Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 16 (19.4.1912)
- Date
- 1912-04-19
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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486 DIES^LT. Nr. 16 in eine Richtung zu leiten, ihnen einen einheitlichen Stil zu geben, ist ein weiteres Verdienst, das ihm hoch angerechnet werden muß. Hurwitz' Antispiritualismus mußte ihn unvermeidlich in Gegnerschaft bringen zum Rabbinismus, zum Chassidismus und last not least zum Ac'had-Haamismus. Aus diesem Grunde steht er zwei Gegnern gegenüber, den alten und den jungen nKultur"-Juden. Was Herr Hurwitz im letzten Grunde will, ist Zivilisation, praktisches, wirkliches Leben und nicht „Kultur'4, nicht Rationalismus, der keine Basis im Leben hat. Soweit ist die Tendenz des „Heathid" in jedem Falle diskutabel. Wenn aber der „Heathid" gerade von der Moderne verfehmt und totgeschwiegen wird — trotzdem er, literarhistorisch betrachtet, ein großes hebräisches Literaturdokument ist, so hat dies freilich seine guten Gründe, die ich als gewissenhafter Rezensent nicht verschweigen will. Diese Gründe sind: 1. der Mangel an positiven Vorschlägen -— und an positiver Gesinnung, 2. der Umstand, daß dem Problem des Christentums zuviel Raum gewährt wurde, was sehr auffiel und /u Mißdeutungen führte, endlich 3. der Mangel an soziologischer Einsicht. .Mit bloßer Kritik ist eben der Sache des Judentums nicht gedient. Diagnose ohne Prognose bezeichnet immer einen letalen Ausgang. Zugegeben, daß der jüdische Spiritualismus und moderne Rationalismus unschöpferisch sind und den Niedergang des Judentums nicht aufhalten können. Was ist uns mit dieser Lrkenntnis allein gedient? Der moderne jüdische Rationalismus ist kein Erzeugnis des wirklichen Lebens. Auch zugegeben. Aber wie verschafft man dem jüdischen Geist, der auch im Golus nicht zum Stillstand kommen will, seinen natürlichen Boden? Ich als Zionist sage: In Palästina. Und wer, wie Hurwitz, am heutigen Judentum Kritik übt, muß zu demselben Resultat kommen. Warum schweigt sich Hur- \v i t z über diesen Punkt aus? Wäre Hurwitz selbst weniger Rationalist, so würde er — anstatt in rein rationalistischliterarischen Polemiken ganz aufzugehen — auch praktische jüdische Volkspolitik treiben. Da seine Kritik am heutigen Judentum im letzten Grunde politisch motiviert ist und er sich zionistisch-politisch nicht betätigt, so bleiben ihm die Sympathien auch aus diesem Kreise aus. Wenn das Golus die Ursache des Niederganges des jüdisch-geistigen Lebens ist, wie kann dieses anders als in Palästina gesunden? Hurwitz gewährt im „Heathid" dem Problem des Christentums entschieden zuviel Raum. Im dritten Band des „Heathid" allein sind drei große Arbeiten über das Christentum abgedruckt. Abgesehen davon, daß seine Gegner dieses zu viele literarische „Christein" mißdeuten und Hurwitz zu verdächtigen suchen (die Verdächtigung ist nicht weniger lächerlich als niederträchtig), ist es schon aus vielen anderen Gründen nicht angebracht, das Christentum in einem hebräischen Sammelbuch literarisch aktuell zu machen. Ein nationaler Jude, der sich mit dem Christentum öffentlich literarisch beschäftigt, bekundet m. E. einen Mangel an jüdischem Würdebewußtsein. Dann haben wir auch mit dem Faktum zu rechnen, daß die hebräisch lesenden Missionare hebräische Artikel über das Christentum, auch wenn sie negativ sind, für ihre schmutzigen Zwecke ausbeuten . . . Man muß auch bedenken, daß gerade in Rußland jetzt die Taufseuche wütet, und die Missionare werden sicher nicht versäumen, jene Erscheinung mit diesen literarischen Produktionen in Zusammenhang zu bringen. Der Herausgeber des „Heathid", der gewiß das Beste für sein Volk will, bekundet auch einen gewissen Mangel an soziologischem Verständnis. Eine „Erweiterung der Grenzen des Judentums" durch Aufnahme allgemein menschlicher Kulturelemente (wie sie H. in einem geistvollen Aufsatz des dritten Bandes von „Heathid" fordert), ist im Golus ein Unding. In Palästina können die Juden am Judentum noch so viel reformieren, es wird doch Judentum bleiben, weil das Milieu ein jüdisches ist. Aber die Erweiterung der Grenzen des Judentums im Golus ist unbewußt oder bewußt krasseste Assimilation, zu der sich nur ein Ludwig Geiger oder ein Reinach verstehen kann. Der edelste jüdische Nationalismus im Golus, verbunden mit der gesinnungstüchtigsten Orthodoxie ist doch nur Freiheit in Knechtschaft, weil kein Mensch den Einflüssen seines Milieus widerstehen kann. Soweit die Mängel, die diese literarisch wie wissenschaftlich wertvollen hebräischen Sammelbücher „auszeichnen". Auf die einzelnen Arbeiten kann hier nicht näher eingegangen werden. Sie zeichnen sich aber durch echte Wissenschaftlidhkeit