Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 17 (26.4.1912)
- Date
- 1912-04-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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DIE LT BERLIN W15, SACHSISCHE STR. 8. W ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XVI. JAHRG. BERLIN, 26. April 1912 Wrfel? y'Dnn 'H T'K 'D #^11 Nr. 17. MAROKKO Seitdem die deutsch-französische Kriegsgefahr durch die Weisheit der Regierungen abgewendet, die Qualität der Kupferminen im Susgebiet Marokkos durch die Quantität der Wüsteneien im Sumpfgebiet des Kongo zur beiderseitigen Unzufriedenheit aufgewogen war, hatte man in der Oeffentlichkeit nicht mehr viel aus denn Scherifenreiche vernommen. Der weitere Gang der Ereignisse konnte ja nur die Befestigung des französischen Protektorats bringen, die denn auch bald mit der Pensionierung des „souveränen" Sultans und der Einführung französischer Verwaltungsmaßnahmen begann. Daß es hierbei nicht ganz ohne Widerstände seitens der eingeborenen Bevölkerung abgehen würde, war freilich vorauszusehen, denn schon zu Beginn der französischen Einmischungsversuche hatten Kenner des Landes auf die kriegerische Wildheit und den Unabhängigkeitssinn der Marokkaner hingewiesen und die Befürchtung ausgesprochen, die Eroberung Marokkos würde sich noch blutiger und unter größeren Schwierigkeiten vollziehen, als die Eroberung von Algier. Doch die moderne Kolonialpolitik der Großmächte darf vor ,soldhen Hindernissen nicht zurückschrecken. Die Macht des Vaterlandes, die Ehre der Nation verlangt, daß Blut fließe — freilich picht das Blut der Herren Kolonialpolitiker, sondern das der Eingeborenen, der Soldaten — und der Juden. Wahrhaftig, unser Volk spielt gegenwärtig eine höchst kriegerische Rolle! Es ist an allen Siegen und Niederlagen beteiligt und seine Verlustliste ist viel größer als die der kämpfenden Parteien. Die ersten „Tripolitaner", die von italienischen Schiffsgranaten getroffen wurden, waren Juden; die „Italiener" der Türkei, die in ständiger Furcht vor der Ausweisung leben, sind Juden; nun kommt die Nachricht von einem Aufstand der Marokkaner in Fez, der einigen Dutzend Franzosen und tausend Juden das Leben kostete. Es wäre sinnlos, in diesem Augenblick nach einein „Schuldigen" zu suchen, dem die Verantwortung für das Blutbad im Judenviertel von Fez aufgeladen werden könnte. In einer Anwandlung kluger Voraussicht schrieb die Älliance Israelite Universelle in ihrem Bericht über das Jahr 1907: „Obwohl die marokkanischen Israeliten an den Vorgängen, die eine europäische Intervention in Marokko herbeiführten, nicht den entferntesten Anteil haben, so sind sie es doch, die in erster Reihe und in ganz besonderem Maße darunter leiden müssen." Die Juden sind eben überall die Schwacher* und der Schwache muß für die Sünden der Stärkeren büßen. Die einheimische Bevölkerung Marokkos, aufgehetzt, gereizt und fanatisiert, stürzt sich auf das Judenviertel und kühlt ihre Wut über die Fremdherrschaft in wildem Morden. Wie in Rußland der alkoholisierte Muschik das Elend seines Daseins in periodisch wiederholten Judenhetzen zu vergessen sucht, so rächt der Marokkaner seine verlorene Freiheit an den Elendesten der Elenden. Da wir diesen bestialischen Zug der Menschennatur nie verkannt haben, so achteten wir von jeher die diplomatischen Mätzchen gering, mit denen die Alliance für die Interessen der Juden einzutreten vorgab. Sammlung der eigenen Kräfte, Kolonisation zum Zwecke nationaler Konzentration, das ist unsere Parole, und wenn wir an dieser festhalten, wenn wir im Vertrauen auf die eigene Kraft allen Schwierigkeiten zum Trotz auf unserem Wege fortschreiten, so wird ein Tag kommen, da wir durch eigene Kraft Pogrome verhindern und Mörderbanden abwehren können. Das national geeinte Judentum der Zukunft wird diese Kraft besitzen. Diesen Weg wollen die „großen jüdischen Organisationen" nicht beschreiten.; Sie wollen nicht die Bildung eines Volkstums, das sich zu wehren weiß, sie wollen vielmehr den Schein ihrer eigenen Macht aufrechterhalten, und während in Rußland und Rumänien, in Marokko und Persien unsere Menschenrechte mit Füßen getreten werden, während jährlich Tausende ihr Judentum mit dem Verlust ihrer Habe und mit ihrem Leben bezahlen, ergehen sich die verehrlichen Vereinsvorstände in Paris und anderswo in wohltönenden Redensarten und ihr Diplomatenblick ist auf die „Pflege von Beziehungen" gerichtet. Die letzte Schreckensnachricht aus Marokko, die der unsäglichen Leidensgeschichte der dortigen Juden nur ein neues Blatt hinzufügt, weckt die Erinnerung an das diplomatische Getue wieder auf, in dem sich die „offiziellen Vertreter" der Judenheit anno 1906 gefielen. Sobald die Konferenz von Algeciras beschlossen war, fing die Tragikomödie an. Natürlich! Eine internationale