Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 16 (19.4.1912)
- Date
- 1912-04-19
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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478 ■ DIE2 mächtige neujüdische Kulturströmung des Gesamtjudentuimes. Es ist ein unbestreitbares Verdienst der zionistischen Bewegung, das jüdische Volksgefühl in Ungarn wachgerufen und das jüdische Kulturbedürfnis in der ungarischen Judenheit geschaffen zu haben — die Befriedigung dieses wunderbar erstarkenden Kulturbedürfnisses ist aber das Verdienst eines einzigen Mannes, unseres Gesinnungsgenossen Dr. Josef Patai. Wir behalten uns vor, die epochale Wirksamkeit Dr. Patais in ihrem ganzen Zusammenhange bei anderer Gelegenheit zu würdigen und wollen diesmal bloß diejenige,:! Werke erwähnen, die im Laufe des letzten Jahres seiner Person ihr Entstehen verdanken: Im Juni vorigen Jahres gab Patai seinen ,,Ungarischjüdischen Almanach" heraus. Wir dürfen ohne Ueberhebung behaupten, daß ein jüdisches Werk in solch kunstvoller Ausführung überhaupt noch niemals auf dem Büchermarkte erschienen ist: Großquartformat, in Prachtband gebunden, mit 170 Illustrationen jüdischer Künstler geziert, auf gelbem Velinpapier gedruckt, bietet der Almanach schon äußerlich einen imposanten Eindruck jüdischer Kunst und jüdischen Wollens, der selbst in den nichtjüdischen Kreisen und der Presse Ungarns rückhaltlose Bewunderung und Anerkennung auslösen mußte. Inhaltlich bietet der Almanach ein unübertroffenes Bild jüdischer Kultur, lieber 100 Aufsätze, Skizzen, Erzählungen aus dem Gebiete jüdischer Wissenschaft, Kunst, Literatur füllen den mächtigen Band. Neben ungarisch-jüdischen Gelehrten und Schriftstellern sind im Almanach die hervorragendsten Repräsentanten jüdischer Renaissance des Aus^ landes vertreten. Von dem vielen, das dieses herrliche jüdische Sammelwerk enthält, wollen wir bloß einiges erwähnen: Max Nord aus „Jüdische Renaissance" und die scharfe Entgegnung Martin B u b e r s unter dem Titel „Renaissance", Dr. Ludwig Venetianer: Jüdische Steindenkmäler, Edith P a - tai: Jüdische Kunst, Essays über Lilien und Struck, Josef Patai: Die hebräischen Dichter der Renaissance, Paul Nädai: Jüdische Kunstindustrie, Dr. Ludwig Blau: Die hebräische Bücherwelt, Moritz Guttraann: Jüdische Mystiker, Franz Mezey: Jüdische Solidarität, Alexander Bernät: Jüdische Probleme, Wilhelm Bacher: Ueber den Begriff der jüdischen Literatur, Dr. Max Weisz: Jüdische Wissenschaft, Franz Szekely: Jüdische Patronage, Benjamin Beregi: Zollschahn und das jüdische Rassenproblem, Viktor Jordan: Jüdisches Leben in Palästina, Ludwig Batö: Herzl, Dr. Leon L u k ä c s: Nordau, Erzählungen und Gedichte von Perez, Asch, Zangwill, Sokolow, Reisen, Czernichowski, Bialik, Steinberg, Cohen, Katzeneis ohn, Moses Bolgär, Awigdor Feu erste in, Köbor Tarn äs, Lenkei Henrik, Heves Kornel, Mezey Sändor, Kiss Arnold, lljväri Peter und noch vielen anderen. Schon die Herausgabe des Almanachs an sich war eine bedeutungsvolle kulturelle Errungenschaft, doch noch größere Bedeutung müssen wir dem Umstände beimessen, daß der Almanach im ganzen Lande reißenden Absatz fand, daß in kurzem die große Auflage völlig vergriffen war. Es war dies ein schlagender Beweis, daß die ungarische Judenheit die jüdische Literatur liebgewonnen hatte. Der Jüdische Almanach wird heute im ganzen Lande gelesen, und die herrlichen Illustrationen von Lilien, Struck, Pilichowski, Hirszenberg, Gottlieb erwecken nun auch in der ungarischen Judenheit die Liebe zur jüdischen Kunst. Der unerwartet schöne Erfolg des jüdischen Almanachs bewog Patai zur Herausgabe einer jüdischen Revue in magyarischer Sprache über jüdische Kunst, Literatur und Wissenschaft. Seit Januar erscheint in