Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1912-04-26 · 17 (26.4.1912) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
17 (26.4.1912)
Date
1912-04-26
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3316514-3316531--55924-3349784
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 17-- DIE] mische Gesamtresultat dürfte also sein: weniger Eigenart, und dafür mehr Einheitlichkeit und Parteigehorsam. Wir werden infolgedessen wahrscheinlich auch mit Bezug auf die Judenfrage weniger Ueberraschungen in diesem Parlamente ausgesetzt sein, als in dem alten. Auch hier wird die Stellungnahme des Komitees alles bedeuten, für oder gegen uns in der Kammer gutes oder böses Wetter machen. Das ist gegen früher jedenfalls ein Vorzug; alle Antisemiten des alten Parlaments, die auf den Bänken der Ententisten saßen, sind verschwunden; es werden also kaum derartige unliebsame Ueberraschungen, wie die antisemitischen und antizionistischen Interpellationen des vorjährigen März und Mai zu erwarten sein. Es mag ja auch hier und da eine antisemitische Meinung in Komiteereihen geben; aber da viel schärfere Disziplin herrschen wird als zuvor, so ist nicht anzunehmen!, daß sie sich ohne ausdrückliche Billigung der Komiteeleitung jemals wird manifestieren dürfen. Daß nun aber diese als verantwortliche Institution sich etwa zu solcher offiziell zu beschließenden Haltung je sollte entscheiden wollen, ist kaum zu glauben. Unter allen Umständen wird es für die im Namen des Judentums auftretenden Instanzen viel leichter sein, durch den Verkehr mit wenigen leitenden Verantwortlichen seine Interessen zu schützen, als einem vielartigen und rätselhaften Chaos* gegenüber, wie es die verflossene Kammer in bezug auf die Judenfrage gewesen ist. * Die drei alten jüdischen Abgeordneten Mazliach, Carasso und Faraggi sind bereits in ihren früheren Wahlbezirken wiedergewählt. Die Juden haben sich überall als gehorsame Parteigänger des Komitees erwiesen, die selbst gegen ihre bessere Einsicht dessen Willen exekutierten. Im letzten entscheidenden Momente, 'da es sich darum handelte, ob man auf dem eigenen Willen bestehen solle, auf die Gefahr hin, das Komitee zu brüskieren, das nun einmal seine Dankbarkeit und Treue in der Wiederwahl der Sein igen zu beweisen beschlossen hatte, zogen es die Juden doch vor, einen Konflikt mit dem Komitee zu vermeiden, und stimmten — ein großer Teil gegen ihr nationales Gewissen — geschlossen für die Komiteekandidaten. Die so wiedergewählten jüdischen Deputierten wissen aber genau, daß das alles eher als ein nationales Vertrauensvotum für sie bedeutet, und daß sie wiederkehrenden Falles sehr wohl übler abschneiden könnten. Es scheinen sogar die ersten Anzeichen für eime innere Einkehr des einen oder anderen von ihnen sichtbar; setzten diese sich wieder in neue Anschauungen und eine deutliche Haltungsänderung um, so wäre das sehr erfreulich und eine schöne Frucht der nationalen Lektionen, die sie während der Dauer der Wahlkampagne empfangen haben. * In Saloniki hat, dem „Independant" zufolge, eine jüdischtürkische Veranstaltung stattgefunden, die den Charakter einer herzlichen Verbrüderung angenommen hat. Es handelt sich um einen Ehrungsahend, den der „Cercle des Intimes" den neugewählten Deputierten der Stadt geboten hat. Es waren die Abgeordneten Rahmi Bej, Jordan Nicoloff und Emanuel Carasso anwesend, sowie eine Reihe bedeutender Gäste, wie das Mitglied des unionistischen Zentralkomitees Dr. Nasim Bej, der Kaimakam, der Munizipalitätspräsident, der Deputierte