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Die Welt · 1912-04-19 · 16 (19.4.1912) · page 7

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Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
16 (19.4.1912)
Date
1912-04-19
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 16 DIE] lieh; ihre Ansiedlung in der „Blechkompanie" (so genannt, weil die Häuser aus Blech zusammengeschlagene Hütten und Baracken sind) bildet einen Schauplatz jammervollsten Elends und eine Stätte aller Krankheiten und Gebrechen. Die Zahl der persischen Juden in Jerusalem ist auf ca. zweitausend Seelen zu schätzen. Ein großer Teil von ihnen fristet sein Dasein durch Bettelei, die besseren Elemente aber ernähren sich von schweren Tagelöhnerarbeiten. Der Name „Adschami" d. h. Perser ist deswegen verachtet und jeder bessere persische Jude sucht seine Herkunft zu verleugnen. Wiewohl sie geistig auf einem niedrigen Niveau stehen, sind sie sich ihrer elenden Lage bewußt und machen Anstrengungen, sich aus ihrem Elend zu erheben. Die Jugend besucht zum Teil die hiesigen Schulen, und so mancher persische Judenknabe hat sich in den Schulen des Hilfsvereins der Deutschen Juden allgemeine und jüdische Bildung angeeignet. Einige von ihnen haben das Lehrerseminar des Hiifsvereins absolviert und fungieren als Lehrer an verschiedenen Schulen. Sie errichteten in Jerusalem auch Talmud-Tora-Schulen, welche namentlich von ihren getauften Stammesgenossen, den obenerwähnten Marannen, die mitunter sehr reich sind, unterstützt werden. Insbesondere interessieren uns die persischen Juden, weil sie Ueberreste aithebräischer Geistesgüter treu aufbewahrt haben. Ihre Aussprache des Hebräischen ist der Aussprache der Jemeniten sehr ähnlich. Sie sprechen nämlich das Kamez „ou; das Cholam „u" oder „o-u", im Norden Persiens sogar „ej" aus. Ebenso wie die Jemeniten sprechen sie die Milelwörter (d. h. die auf der vorletzten Silbe akzentuierten Wörter) milrä (d. h. letztbetont), und die Milrävvörter — milel, ferner unterscheiden sie zwischen hartem und weichem „Taw". Die Kehllaute n, >\ p» haben sie nicht; sie sprechen n bald wie n, bald wie 3 aus, y gleich x und p wie ein starkes ,,k". Ihr traditioneller Gesang ist mit dem der Jemeniten identisch. Hierin und in der Aussprache des Hebräischen unterscheiden sich die persischen Juden von den benachbarten babylonischen Juden. KELT 477 Wenn wir nun die Aussprache des Hebräischen und den traditionellen Gesang der Jemeniten und persischen Juden mit denen der polnischen Juden vergleichen, so tritt uns die auffallende Aehnlichkeit deutlich entgegen, wie ich an anderer Stelle nachzuweisen versuchen werde. Es ist nicht ausgeschlossen, daß die Jemeniten mit den persischen Juden in alter Zeit in enger Verbindung standen; ferner darf die Vermutung ausgesprochen werden, daß die persischen Juden ein Hauptelement der jüdischen Immigration nach dem Reiche der Kasaren und nach Polen bildeten. Im allgemeinen ist zu konstatieren, daß das jüdische Volk hinsichtlich seiner hebräischen Aussprache und seines traditionellen Gesanges in zwei Hauptgruppen eingeteilt werden kann: die eine Gruppe bilden die jemenitischen, persischen und polnischen Juden, die andere die babylonischen, syrischen und sefardischen. Gegenwärtig existieren in Persien größere Gemeinden in den Städten Teheran, Ispahan, Kaschan, Jesd, Rescht sowie im Süden, in Schiraz und Bender-Abiischer. Bemerkenswert ist, daß die Bucharer Juden, obwohl den persischen Juden geographisch nahe und sprachlich verwandt, doch einen ganz anderen Menschenschlag bilden, sowohl in ihrem Typus als in ihrem Charakter und ihren Sitten. Jüdische Gelehrsamkeit hat bei den persischen Juden niemals festen Fuß gefaßt. Die