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Die Welt · 1912-04-19 · 16 (19.4.1912) · page 9

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Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
16 (19.4.1912)
Date
1912-04-19
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 16 DIE2&ELT 479 Der Geist der hebräischen Dichtung, Dr. Josef P a t a i: Ungarisch-Jüdische Dichtung, Dr. Heller Bernät: Die hebräische Mittelschule in Palästina. Gleichzeitig gab auch der Israelitische Landeskultur verein einen Almanach heraus, der ebenfalls eine Reihe sehr wertvoller Aufsätze und schöne jüdische Illustrationen enthält, unter anderen einen Aufsatz von Dr. Julius Weiß bürg über den Kulturwert der jüdischen Rasse, von Dr. Julius Diamant über jüdische Kultur und von Dr. Elias Adler über die hebräische Sprache. Wenn wir der jüdischen Kulturerscheinungen Ungarns gedenken, müssen wir auch ein Buch erwähnen, das besonders in den orthodoxen Kreisen Ungarns und auch des Auslandes berufen ist, die Liebe für jüdisch-kulturelle Betätigung im allgemeinen und speziell für Palästinaarbeit zu erwecken: es ist dies ein in deutscher Sprache abgefaßter Bericht über eine Palästinareise des Oberrabbiners Josef Grünbaum in Baläzsfalva. Dieses Buch (es führt den Titel: „Das Land, welches jedem heilig ist"), das in einem sehr anziehenden Tone abgefaßt ist, beschränkt sich nicht bloß auf die Schilderung der palästinensischen Oertlichkeiten, sondern behandelt recht eingehend auch die verschiedenen jüdischen Kulturprobleme und dies in einem recht konzilianten Tone, was seitens eines orthodoxen ungarischen Rabbiners sehr angenehm berühren muß. Das hebräische Schulwesen, die Chalukafrage, die Kolonisierung der religiösen Elemente werden interessant beleuchtet und überall werden nebenbei auch die Beziehungen der ungarischen Judenheit zum palästinensischen Jischub erwähnt, was dem Buche speziell vom uingarischjüdischen Standpunkte Wert verleiht. Eine ausführliche Darstellung der jumgjüdischen Kultur in Ungarn bietet dieser Aufsatz nicht, wir müßten noch gar manches erwähnen, so in erster Reihe die jüdische Presse des Landes, die bereits — selbst die Presse der Assimilation nicht ausgenommen — in das Fahrwasser der jüdischen Kulturströmung eingelenkt hat, wir müßten die zahlreichen Vereine erwähnen, die mehr oder weniger intensiv sich mit jüdischer Literatur und Wissenschaft befassen, doch würde dies den Rahmen dieses Artikels überschreiten, und wir wollen uns daher begnügen, einen kleinen Einblick in das immer mehr erstarkende jüdische Kulturleben Ungarns geboten zu haben. N. K. Bilder aus New York Der Frühling hat die ersten jungen Triebe hervorgebracht, und wie Ahnung und Verheißung zittert es durch die sonnige Luit. Man fühlt, irgend etwas will werden, will sich formen und plötzlich in fertiger Schönheit dastehen! Der Frühling hat auch die Kinder der Riesenstadt ins Freie gelockt, und ringsum wimmelt und lebt es von den tausend bunten Typen, die New York bevölkern: Angelsachsen, Slawen, Deutsche, Neger, Franzosen, Italiener und viele, viele Juden. Und der Spaziergänger sieht in das Gewimmel hinein und fühlt, daß auch hier unsichtbare Frühlingsmächte am Werk sind, die diese mannigfachen Typen durch gleiche Lebensweise, gleiches Klima, gleiche politische Geschicke einander anähneln wollen, bis sie endlich zu einem neuen Volkstyp, einer neuen Blüte am Baume der Menschheit verschmelzen werden. Die Vertreter der Nationen der ganzen Welt, die in Amerika nebeneinander leben, betrachten sich gegenseitig