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Die Welt · 1912-04-26 · 17 (26.4.1912) · page 2

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Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
17 (26.4.1912)
Date
1912-04-26
Page
– (sequence 2)
Language
German
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504 DlE]j Konferenz — welch' herrliche Gelegenheit, diplomatische Schriftstücke zu verfassen, an das diverse Wohlwollen diverser Nationen zu appellieren und dem jüdischen Publice* durch Antwortschreiben hochmögender Personen zu imponieren! Wir Zionisten sind wahrlich keine Gegner jüdischer Politik. Aber es muß zielbewußte Realpolitik und nicht diplomatisches Geschwätz sein! Wir wollen eine Judenpolitik, die ruhig und klar mit den bestehenden Verhältnissen rechnet, die nur fordert, wenn sie etwas bieten kann, die den Wert gelegentlicher „Interventionen" nicht höher schätzt, als er es verdient; die schließlich dahin führt, die Miden im Getriebe der Weltpolitik an die richtige Stelle bringen, und stets in den Juden selbst ihren Rückhalt -sucht. Die Veranstaltung von Audienzen und Konferenzen aber, die an der Struktur des jüdischen Volkskörpers nichts ändern, in denen Phrasen von gegenseitigem Wohlwollen und Interesse, vom Fortschritt der Kultur und vom Segen der Zivilisation gewechselt werden — diese Politik lehnen wir ab und demaskieren sie als das, was sie ist: als eitle Narrheit. Man wende nicht ein, daß es eben nötig sei „alles zu versuchen", auf die Gefahr hin, unsere Hoffnungen enttäuscht zu sehen. Wir bekämpfen hier nicht diesen oder jenem Schritt, der mit geringem oder gar keinem Erfolg hier und da in guter Absicht unternommen wurde. Wir bekämpfen das System der System losigkeit, das sich in leeren Einzelaktionen erschöpft und nie zu einer erfolgreichen Judenpolitik führt, weil die p o s i t i v - j ü d i s c h e n Ziele fehlen, die die Einzelaktionen zum System gestalten und durch Beharrlichkeit zum Siege führen könnten. Wenn die marokkanischen Juden, die jetzt ermordet worden sind, gelesen hätten, welch kostbares Interesse ihnen im Jahre 1906 zugewendet wurde! Man hätte glauben können, die europäische Diplomatie habe kein wichtigeres Ziel zu verfolgen, als für den Schutz der marokkanischen Juden zu sorgen. Die Chauvinisten diesseits und jenseits des Rheins rissen sich förmlich um sie! Französische Publizisten rühmten die Alliance, deren jüdische Schulen Marokko bereits für das Franzosentum erobert hätten und äußerten Besorgnis, die eben gegründete deutsche Konferenzgemeinschaft könne den französierenden Tendenzen der Alliance Abbruch tun. Der spanische Senator Pulido erinnerte daran, daß die Juden in Marokko „Spaniolen" seien und der zweite Vertreter Spaniens auf der Algeciras-Konferenz erklärte es für eine Schande, daß für die Juden Marokkos noch keine spanischen Schulen gegründet worden seien. Der italienische Bevollmächtigte, Visconti V e n o s t a , versprach, für die Besserung der Lage der Juden eintreten zu wollen und der Vertreter Amerikas, Mr. White, %ELT Nr. 17 konnte sich für die Anerkennung seiner Haltung durch die Alliance in folgendem Schreiben bedanken: ....., den 26. April 1906. „Herr Präsident! Idh beehre mich, Ihnen den Empfang des so wohlwollenden Briefes zu bestätigen, den die A. I. U. mir am 9. ds. Mts. geschrieben hat, und der mir bei meiner Rückkehr von Algeciras zugestellt worden ist. Auch ich bin glücklich, daß Sie