreichischisraelitische Union dem sauberen Wahlmanöver kaltblütig zu. Das sei hier ohne Kommentar festgenagelt. Die Jüdischnationalen haben für die Gemeinderatswahlen folgende Parole ausgegeben : Selbstverständlich ist g e g e n die Deutschnationalen und gegen die Chris t- 1 i ch s o z i a 1 e n zu stimmen. Wo lediglich diese beiden judenfeindlichen Gruppen einander gegenüberstehen, ist W a h 1e n t h a 11 u n g zu üben. Jüdische Renegaten sind nicht zu wählen. Für die Wahl im IV. Wahlkörper (die am 23. d. M. stattfand) galt folgende besondere Parole: Im ersten Bezirk wurde Alois M o i s s I empfohlen (der sich durch das seinerzeitige mannhafte Eintreten für die unterdrückten jüdischen Gemeindebeamten ein großes Verdienst erworben hat), in den übrigen Bezirken war für die sozialdemokratischen Kandidaten die Stimme abzugeben. Der „unsichtbare gelbe Fleck" In der Generalversammlung der Oesterreichischisrael i t i s c h e n U n i o n interpellierte das Vereinsmitglied Luzian Brun ner die Vereinsleitung wegen des Verhaltens in der Frage der jüdischen Kurie in der B u k o w i n a. Bekanntlich hatte anläßlich der Landtagswahlreform in der Bukowina die Permanenzkommission, in der fünf Volksstämme -ertreten waren, im Interesse einer friedlichen Entwicklung und :er Gerechtigkeit einhellig folgenden Beschluß gefaßt^ dem vir historische Bedeutung beimessen: „Bei den" gegebenen Verhältnissen hält der Landtag dafür, daß die Juden eine eigene nationale I n d i v i d u a 1 i t ä t u n d einen besonderen Volksstamm bilden, weshalb ihnen eine eigene Kurie gebührt/' Im Entwürfe wurde demgemäß eine jüdische Kurie vorgesehen. Der Hintertreppenpolitik der Unionspräsidenten Annin g e r und Dr. O r n s t e i n gelang es jedoch im Bunde mit Hofrat Kuranda und Löwenstein, die jüdische Kurie zu hintertreiben. Die Juden wurden in eine Zwangsgemeinschaft mit den Deutschen gekoppelt —- zum Schade' n'b ei der Völker. Wie schwer die Juden unter diesem leibhaftigen „W a h 1 g h e 11 o" leiden, mag daran ermessen werden, daß bei den letzten Landtagswahlen alle deutschen Kandidaten Antisemiten w a r e n. In seiner Verteidigungsrede war nun der anwesende Herr Dr. Ornstein so unklug, die wahren Beweggründe des Vor- ^prechens bei der Regierung bekanntzugeben. Er erklärte, wenn in der Bukowina die jüdische Kurie bestünde, trügen die Wiener Glaubensgenossen den unsichtbaren gelben Fleck. Weil also die Wiener Assimilanten fürchteten, die verderbliche, fremduationale Politik nicht fortsetzen zu können, wurde das Friedenswerk in der Bukowina zu Falle gebracht. Wahrlich, die Führer der „Union" sorgen dafür, daß diese älteste jüdisch-politische Organisation Oesterreichs den gelben Fleck recht sichtlich trägt. . . . Die Not der jüdischen Handlungsgehilfen In einer Protestversammiung des Wiener jüdischen Handlungsgehilfenverbandes, die Samstag, den 20. d. M., stattfand, erfuhr man von einem neuen krassen Fall des a n t i - jüdischen Boykotts. Der erste Wiener Konsumverein, in dessen Verwaltungsrat Juden sitzen (z. B. Prof. Singer) und der 50 000 Mitglieder zählt, von denen ungefähr 50° o Juden sind, stellt keine jüdischen Gehilfen und Beamten an. Der Referent, Herr B 1 u m e, wies darauf hin, daß die gesamte „freisinnige" Presse diese traurige Tatsache totschweige, trotzdem er sie in der Generalversammlung des Konsumvereins vorgebracht habe. Auch der Reichsverband der Hausfrauen, der zum größten Teile aus Jüdinnen bestehe, habe die jüdischen Gehilfen im Stich gelassen. Die Präsidentin, Frau Beer A n g e r e r, rief dem Redner, als er in einer Versammlung, die sich mit den Mißständen im Konsumvereine befaßte, das Wort ergriff, folgendes zu: „Bit!' Sie, fangen Sie mir nur nicht wieder mit den Juden an!" Die jüdischen Gehilfen betreten nun den Weg der Selbsthilfe und wenden sich an die billig denkende, vor allem an die jüdische Oeffentlichkeit. Es besteht natürlich nicht die Absicht, christliche Kollegen um ihre Stellung zu bringen, sondern der alljährliche Ausfall soll so lange mit jüdischen Gehilfen gedeckt werden, bis eine dem Prozentsatz der jüdischen Konsumenten entsprechende Anzahl von jüdischen Angestellten beschäftigt ist. Es ist zu hoffen, daß eine Versammlung der jüdischen Vereinsmitglieder die Gehilfen unterstützt und daß c v e n t u e 11 durch Austritt aus dem Konsumverci n g e g e n den Boykott der schwer b e d r ä n g t e n j ü d i s c h e n H a n d e 1 s a n g e s t e 111 e n demonstriert wird. Der Zusammenschluß der englischen Zionisten (Von unserem Berichterstatter.) L o n d o n. Die iangerhoffle Einigung der Engiish Zionist Föderation und des Order of Ancient Maccabaens ist nun Tatsache geworden. Am 16. d. M. traten je u Delegierte beider Körperschaften zu einer Beratung zusammen, und es wurde der Joint Zionist Council o f tue United K i u g d o m begründet. Es soll gleich gesagt sein, daß die Beratung in beiderseitigem herzlichen Einverständnis vor sich ging. Mr. Herbert Beut w i c Ii, der Präsident des O. A. A\., schlug eleu Präsidenten des E. Z. F., Mr. L. Kvsslur, als Vorsitzenden der Versammlung vor. Die Vertreter beider Körperschaften waren von dem Wunsch beseelt, endlich den unheilvollen Riß im englischen Zionismus durch friedliches Zusammenarbeiten zu heilen. Da es also au dem guten Willen nicht fehlt, so kann man getrost hoffen, daß der Zionismus in England bald auch den ihm gebührenden Rang unter den verschiedenen Landsmannschaften einnehmen wird. Mr. Israel C o h e n , der im Auftrage des E. A. C. der Sitzung beiwohnte, legte dem Joint Council eindringlich dar, was der Zionismus in England jetzt ist und was er werden sollte. Das jüdische Schulwesen in Bulgarien Unterredung mit dem Großrabbiner. - Eine Zuschrift aus Sofia an die „Allgemeine Zeitung des Judentums". (Von unserem Berichterstatter.) Sofia. Je mehr man sich mit der Schulfrage beschäftigt, desto klarer wird es, daß nichts Geringeres mit der Lösung dieser Frage von den Zionisten erstrebt wurde, als das Ende des jüdischen Gemeindeelends in Bulgarien. Wir zweifeln