Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 16 (19.4.1912)
- Date
- 1912-04-19
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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480 den nationaljüdischen Elemente gering. Noch sind die kleinen zionistischen Vereine nach Gesellschafts- und Vermögensklasse und nach dem Herkunftslande ihrer Mitglieder streng geschieden — man kennt nicht ihre Zahl, ihren Namen, gibt ihnen keine allgemeinen Richtlinien, und sie bleiben daher auf ihre eigenen bescheidenen Mittel und Informationen angewiesen, zersplittern sich in Sonderinteressen und bleiben für die Gesamtbewegung ohne Wert. Wenn aber eine gut geleitete, mit genügenden Mitteln versehene Organisation die Sammlung, Verbindung und Stärkung dieser Einzelvereine in die Hand nimmt, ihnen, die Verantwortlichkeit gegen die Gesamtbewegimg klarmacht und sie — im Austausch gegen Unterstützung durch Rat und Tat seitens des organisatorischen Zentrums — zur Unterordnung unter die Hauptgesetze der Bewegung verpflichtet, so kann sicherlich auf Amerikas freiem Boden ein wahrhaft demokratisches zionistisches Zentrum geschaffen werden. Gerade jetzt scheint der rechte Augenblick gekommen, mit einer umfassenden zionistischen Propaganda zu beginnen. Bis vor wenigen Jahren hätte der Hinweis auf das Land jüdischer Hoffnung den Juden Amerikas überflüssig gedünkt, denn das Land, in das sie in so ungeheuren Massen einwanderten, das ihnen nach der Sklaverei die Freiheit, nach tiefstem Elend tausend Wege zum Erfolge bot, war das Land ihrer Hoffnung. Bis vor kurzer Zeit wäre es auch nicht möglich gewesen, Herz und Geldbeutel der kapitalkräftigen Kreise, der zionistischen Idee gefügig zu machen. Denn im Angesicht der nun einmal angelangten und in die Höhe strebenden Stammesgenossen hätten sie mit vieler Berechtigung erwidern können: Hic Rhodos, hic salta! — Aber nun, wo die Nr 16 Einwanderung so überhand genommen hat, daß alle Berufe überfüllt sind, daß das Land höchster Hoffnung für viele das Land tiefster Enttäuschung wird, wo der Jude sich als solcher mit Widerstreben aufgenommen sieht, da ist es Zeit, auf das Land höherer, idealerer Verheißung hinzuweisen und die Kapitalkreise auf den Segen hinzuweisen, der in der systematischen Leitung des Auswandererstromes liegt. Mit tapferem Beispiel sind eine Anzahl New Yorker Frauen vorangegangen, die kürzlich einen unserem Kulturverband ähnlichen Verein geschaffen haben. Man kann mancherlei Bedenken gegen zionistische Frauenvereine hegen, kann finden, daß es zu einer getrennten Arbeit der Geschlechter noch nicht Zeit ist und daß — wie es in diesem Falle geschieht — Zionismus und p h i 1 a n t r o p i s c h e Stiftungen in Palästina nicht verquickt werden dürfen. Dennoch muß man zugeben, daß hier, wo keine eigentliche Zentralstelle zu nationaler Arbeit Anregung gibt, der Zusammenschluß einer Anzahl zionistisch gebildeter, arbeitsfreudiger Frauen ein gutes, hoffnungsvolles Zeichen ist — besonders wenn dieser Verein, wie es ebenfalls geschehen, sich überzeugen läßt, daß man nicht auf eigene Faust in Palästina „gründen'4 darf, sondern sich zuvor der Zustimmung der Organisationsleitung versichern muß. Auch in dem, wieder einmal an die Wand gedrückten, Judentum Amerikas beginnen sich frische Volkskräfte zu regen, beginnt der Frühling des Volksbewußtseins zu erwachen. Nun gilt es, die jungen Triebe nicht ziellos ins Blaue schießen oder verkümmern zu lassen, sondern sie mit weisem Verstand zu sammeln, zu veredeln und nutzbar zu