und einen vornehmen akademischen Ton aus. Auch die publizistischen Aufsätze stehen auf ansehnlicher Höhe. Zu erwähnen ist nur noch die als Anhang erschienene Jesusbiographie von Joseph Klausner, in der zum erstenmal alle hebräischen und jüdischen Quellen in bezug auf Jesus zusammengetragen werden. Die Arbeit an sich ist ein philologisch-historisches Meisterstück, nur schade, daß sie gerade jetzt und hier erschienen ist..... Die publizistischen Aufsätze sind alle anregend, belehrend und originell. Politisch betrachte ich den „Heathid" bis jetzt für verfehlt, aber literarisch bedeutet er einen Markstein in unserer nationalen Literatur. Wenn Hurwitz ganze Arbeit tun will, wird er sich dazu verstehen müssen, von jetzt ab den „Heathid'4 mehr soziologisch als kulturkritisch zu stimmen. Versteht er sich zu unseren Forderungen des praktisch-politischen Zionismus, dann werden wir ihm Dank wissen und ihm den Platz in unserer Literatur zuweisen, der ihm als führendem Manne gebührt. London. Dr. S. M. Melamed * ^Slty m1? Literarischer Palästina-Almanach für das Jahr 5672 (1911/12). Von A. M. Luncz. XVII. Jahrgang. Jerusalem 1911. , Druck und Verlag des Herausgebers (Hebräisch). — D^IT Jerusalem. Jahrbuch zur Förderung einer wissenschaftlich genauen Kenntnis des jetzigein und des alten Palästinas. Herausgegeben von A. M. Luncz, unter Mitwirkung von Fachmännern im heiligen Lande und außerhalb desselben. Band IX, Heft 3—4. Jerusalem 1911. Druck und Verlag des Herausgebers (Hebräisch). Der um die Forderung der Palästinakuinde hochverdiente Herausgeber der vorliegenden zwei Schriften begeht in diesem Jahre das 30jährige Jubiläum seiner literarischen Tätigkeit. Im Jahre 1882 gab er den ersten Band des hebräischen Jahrbuches „Jerusalem" heraus, und seither bereichert er die hebräische Palästinaliteratur fortgesetzt mit vielen wertvollen Publikationen, die, abgesehen von ihrer wissenschaftlichen Bedeutung, gewissermaßen eine Ehrenrettung der jüdischen Forschung darstellen. Hatte sich ja im 19. Jahrhundert, ähnlich wie auf dem Gebiete des systematischen Bibelstudiums, eine Art Monopol christlicher Gelehrter auf die Palästinaforschung herausgebildet. Wenn hierin in den letzten Jahrzehnten sich doch manches geändert hat und die moderne Palästinabibliographie eine Reihe hervorragender jüdischer Schriften sowohl wirtschaftlichen und geographischen wie historischen und archäologischen Inhalts zu verzeichnen hat; wenn insbesondere auch in hebräischer Sprache die Palästinakunde in allen ihren Zweigen eifrig gepflegt wird, so ist dies zum großen Teile das Verdienst von A. M. Lüne z. Seit vielen Jahren des Augenlichts beraubt, setzt Luncz seine literarischwissenschaftliche Tätigkeit gleichwohl unverdrossen und mit bewundernswerter Hingabe fort. Von materiellen Erlolgen irgendwelcher Art — dies braucht kaum gesagt zu werden — war diese vielseitige dreißigjährige Tätigkeit niemals begleitet. Die ursprünglich als Jahrbücher gedachten und auch jetzt so betitelten Sammelbände konnten beispielsweise aus Mangel an Mitteln nur in 2—3 jährigen Intervallen erscheinen, und auch die vor einigen Jahren begonnene kritische Edition des jerusalemischen Talmud mußte aus gleichem Grunde eine Unterbrechung erfahren. (Vgl. den Aufruf des Jerusalemer Komitees an anderer Stelle dieser Nummer.) Trotz solcher Ungunst der äußeren Verhältnisse beläuft sich die Zahl der bisher veröffentlichten größeren Arbeiten von Luncz auf 32, darunter 10 Bände seines Jahrbuchs „Jerusalem" und 17 Bände des literarischen Palästina- Almanachs. Namentlich auf dem Gebiete der hebräischen Palästinabibliographie .sowie der Geschichte der jüdischen Siedlungen im Lande der Väter hat Luncz Großartiges geleistet und das kaum übersehbare, weithin zerstreute Material in mustergültiger Weise verarbeitet. Aus dem Inhalt des vorliegenden Palästina-Almanachs seien folgende Aufsätze hervorgehoben: Jerusalem in den letzten vierzig Jahren vom Herausgeber; eine warmherzige Charakteristik der Persönlichkeit des Jaffaer Oberrabbiners A. J. Kuik von dem, bekannten hebräischen Schriftsteller A. S. R a b b i n o w i t z; die prägnante Darstellung der christlichen Kolonisationstätigkeit in Palästina während der letzten 250 Jahre von S, Raphaeli; „Mutter und Tochter", eine Skizze aus dem Leben der jemenitischen Juden in Palästina von Hanna Luncz; Biographie des Rabbi Israel aus S c h k 1 o w , des Begründers der Peruschimgemeinden in Palästina vom Herausgeber; Die Belagerung Jerusalems unter Ibrahim Pascha von S. Raphaeli; eine reichhaltige Jahresrevue u. v. a. — Heft 3/4 des IX. Bandes von „Jerusalem" weist folgenden Inhalt auf: „Die Chalukkah, ihre Entwicklung und ihr gegenwärtiger Zustand, nebst rabbini-