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Die Welt · 1912-04-26 · 17 (26.4.1912) · page 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
17 (26.4.1912)
Date
1912-04-26
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 17 D IE Auslande (Krakau, Königsberg i. Pr. usw.). Nahezu sämtliche jüdischen Anstalten, Vereine, Redaktionen in Warschau und Lodz hatten ihre Vertreter entsandt. Die Feier wurde um 9 Uhr abends mit einer Ansprache des Herrn L. Kaplan vom Jubiläumskomitee eröffnet, der die Entwicklungsgeschichte der „Hazefirah" kurz skizzierte. Redner schilderte, wie das unscheinbare populär-wissenschaftliche Wochenblättchen „Hazefirah", das Ch. S. Slonimsky im Jahre 5622 (1862) begründet hatte, schon nach einem halben Jahre sein Erscheinen einstellen mußte, wie es dann nach einigen Jahren in Berlin unter Mitwirkung von Dr. J. L. Kantor neu zu erscheinen begann, um im Jahre 5636 (1876) wieder nach Warschau überzusiedeln, wo 1881 der gegenwärtige. Chefredakteur Nahum S o k o 1 o w in die Redaktion eintrat und dem Blatt einen Strom frisch pulsierenden Lebens zuführte. 1886 trat Sokolow an die Spitze der Redaktion und wandelte das Blatt in eine moderne Tageszeitung um, die eine große Verbreitung und gewaltigen Einfluß auf das hebräische Lesepublikum erlangte. Zur Zeit der russischen Revolutionsbewegung im Jahre 1906 mußte die „Hazefirah" von neuem vorübergehend ihr Erscheinen einstellen, konnte aber nach vier Jahren zur freudigen Genugtuung aller Freunde des modernen hebräischen Schrifttums ihre Auferstehung feiern und steht nun jugendfrischer als je zuvor da, umgeben von der innigen Liebe, ja geradezu schwärmerischen Anhänglichkeit eines nach vielen Zehntausenden zählenden Leserkreises. — Rauschender Applaus folgte den Worten des Herrn Kaplan, der sich um das Wiedererscheinen der „Hazefirah" große Verdienste erworben hat und auch jetzt an der Veranstaltung der Jubelfeier in hervorragendem Maße mitwirkte. — Hierauf stimmte der Kantor der Warschauer jüdischen Gemeinde, Herr G. Sirota, mit Chorbegleitung eine eigens für diese Feier verfaßte hebräische Jubelhymne an. Sodann hielt einer der ältesten Mitarbeiter der „Hazefirah" und Begründer der ersten hebräischen Tageszeitung „Hajom", Rabbiner Dr. J. L. Kantor aus Riga, eine glänzende Festrede, in der er den Entwicklungsgang der modernen hebräischen Presse in Rußland schilderte und eine interessante Charakteristik des ersten Redakteurs der „Hazefirah", des Mathematikers und Astronomen Ch. S. S 1 o n i m s k i, sowie seines gegenwärtigen Chefredakteurs Nahum Sokolow entwarf. Die Festrede Dr. Kantors klang in eine begeisterte Huldigung für die Persönlichkeit und das wahrhaft universelle Wirken des Begründers der modernen hebräischen Journalistik Sokolow aus, dessen literarisches Schaffen vom Geiste der gesamten jüdischen Geschichte durchtränkt sei, „der den Weissagungen J e s a i a s gelauscht, mit A s s a p h und Jeduthun, mit K o h e 1 e t h und B e n - S i r a vertrauten Umgang gepflogen hat, Rabbi Jochanan ben Sakkai und Rabbi J e h o - schua ben C h a ri a n ja zu seinen Bekannten zählt, tief in die Allegorien des Midrasch eingedrungen ist, an Gab irols und des Sängers von Toledo Dichtungen sich berauscht hat, der mit Asarja de Rossi philosophiert, mit R. Samuel E d e 1 s (Maharscha) über die halachischen Probleme des Talmuds grübelt und gleichzeitig den mystischen Gedanken R. Schneor Salmans aus Lady nachsinnt, mit Abraham Geiger sich auseinandersetzt, Hermann Cohens und Bergsons Ideen kritisch prüft." Die Ausführungen Dr. Kantors wurden oft durch stürmischen Beifall unterbrochen. Nach Dr. Kantor sprach der bekannte jüdische Gelehrte Dr. Samuel Posnanski (Warschau). Es folgte nun der Empfang der verschiedenen Abordnungen, deren Sprecher Herrn Sokolow und dem Jubiläumskomitee die Glückwünsche ihrer Auftraggeber übermittelten und größtenteils Glückwunschadressen überreichten. Es hielten ferner Reden in hebräischer Sprache die Herren Rabbiner Dr. Josef Mo Iii lewer aus Bialystock und Hillel Zlatopolski aus Kiew. Nach verschiedenen hebräischen Chorgesängen des Gesangvereins „Hasamir" gelangte ein hebräischer Einakter „Hajobel" („Das Jubiläum") zur Aufführung. Schließlich sprachen noch — ebenfalls hebräisch — die Herren Dr. J. Thon aus Krakau und Chefredakteur Nahum Sokolow, der den von Nah und Fern herbeigeeilten Festteilnehmern gerührt dankte. Mit einer Vorführung von lebenden Bildern endete die imposante Feier, die ein literarisches und gesellschaftliches Ereignis ersten Ranges im Warschauer jüdischen Leben bildete. Die Warschauer hebräischen Verlagsgesellschaften „Achia s s a f", „T u s c h i j a h" und „S a f r u t h" haben beschlossen, aus Anlaß des Jubiläums der „Hazefirah" eine Anthologie der hebräischen Zeitschriftenliteratur