machen. Helene-Hanna Cohn. DIE3^ELT Dem^Andenken Dr. Mandelstamms Das Judentum hat einen seiner besten und angesehensten Söhne verloren. Dieser Verlust trifft uns schwer, und der unermeßliche Kummer, den wir empfinden, soll nicht durch allzuviele Worte entweiht werden. Das fühlen alle, die sich über das Schicksal ihres Volkes klar sind, und so ist es auch bei dem Begräbnis Mandelstamms still zugegangen: keine Kränze und keine Reden. Aber wir empfinden die moralische Pflicht, über die Verewigung des Angedenkens Dr. Mandelstamms nachzudenken und zu erörtern, was geschehen soll. In Kiew wurde in einer Beratung von Vorstehern verschiedener Organisationen noch unter dem Eindruck des Todes in aller Eile nach dem Vorschlage der Territorialisten beschlossen, in Amerika eine Kolonie auf den Namen Mandelstamms zu gründen. Andere wiederum haben begonnen, für eine Lehrerstiftung Geld zu sammeln, die dem Jaffaer Gymnasium zugute kommen soll. Wieder andere haben ein Blindeninstitut vorgeschlagen. So will man die große Münze in unscheinbares Kleingeld auswechseln. Meine Ansicht darüber wurde schon an Mandelstamms Todestage in der „Kiewer Post'4 in Form eines Interviews mitgeteilt. Ich wiederhole hier, daß der Name dieses großen gelehrten Juden durch die Schaffung einer großen nationalen kulturellen Stiftung verewigt werden muß. Alle Schichten des Judentums sollen sich dazu vereinigen. Ob noch irgendwo eine Kolonie gegründet oder ein Stipendium errichtet wird, spielt nur eine untergeordnete Rolle. Mandelstamms Name wird noch lange unter uns leben, auch ohne derartige kleine Aktionen. Zersplittern wir unsere Kräfte, so wird es vielleicht überhaupt nicht gelingen, etwas zustande zu bringen. Natürlich ist die Nützlichkeit irgendeines Stipendiums oder einer Kolonie unbestreitbar, aber dafür werden keine großen Mittel zusammenkommen. Wir sehen ja, wie gering die Spenden sind, die in den ersten Tagen, als der Gedanke auftrat, einliefen. Steckt man sich aber ein größeres Ziel, so werden auch die Spenden reichlich fließen. Der geeignetste Moment ist schon vorbei, aber noch ist Zeit genug für die Schaffung eines solchen geistigen Monumentes, und das wäre meines Erachtens die Gründung einer medizinischen Hochschule in Pa^ lästina. Daß Dr. Mandelstamm in der Uganda-Zeit sich vorübergehend vom Zionismus zurückzog, hat keine Bedeutung. Ich habe ihn nie so begeistert, energisch und voll Jugendkraft gesehen, wie auf den Zionistenkongressen. Ich weiß ferner, daß Mandelstamm in der letzten Zeit seines Lebens eine Reise nach Palästina plante. Es gibt auch noch ein anderes Motiv, das gerade eine solche Gründung empfiehlt. Mandelstamm hatte stets zu seinem größten cchmerz empfunden, daß man ihm die Möglichkeit zur vollen Entfaltung seiner wissenschaftlichen Kräfte nicht gewährte und ihn nicht zum Professor an der Universität ernannte. Aehnrlich erging es ja auch dem großen Kliniker Senator, der im 77. Lebensjahr als ordentlicher Honorarprofessor, nicht als richtiger ordentlicher Professor starb. Auch Professor E h r- I i c h hat seine Arbeiten an dem privaten Speyerschen Institut durchgeführt. Aus all diesen Gründen würde man Mandelstamms Andenken durch eine medizinische Hochschule in Palästina am besten ehren. Es wäre natürlich verfrüht, hier über Details zu sprechen. Wir können dazu gelangen, wenn wir nur an unsere eigenen Kräfte glauben würden. Wer hat denn die Möglichkeit der Errichtung eines Technikums in Palästina früher zugegeben? Jetzt wird der Bau am Abhang des Karmel errichtet. Hoffen