Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 17 (26.4.1912)
- Date
- 1912-04-26
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3316514-3316531--55923-3349783- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
"^^^"^W^S^W 506 DIE2 Nationalsprache nicht nur proklamiert, sondern mit ungeheurer Ausdauer, mit beispiellosem Können und nie versiegender Begeisterung gefördert worden ist. Der bekannte Humorist Herr Tschemerinsky („Reb Mordchele") gab dann eine außerordentlich sinnreiche und witzige Schilderung Slominskis und Sokolows, die in einer begeisterten, mit zahlreichen, höchst gelungenen Schlagern gewürzten Apotheose gipfelte. Herr Nissenbaum toastete auf das Komitee der Hazefirah-Erneuerer, auf die Förderer und Verbreiter des Blattes. Wir müssen, sagte er, das nationale Judentum stärken und heben. Gerade die Presse ist der mächtigste Faktor, der an der Verwirklichung dieses Ideals arbeitet. Im assimilierten oder halbassimilierten Judentum wird die Bedeutung dieses Faktors unterschätzt. Erst im nationalen Judentum ist die eigene Presse nicht mehr die mißachtetste, verfolgte und nur eben geduldete, sondern die nach ihrem ganzen Wert für die Kultur des Volkes geschätzte Macht. Herr Lasar Kaplan, der verdienstvolle Gründer des „Achiasaf", die „Seele" des jetzigen Hazefirah-Komitees, übernahm es, die Erwiderung der an das Komitee gerichteten Worte zu sprechen. Wie hat sich die Zeit, wie haben sich die Aufgaben und die Anforderungen an die Leiter der Presse heute gegen früher gewandelt! Statt des ungeteilten, leicht befriedigten, naiven Publikums jener Tage, sehen sich die Träger der hebräischen Presse heute einem immer unbefriedigteren, immer kritischeren Leserkreise gegenüber, dem zu genügen es unendlich viel schwerer wird, als damals. Der Redner weist auf den jetzigen Charakter der Hazefirah hin und fordert die Oeffentlichkeit auf, an der Entwicklung unserer nationalen Presse wacker mitzuarbeiten. Es sprachen wiederholt Dr. Bernstein, Podiische wski, Dr. Tenenbaum und noch andere. Zu wahrhaft hinreißendem Schwünge der echten Beredsamkeit erhob sich Herr Dr. Kantor in dem von jubelnden Ausbrüchen des Beifalls und der Zustimmung unterbrochenen Toast auf die Jugend. Er grüßt den Chefredakteur, der im Schweiße des Angesichts durch unermüdliche Arbeit seit so vielen Jahren die Spalten der Zeitung füllt, daß alles Volk sich daraus Belehrung, Stärkung, Erhebung, Begeisterung, Freudigkeit zu jüdisch-nationalem guten und edlen Tun schöpfe, aber, fügte der Redner in rührenden Worten hinzu, wir sind schon alt oder werden es. Es würde schlimm um unsere Sache stehen, hätten wir hinter uns nicht eine überzeugungstüchtige [ELT — Nr. 17 und strebsame Jugend. Aber wir haben sie und das ist unser Trost und unser Stolz. In diesem Sinne und noch viel subjektiver sprach der bekannte zionistische Jugendführer Herr Isaak Grünbau nu Seine Worte zeugten von großer Aufrichtigkeit und tiefem, kritischem Sinn. Wir, die Jugend, führte er aus, ehrten die früheren Perioden der Sokolowschen literarischen Tätigkeit, aber wir waren mit ihnen nicht identisch. Die neueren Perioden erst sind uns in die Seele gedrungen und haben für uns eine führende Rolle gewonnen. Nahum Sokolow erwiderte. Er erzählte in seiner geistvollen Art die erste Geschichte der Hazefirah, Einzelheiten, die niemandem bekannt waren, außergewöhnlich belehrende Züge. Im ernsten Teil seiner Schlußrede sagte er, jedes Eigentum gäbe ein Recht und eine Pflicht, ein Recht des Genießens und Benutzens, eine Pflicht des Erhaltens und Verwaltens. Wenn es nun gar ein Eigentum sei, an das sich geistige Interessen knüpfen, das die Aufgabe habe, jüdische Ideen zu verbreiten, die Rettung des Volkes zu fördern, für dessen Rechte und für die Erhaltung seiner Güter einzutreten, so wachsen Pflicht und Verantwortlichkeit, und der einzelne kann sie nicht mehr allein tragen. Es wird zur