herauszugeben, die in chronologischer Reihenfolge charakteristische [ELT 505 Proben aus den verschiedenen hebräischen Zeitschriften und Tageszeitungen von dem Berliner „M e a s s e f" des Mendelssohnschen Kreises angefangen bis auf den heutigen Tag enthalten soll. Auch die Titelblätter der einzelnen Zeitschriften, sowie bibliographische und literarhistorische Notizen über dieselben sollen der Anthologie beigegeben werden. Diese Sammelschrift wird demnach gewissermaßen eine Geschichte der hebräischen Presse mit wertvollem Quellenmaterial darstellen. D^s Bankett Auch das Bankett gestaltete sich zu einem der größten und fröhlichsten, einem der bedeutungsvollsten und volkstümlichsten Feste, das je in einer jüdischen Gemeinde gefeiert worden ist. Wie der Jubiläumsakt an die Zionistenkongresse erinnerte, stimmungsvoll wie der erste und zahlreicher besucht als irgendeiner, so erinnerte das Jubiläumsbankett an das Londoner Kongreßbankett. Die Zahl der Gäste war aber noch viel größer. Der gesamte Körper des Instituts, alle Glieder und Kräfte, aus deren tätigfreudigem, pflichteifrigem Zusammenwirken die Zeitung hervorgeht, waren geladen. In der richtigen Würdigung, daß dieses Fest ein Fest der ganzen jüdischen Presse sei, wurden auch sämtliche Vertreter jüdischer Zeitungen eingeladen; durch ihre Gegenwart ward dieser Abendfeier auch äußerlich das charakteristische Gepräge der Bedeutung dieses Jubiläums verliehen. Für einen Abend oder richtiger für eine Nacht war das verlorene Paradies der Parteilosigkeit wieder in diesem Festsaal verwirklicht, und Wolf, Tiger, Lämmlein und Katze tafelten friedlich nebeneinander, die sonst ihr wichtiges Tagewerk darin zu finden pflegen, gegenseitig sich zu heißen, zu verspeisen, resp. vom andern verspeist zu werden. Auch die Peripherie der Presse und der Literatur, die ,,Freunde des Hebräischen", die Choveve Sfath Ewer begegneten' hier den „Jüdischisten", die langröckigen, bärtigen, jüdischen Patriarchengestalten der launigen, freien literarischen Boheme, die Litwaks den Polaken. Die trefflichen Mitarbeiter des „Fraind", die geschickten Schreiber des „Haint" und des ,,Moment" saßen neben alten Gelehrten und hebräischen Schriftstellern; ich verzichte darauf, die ganze glänzende Schar wohlbekannter Ritter vom Geist und von der Presse, wie sie sich hier am Tisch des Hauses friedlich niedergelassen hatte, wie Homer die Schiffe der Achäer zu katalogisieren. Es fehlten auch nicht die Vertreter des „Hasomir", der jüdischen Theater, der jüdischen Schulen, der Anstalten und Vereine sowohl Warschaus wie vieler anderer Städte. Und es fehlten nicht neben dem jugendlichen Blütenflor der Töchter und neben den Gattinnen auch Vertreter der jüngsten Schuljugend, denen es gelungen ist, eine Eintrittskarte "zu erstehen. Vor dem Bankett tobte ein förmlicher Kampf um diese Karten im Laufe einiger Tage, und nur ein geringer Teil der Verlangenden konnte befriedigt werden. Als die Zahl der Bankettgäste, die sich nach der Statistik auf etwa 600 beziffern mochte (in der Wirklichkeit war die Zahl größer), ziemlich vollständig versammelt zu sein schien, sahen sich die Versammelten ersucht, in den Festsaal zu treten. Man nahm die bestimmten Plätze an der langen, durch die Bemühungen des Damenkomitees, mit Frau Samuel Krynski an der Spitze, ungemein geschickt arrangierten, mit hebräischen Buchstaben bezeichneter! Tafel ein. An einer Tafel längs der Bühne hatten in der Mitte die Mitglieder des Jubiläumskomitees, die auswärtigen Gäste, einige Vertreter der Deputationen, zum Teil auch mit ihren Damen, ihren Sitz genommen, zwischen ihnen Nahum Sokolow mit seiner Familie. Nachdem jenes elementare, heitere Schwirren und Surren einer großen, sich zu ihrer Festtätigkeit an den Tafeln niederlassenden Gesellschaft durch das mahnende Anklingen ans Glas zu einer tiefen respektvollen Stille gesänftigt war, übernahm Herr Podiisch ewski als „ Tafel wirf" die Leitung und erteilte das Wort Herrn Zlatopolski. Zunächst begrüßte der Redner die Gäste, welche erschienen sind, ein Fest zu schmücken, das einen Ehrenplatz in den Annalen der hebräischen Renaissance-Bewegung einnimmt. Ohne Rücksicht des Parteistandpunktes müsse jeder national fühlende Jude Anteil an diesem hier gefeierten Ereignis nehmen und Genugtuung darüber empfinden, daß es einem hebräischen Organ gelungen ist, sich zu erhalten und zu entwickeln. So sei dies Fest auch mehr als ein nur der Presse gewidmetes, ein Fest der auferstandenen Nationalsprache, das jeder Partei und jeder religiösen Schattierung in unserem Volke zur Freude gereichen könne und möge. Ein Gedanke sei es vor allem, der von der Hazefirah als das 'höchste und wichtigste Ziel aller Arbeit unseres Volkes: die Wiederbelebung und Entwicklung unserer

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