der Meinung sind, ich wäre den Israeliten von Marokko in irgend einem Sinne dienlich gewesen, indem ich zu ihren Gunsten auf der Konferenz Schritte getan habe, und danke Ihnen für die Gefühle, die Sie hinsichtlich meines Landes auszusprechen die Güte hatten. Genehmigen Sie, Herr Präsident, den Ausdruck meiner ausgezeichneten Hochachtung. Henry White." Wenige Tage später veröffentlichte auch der „Hilfsverein der deutschen Juden" folgende Mitteilung: „Der „Hilfsverein der deutschen Juden" hat, nachdem seine von den jüdischen Organisationen Englands, Amerikas und Oesterreichs und hervorragenden Einzelpersönlichkeiten anderer Länder unterstützten Anregungen zur Besserstellung der marokkanischen Juden einen erfreulichen Erfolg gehabt haben, Veranlassung genommen, dem Reichskanzler Fürsten von B ü 1 o w , dem Botschafter Herrn v o n R a d o w i t z , Herrn White und dem Herzog von Almodovar für die Förderung seiner Bestrebungen gelegentlich der Marokkokonferenz seinen Dank zu übermitteln." Seitdem sind sechs Jahre vergangen. Die Bemühungen der Mächte um die marokkanischen Juden sind ohne irgend welche Wirkung geblieben. Die wirtschaftliche Lage, ist so elend, wie sie zuvor war, und das französische Protektorat hat nicht gehindert, daß wiederum die „Mellah", das jüdische Viertel zerstört, von Mord und Brand verwüstet wurde. Wir klagen niemand an, denn wir wissen, wo das tausendjährige Leid unseres Volkes seine Wurzeln hat. Aber wir weisen auf den Zusammenbruch einer Politik hin, die von der Gefährdung der Juden durch den Zionismus faselt und dabei im Zeitalter der Pogrome nicht in einem einzigen Fall imstande war, jüdisches Leben oder Eigentum zu schützen. Wir wollen das jüdische Volk nicht durch leere Versprechungen täuschen. Wir wollen ihm immer wieder sagen, daß nur die Selbsthilfe uns besseren Zeiten entgegenführen kann und wollen der politischen Unfähigkeit jener selbstgefälligen Dilettanten ins Gesicht leuchten, die eine Macht vortäuschen, die sie nicht besitzen, und einen Eifer bekunden, der nicht der jüdischen Sache, sondern nur ihrer eigenen Applausgier dient. R. L. Jubiläumsfeier der „Hazefirah" in Warschau Unter außerordentlich reger Teilnahme fand in Warschau am Mittwoch, den 17. April, im großen Saale der Philharmonie die Jubiläumsfeier der hebräischen Tageszeitung „Hazefirah" anläßlich ihres 50 jährigen Bestehens statt. Es herrschte ein ungeheurer Andrang und unbeschreibliche Begeisterung. Die Eintrittskarten zur Feier waren schon einige Tage vorher vollständig vergriffen, und das Jubiläumskomitee befand sich in der peinlichen Lage, dem Ansturm vieler Tausende von Personen, die zum Teil aus den entferntesten Gegenden Rußlands eigens zum Jubiläum der „Hazefirah" nach Warschau gereist waren, standhalten zu müssen, ohne der großen Mehrzahl der Bittsteller den Zutritt zur Feier ermöglichen zu können. Bei dieser Sachlage braucht nicht besonders hervorgehoben zu werden, daß der große Saal der Philharmonie — der größte in Warschau — samt den Galerien lange vor Beginn der Feier bis zum letzten Plätzchen gefüllt war. Trotzdem war die Ordnung musterhaft, und die große Menge bot ein Bild feierlicher, erwartungsvoller Stille. Unter den auswärtigen Teilnehmern bemerkte man zahlreiche Deputationen aus Petersburg, Moskau, Brest-Litewsk, Bialystock, Lublin, Lodz, Riga und anderen russischen und polnischen Städten, sowie aus dem

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