Volkssache. Der Redner rühmt die Aufopferungsfreudigkeit, die Begeisterung der Gesinnungsgenossen und sagt, er möchte wohl einem jeden danken, einem jeden Anerkennung zollen, aber alle seine Gefühle, wie auch alle Bedürfnisse des Volkes und alle Bestrebungen des Hebräertums kann er nur in einem Ruf zusammenfassen: Es lebe der Zionismus. Die Versammelten standen auf wie e i n Mann und stimmten in den donnernden „Hedad"ruf ein. Die „Hatikvah" wurde mehrfach gesungen. Natürlich wurden diese bedeutenden Reden nicht, wie es hier leicht scheinen könnte, eine unmittelbar nach der anderen gehalten, sondern sie waren von Perioden eifriger Hingebung an die Genüsse der gastronomischen Künste des größten jüdischen Restaurants Warschaus und der immer strömenden Karmel-Quellen, die ihre Extraweine mit entsprechenden Etiketten geliefert hatten, unterbrochen. Auch an ausgezeichneten musikalischen Vorträgen und an Gelegenheitsliedern fehlte es nicht. Mit diesem Bankett schloß die zweitägige Feier dieses denkwürdigen Jubiläums. o 6- °iGü □ □ □ D WELTCHRONIK o □□□□□□ Ti 6 Q V o Zur Eröffnung der türkischen Kammer (Von unserem Berichterstatter.) K'Oiistan tin opel. Die neue türkische Kammer ist am Donnerstag, den 18. April, feierlich wieder eröffnet worden. Es waren nur 107 Abgeordnete anwesend, also nicht einmal das für die Sitzungen vorgeschriebene Quorum; aber man wartete trotzdem die Ankunft weiterer Deputierter nicht ab, weil das Komitee sich eine Ehrensache daraus gemacht hatte, das meuq Parlament innerhalb der von der Konstitutionsakte festgesetzten Frist von drei Monaten nach erfolgter Auflösung; wieder irt Funktion zu setzen. Die Thronrede, die bei Gelegenheit der Eröffnung im Namen des Sultans verlesen wurde, enthielt nichts Außerordentliches. Sie betonte in entschiedener Weise deni Willen der Türkei, ihre Hoheits- und Eigentumsrechte auf die von Italien angegriffenen Provinzen aufrecht zu erhalten, und sie legte ferner großen Wert darauf, zu erklären, daß die Regierung jetzt sofort an die Reform des Artikels 35 der Verfassung schreiten werde, die ihr durch die Opposition in der aufgelösten Kammer unmöglich gemacht worden war. Die Wichtigkeit dieses Ereignisses liegt nicht so sehr in der Sachei selbst, dem Umstände, daß dadurch die Sultansrechte eine gewisse Erweiterung erfahren, die es ihm gestattet, ohne Befragung des Senates die Kammer je nach Willen und Bedarf aufzulösen, sondern seine Bedeutung manifestiert sich am meisten in der einfachen Tatsache, daß das Komitee wieder; einmal bewiesen hat, daß es die Macht besitzt, einen gefaßten Beschluß auch bis zum Ende durchzuführen. Die Eröffnung des neuen Parlaments macht also insofern in der neuesten türkischen Geschichte Epoche, als sie die Periode der Unentschiedenheit bezüglich der die Türkei beherrschenden* Machtfaktoren abschließt und dem osmanischen Reiche, wie auch der europäischen Diplomatie beweist, daß das Komitee „Union et Progres" einstweilen die unbestrittene und ungeschmälerte Herrschaft kräftig in Händen hält. Mit ihm allein als ausschlaggebenden Faktor werden also, bis nicht etwa eine plötzliche Umwälzung* erfolgt, alle auf die Türkei gerichteten diplomatischen Aktionen zu rechnen haben. Das genaue Charakterbild des neuen Parlaments steht noch nicht fest. Aber es scheint, daß diese Kammer wenigf selbständige politische Bedeutung erlangen, wenig eigene Haltung und originelles Schaffen wird aufweisen können, weniger noch als es schon bei der vorigen der Fall gewesen ist. Die Elemente, die sie zusammensetzen, werden im Sinne ihrer allgemein politischen Stellungnahme einheitlicher sein, es wird weniger oder fast gar keine prinzipielle Opposition mehr geben. Die Ententisten und die Unabhängigen zählen bis jetzt unter 193 bereits gewählten Abgeordneten nicht mehr als 5! Die sogenannten und die echten Demokraten des früheren Parlamentes scheinen ganz verschwunden. Das physiogno*