ohne Konkurrenz, in dem sicheren Instinkt, daß nur ihre Vergangenheit eine verschiedene ist, daß aber die Zukunft für sie alle die gleiche sein wird. Für sie alle? Nein. Denn wieder einmal wird das uralte rophetenwort wahr: „Ein Rest bleibt übrig!" Der Rest, den keine Volksmischung absorbieren kann, der immer wieder als Fremdkörper ausgeschieden wird: die Juden. Und dabei ist der amerikanische Jude ein so seltsames Zwitterwesen! Jedes Land hat seine Juden, und die Judenheit jedes Landes weist bestimmte, unterschiedliche Wesens- 'üge auf Amerika hat sie alle, hat die Juden der ganzen Welt, und jede Volksgemeinschaft scheidet hier ihre Juden wieder ius wie einen Bodensatz, stellt sie beiseite und zeigt, daß der jüdische Deutsche, Engländer oder Pole eigentlich der ieutsche, englische oder polnische Jude ist. Dieses jüdische Element wird von jeder Nation in Amerika, mch von der sich bildenden amerikanischen, als ein Fremdkörper betrachtet, den man sich nicht assimilieren kann und iaher mit Mißtrauen behandelt. Denn was die Zukunft mit diesem unauflöslichen Rest, der nun schon eine Million Seelen beträgt, vorhat, das läßt sich nicht berechnen. Am seltsamsten in diesem Prozeß der Verschmelzung und Abstoßung verhält sich der Jude selbst. Er hat meistens keineswegs die Absicht, in seiner Eigenschaft als Jude seine Interessen zu vertreten, er will gewöhnlich so lange ein Vertreter seines Herkunftslandes sein, bis es ihm gelungen ist, Amerikaner zu werden und er, bei dem die Kultur seines früheren Aufenthaltlandes weniger tief naftet als bei dessen eingesessenen Kindern, meint, daß ihm diese Amerikanisierung schneller gelingen müsse, als dem Mitglied irgendeiner anderen Volksgemeinschaft. Und wirklich, wie der Amerikaner sich räuspert und wie er spuckt, wie er sich trägt, wie er sein äußeres Leben einrichtet und sein inneres auf eine materielle Weltauffassung einstellt, das sieht er ihm bald genug ab. Aber wenn er selbst sich dann auch noch so gern einreden möchte, ein Amerikaner geworden zu sein — die anderen sehen nur den Juden mit der jüdischen Nase, dem jüdischen Namen, gewissen undefinierbaren jüdischen Wesenszügen. Und 'nun beginnt das lächerlichste Versteckspiel: eine Million Menschen, die sich durch bestimmte Merkmale von ihrer Umgebung unterscheiden und —- zum größten Teile — der Welt einreden wollen, daß diese Merkmale gar nicht vorhanden sind. Ein trauriges Schauspiel und ein frohes zugleich! Traurig für den, der die unmittelbaren Folgen des Abstoßungsprozesses sieht: den Antisemitismus, der sich zu bilden beginnt und diesem unberechenbaren, bedrohlichen Faktor im amerikanischen Volksgemenge gern den Weg zu materiellem und gesellschaftlichem Erfolg versperren möchte. Ein frohes für den unverbesserlichen Optimisten, der an die Ewigkeitsdauer seines Stammes glaubt, der hofft, daß das Fortstreben der Glieder vom Stamme nur eine vorübergehende Erscheinung ist und sie sich schließlich doch zusammenfinden und in gemeinsamer Arbeit ein gemeinsames jüdisches Ziel verfolgen werden. — Schon regt sich hier und da die Besinnung auf das jüdische Volkstum, und je mehr die einzelnen Juden — aus der Gesellschaft der anderen ausgeschieden - aufeinander angewiesen werden, desto mehr könnte das Selbstbewußtsein gestärkt und auf das Ziel hingewiesen werden, das die freie Entfaltung dieses Volkstums auf eigenem Boden erstrebt. Könnte, sage ich, denn noch sind die Bestrebungen zur Sammlung dieser verstreuten, da und dort im Dunklen wachsen- /

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