der Bulgaren Pantsche Doreff, eine Delegation des „Nouveau Club" u. a. Rahmi Bej eröffnete den Reigen der Reden und feierte die brüderlichen Beziehungen, die Muselmanen und Juden verbinden. Er proklamierte den Sieg, der bei den Neuwahlen erfochten worden sei, als einen Sieg dieser beiden verbrüderten Elemente. Rahmi Bej ging sogar so weit, die beiden jüdischen Vereinigungen Salonikis, den „Club des Intimes" KELT 507 und den „Nouveau Club" als quasi Sektionen des „Union et Progres" zu bezeichnen. Zwei Sprechender Gastgeber dankten den muselmanischen Gästen für ihre Worte, und versicherten, daß die Juden bei den Wahlen nichts als ihre Pflicht getan hätten. Zwischen den einzelnen Reden wurde auf das Wohl des iqsmanischen Reiches, der Armee, der jüdischen Nation und auf die Verbrüderung aller jüdischen Klubs von Saloniki getrunken. Ein arabisches Antisemitenblatt geschlossen Wie dem „Jeune Türe" aus Damaskus gemeldet wird, ist dort die arabische Zeitung „El Muktebis", die als Hetzorgan schlimmsten Kalibers gegen Juden und Zionismus bekannt ist, wegen Veröffentlichung aufreizender Artikel geschlossen und der Herausgeber verhaftet worden. Die Wahlen in Saloniki (Von unserem Berichterstatter.) Saloniki. Die Kammerwahlen haben hier soeben stattgefunden. Die Kandidaten des Komitees Union et Progres haben mit überwiegender Majorität gesiegt. Von den beiden jüdischen) Advokaten, die ihre Kandidatur aufgestellt hatten — Herr Ascher Mal ach und der frühere jüdische Deputierte, Herr Carasso —, wurde der letztere gewählt. Dies geschah gegen den Willen der jüdischen Bevölkerung infolge der starken Pression, die seitens des Komitees auf das jüdische Wahlkollegium ausgeübt wurde. Herr Carasso, der niemals seine Stimme in der ottomanischen Kaminer zugunsten, der Juden erhoben hat, der niemals ihre so oft bedrohten Interessen vertrat, konnte den jüdischen Wählern weder Achtung noch Sympathie einflößen, und sie haben auch ihre Ansicht in der Versammlung zum Ausdruck gebracht, über die ich Ihnen kürzlich berichtete. Die jüdischen Wähler waren entschlossen, nur für Herrn Ascher Malach zu stimmen, der entschieden jüdischnational gesinnt ist. Aber das Komitee hatte anders beschlossen. Es hatte die Parole ausgegeben, an der Zahl der früheren jüdischen Abgeordneten festzuhalten und dieselben Abgeordneten wie das vorige Mal zu wählen. So kam es, daß die jüdischen Wähler für einen Kandidaten stimmten, von dem sie so gut wie nichts zu erwarten haben. Der neue Kurs in Rußland Das Fazit der Kokowzewschen Regierung. — Legislative Rechtseinschränkungen. — Verwaltungsschikanen. (Von unserem Berichterstatter.) Odessa. Genau sieben Monate sind es, seitdem das Steuer der russischen Staatsgeschäftc dem klugen Europäer mit den weltmännischen Manieren — Kokowzew — überantwortet wurde Naive Gemüter setzten damals große Hoffnungen in den Personenwechsel auf dem wichtigsten Posten der großen bureaukratischen Maschine. Mau gab sich der Hoffnung hm, der neue Premier, der bis dahin als Finanzminister Gelegenheit hatte, die realen wirtschaftlichen Interessen des Landes kennen zu lernen und mit Europa in nähere Fühlung zu treten, werde auch als oberster Lenker der Staatsgeschäfte seinen nüchternen, rein geschäftsmäßigen Standpunkt behaupten und sich den Maßlosigkeiten nationalistischer Hetzer gegenüber eine gewisse Reserve bewahren. Nun hat der „neue Kurs" bereits eine ganze politische Saison hinter sich, und es ist Zeit, das Fazit dieses Kurses zu ziehen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.