talmudische Literatur ist ihnen nur wenig bekannt; dagegen haben sie eine beträchtliche poetische Literatur, namentlich in der persischen Sprache, geschaffen. Den Bestand ihrer Literatur und Bücherei hat E. Adler, bei seinem Aufenthalte in Persien untersucht (Vgl. E. Adler, HtTi D"12 vli London 1898). Es ist wünschenswert, daß in zionistischen Kreisen das Interesse für diesen uralten Stamm des jüdischen Volkes geweckt, und bei kolonisatorischen Unternehmungen in Palästina auf dieses Menschenmaterial das Augenmerk gelenkt werde. Die persischen Juden, welche nach ihrer Tradition ein Ueberbleibsel der zehn Stämme Israels sind, könnten als zäher Ueberrest der alten Nation bei der Erneuerung des jüdischen Volkstums als wertvolles Material dienen. Jungjüdtsche Kultur in Ungarn Noch vor wenigen Jahren hatte Nah um S o k o 1 o w die ungarische Judenheit als verkümmerten Zweig am Stamme des Judentums bezeichnet — und schon treibt auch dieser Zweig Knospen und Blüten, die stammerhaltende Urkraft jüdischen Geistes hat auch dem verkümmerten Zweige neue Säfte zugeführt: in Ungarn ist eine jüdische Kultur im Entstehen1 begriffen, wie sie wohl noch vor wenigen Jahren niemand geahnt hätte. Abseits der großen ost-westlichen Fahrstraße der jüdischen Emigration gelegen und daher ohne Fühlung mit dem pulsierenden, jüdischen Geistesleben des Ostens, eingebettet in das magyarische Sprachmilieu, das dLe kulturelle Wechselwirkung sowohl mit dem Osten als auch mit dem Westen erschwerte, ja unmöglich machte, hatte die ungarische Judenheit ein in sich geschlossenes Eigenleben geführt. Festhaltend am überlieferten jüdischen Glauben, ja selbst mit einem gewissen stolz zur Schau getragenen jüdischen Stammesbewußtsein, ließen es sich die ungarischen Juden angelegen sein, ihre jüdisch-konfessionellen Interessen wirksam zu vertreten, gesamtjüdische Interessen aber, eine Arbeit im Dienste des gesamten jüdischen Volkes, kannten sie nicht und jüdisch-kulturelle Bedürfnisse waren ihnen fremd. Sie fanden vollständige Befriedigung in der magyarischen Kultur, in der sie sich auslebten, deren tüchtigste Pioniere sie wurden und der sie zu eüier ungeahnten Blüte verhalfen. Diese Splendid-Isolatiori der ungarischen Judenheit, die bloß ein Produkt der äußeren Verhältnisse war, keineswegs aber ihre angeborene Arteigenheit, machten sich natürlich die Kreise der wissentlichen Assimilation zunutze: aus der nicht beabsichtigten Sonderstellung sollte eine zielbewußte Absonderung werden. Die erste Veranlassung hierzu bot das Auftreten des Zionismus. Dem zionistischen Einheitsprinzip wurde das territorial-nationale Sonderprinzip entgegengehalten, die zionistischen Bestrebungen wurden als antipatriotisch verschrien, die Zionisten wurden als gefährliche Aufwiegler gebrandmarkt und der Assimilation gelang es mit Aufwendung aller ihrer Kräfte tatsächlich, der Ausbreitung der zionistischen Organisation Einhalt zu gebieten. Allein der eigentliche Plan der antizionistischen Kreise, die Sonderstellung der ungarischen Judenheit als Mittel zu einer völligen, wissentlichen Assimilation zu verwenden, versagte. Der rührigen Propaganda der wenigen ungarischen Zionisten gelang es zwar nicht, die eingeschüchterten Massen der zionistischen Organisation zuzuführen, doch die neuen, bisher nicht gehörten und nicht geahnten Worte, die in den massenhaft besuchten zionistischen Versammlungen gesprochen, in der kleinen, doch gut redigierten ungarisch-zionistischen Presse verkündet wurden, fanden kräftigen Widerhall in den Herzen der ungarischen Juden, und in wenigen Jahren vollzog sich, äußerlich kaum wahrnehmbar, der Anschluß der ungarischen Judenheit an die

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