seiner Redaktion, die Monatsschrift „Mult es Jövö" („Vergangenheit und £ELT Nr. 16 Zukunft"). Der Zweck dieser Zeitschrift ist, die KuJturschätze der ausländischen Judenheit dem ungarischen Juden zu erschließen und andererseits dem erweckten Kulturbedürfnisse des ungarischen Judentums die Möglichkeit zu einer schaffenden Tätigkeit zu bieten. Diesem Programme wird die Revue, wie dies schon aus den drei bisher erschienenen Heften beurteilt werden kann, im vollsten Maße gerecht. Dasselbe Urteil, das wir über den Almanach gefällt haben, müssen wir auch über „Mult es Jövö" aussprechen: Eine solch prächtige, künstlerisch so hochstehende jüdische Zeitschrift hat es noch nicht gegeben, inhaltlich aber dürften nur sehr wenige unserer besten jüdischen Zeitschriften diesem jungen Produkte neujüdischer Kultur gleichgestellt werden. Vor uns liegt das Märzheft: Diesmal eine Liliennummer mit 40 Zeichnungen dieses beliebtesten jüdischen Künstlers, darunter eine Anzahl seiner schönsten neuen Radierungen, die bisher noch nirgends veröffentlicht wurden. Der Lilienschen Kunst sind drei Aufsätze gewidmet von Edith Patai, Dr. Josef Patai und Dr. Moses Bolgär. Lilien selbst behandelt das Thema: „Hatten die alten Juden eine eigene Kunst?" Aus dem reichen wissenschaftlich - literarischen Inhalt dieses Heftes heben wir folgende Aufsätze hervor: Dr. Wilhelm Bacher: Die persische Nationalliteratur bei den persischen Juden, Baron Julius Beck-Madarassy: Die zivilisatorische Wirkung des Handels und die Juden, Dr. Simon Hevesi: Moses und Pharao, Adolf Ägai: Pessach bei ungarischen Juden, Ludwig Batö: Das erwachende Palästina, Dr. Läzär Grünhut: Palästinensische Hilfsaktion, Josef Patais Uebersetzungen zahlreicher Gedichte von Bialik, Czernichowski, Perez, Seneour, Katzenelsohn, Imber (Hatikwah samt Noten) usw. Ein drittes Werk Patais, das soeben durch den Ungarisch- Israelitischen Literaturverein herausgegeben wurde, ist der II. Band der Hebräischen Dichter, in welchem Werke Patai in meisterhafter Nachdichtung die schönsten Gedichte der neujüdischen Dichter seit Luzzato bis auf die neueste Zeit ins Ungarische überträgt. Wer nie von jüdischer Dichtung gehört hat, dem wird der stattliche Band, der gewissermaßen alles enthält, was jüdische Dichtkunst von bleibendem Wert geschaffen hat, ungeahnte Schätze jüdisczhen Gefühles enthüllen, die wenigen aber, denen es gegönnt ist, den hebräischen Lauten aus des Dichters eigenem Munde verständnisvoll zu lauschen, werden an Patais Werk die Kunst bewundern, mit der er es verstand, aus dem großen Schatze jüdischer Dichtung das Kostbarste zu heben und diesen Kostbarkeiten in seiner Nachdichtung eine Fassung zu verleihen, welche deren Wert womöglich noch größer erscheinen läßt. Der eigentlichen Anthologie schickt Patai eine gründliche Abhandlung über die neujüdische Dichtkunst voran, in welcher er die Ursachen ihrer Entstehung und Entwicklung auseinandersetzt und unter anderem den großen Aufschwung der hebräischen Dichtkunst in den letzten Jahrzehnten ausschließlich auf die Einwirkung der zionistischen Idee zurückführt. Neben Patai gebührt der Israelitischen Literaturgesellschaft Dank für ihre Munifizenz, die es ermöglicht hat, daß ein Werk von solch eminent kultureller Bedeutung erscheinen konnte. Es mag wohl auch als ein Zeichen der Zeit gelten, daß es diese Gesellschaft, der die hervorragendsten jüdischen Gelehrten und Schriftsteller angehören, vermieden hat, irgendwelche Zensur an dem national-jüdischen Inhalte des Werkes auszuüben. Dieselbe Gesellschaft gab soeben auch einen sehr inhaltsreichen Almanach heraus, in welchem Aufsätze über hebräische Dichtung, jüdische Literatur und Palästinafragen einen breiten Raum einnehmen. Wir erwähnen hier nur: Dr. Arnold Kiss: