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Die Welt · 1912-04-19 · 16 (19.4.1912) · page 6

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Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
16 (19.4.1912)
Date
1912-04-19
Page
– (sequence 6)
Language
German
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476 DIE3&ELT Nr. 16 anderes übrig, als auszuwandern und sich eine neue Heimat zu suchen." Der Hauptstrom dieser Auswanderung geht bis jetzt nach den Vereinigten Staaten von Nordamerika. Es muß aber mit der Möglichkeit gerechnet werden, daß die Vereinigten Staaten die Auswandererscharen nicht mehr aufnehmen. Als Ersatz kann dann nur das Osmanische Reich mit seinen großen, dünnbevölkerten Lämdermassen in Betracht kommen. In Rücksicht auf die Gesamtlage der russischen Juden und die Verhältnisse der Einwanderungs- und Auswanderungsländer hat der Hilfsverein von Anfang an die ungeheure Bedeutung des Orients erkannt, und die Notwendigkeit, die einheimische Bevölkerung daselbst, soweit möglich, kulturell zu heben, damit sie geordnete Gemeinwesen bilden kann, und er hat seine Fürsorge insbesondere der Jugenderziehung zugewandt. Das türkische Reich hat niemals eine Politik der Gewalttätigkeit gegen seine jüdischen Untertanen geübt, wie dies in Rußland und Rumänien der Fall gewesen, und es ist zuversichtlich zu erwarten, daß die Türkei dieser glorreichen Tradition treu bleiben wird. Zurzeit steht die türkische Regierung einer Konzentration der Juden in der Türkei, namentlich in Palästina, noch mit Mißtrauen gegenüber. Die Befürchtungen, die die Türkei in dieser Beziehung hegt, sind aber, wie der Redner näher begründet, unberechtigt. Dr. Nathan gibt sodann einen Ueberblick über das Schulwerk und die für die nächste Zukunft geplanten Arbeiten, insbesondere über die Beteiligung an der Errichtung des Technikums in Haifa und die Heranbildung von Rabbinern. Herr Baiikdirektor Simon erstattet den Finanzbericht. Er teilt mit, daß aus Anlaß des zehnjährigen Bestehens des Vereins der Vorsitzende Dr. James Simon 100 000 M., Herr Direktor Götz-Moskau 50000 Frcs. und Herr Manuel Schwarz 25000 M. gestiftet haben. Die Versammlung genehmigt den Geschäftsbericht und erteilt der Verwaltung Entlastung. Herr Justizrat Dr. Horwitz spricht unter lebhaftester Zustimmung der Leitung des Vereins Dank und Bewunderung aus und verbindet damit gute Wünsche für die Zukunft. Bei Schluß der Versammlung werden den Leitern des Vereins anhaltende lebhafte Ovationen dargebracht. Der Generalversammlung ging eine Sitzung des Zentralkomitees des Hilfsvereins der Deutschen Juden voran, die von Mitgliedern aus allen Teilen Deutschlands besucht war. In derselben wurden die Herren Professor Dr. Eugen Mittwoch - Berlin und Julius Bäsch- München kooptiert. Die persischen Juden Von A. Z. Idelsohn, Jerusalem. Zu den Aermsten der jüdischen Bevölkerung Jerusalems dürften wohl die in den letzten 30 Jahren eingewanderten Juden aus Persien gerechnet werden. Wiewohl sie in kultureller Hinsicht niedriger als die jemenitischen Juden stehen, haben die persischen Juden mit den letzteren doch viel Gemeinsames. Diese echtorientalischen Juden haben dank der Abgeschlossenheit, in welcher sie seit Jahrhunderten lebten, uralte Bräuche aus der althebräischen Zeit beibehalten und verdienen, ebenso wie die Jemeniten, als Bewahrer altjüdischer Geisteskultur unser Interesse. Ihre erste Wanderung nach Persien vollzog sich, wie aus der Bibel zu entnehmen ist, nach der Zerstörung des ersten Tempels; demnach bilden sie also wohl die älteste jüdische Ansiedlung außerhalb Palästinas. Bei der Rückkehr der Juden nach Palästina unter Serubabel, Esra und Nehemia blieb ein großer Teil in Persien zurück. Die Zerstörung des zweiten Tempels versprengte neue jüdische Emigranten nach Persien, und es hat dort die jüdische Ansiedlung ununterbrochen bis auf den heutigen Tag fortgedauert. Zur Zeit der altpersischen Weltherrschaft sowohl als auch später, während der parthischen Herrschaft, erfreuten sich die Juden Persiens allgemeiner Freiheit. Mit dem Auftauchen des „mirtelpersischen Reiches" a. 226 n. Ch. wurden sie, während des vierhundertjährigen Bestehens dieses Reiches, mehrfach verfolgt, was aber mit der Eroberung Persiens durch die arabischen Kalifen aufhörte.*) Seit der Gründung des neupersischen Reiches a. 1502 begann für die dortigen Juden eine verhängnisvolle Zeit, welche durch den finsteren Fanatismus der Schiiten und durch die Verwilderung der persischen Bevölkerung, wie auch durch die stete Zerrüttung der Regierungsverhältnisse charakterisiert ist. Der sog. Benjamin der Zweite, welcher Persien vor etwa 60 Jahren bereist hat, schilderte die traurige Lage der dortigen Juden. Seine Ausführungen sind keinesfalls übertrieben; es ist Tatsache, daß die von ihm angeführten grausamen Gesetze gegen die Juden bis heute in voller Kraft bestehen. So ist noch jetzt der Jude, nach der Auffassung der Schiiten, unrein und darf weder das Haus eines Persers betreten, noch einen Gegenstand berühren. Im Regen darf der Jude sich *) Benjamin von Tudela bereiste Persien im 11. Jahrhundert und schildert die Lage der Juden als glänzend. nicht ins mohammedanische Viertel hineinwagen, da die feuchte Erde durch die Tritte des Juden unrein wird und die Unreinheit auf den Muselman überträgt. Der Jude darf den Laden eines Persers nicht betreten, sondern muß beim Kaufe draußen stehen. Die Behauptung eines Persers, ein Jude habe seine Ware berührt, genügt, um letzteren zum Abkauf der dadurch unrein gewordenen Ware zu zwingen. Ein Jude ist als Zeuge auch gegen einen andern Juden ungültig und nur persische Zeugen sind für Prozesse zweier Juden maßgebend. Die Perser betrachten Hab und Gut der Juden als ihr Eigentum, das sie den Juden nur aus Barmherzigkeit zeitweilig überlassen, und jede Gelegenheit ist ihnen recht, um sie ihres Besitzes zu berauben. Daher die unaufhörlichen grausamen Pogrome in Persien. Als Ursache zu einem solchen Pogrom genügt der Verdacht seitens eines Muselmans, daß ein Jude den Namen des Propheten gelästert hätte, oder daß er für die von ihm berührte persische Ware keinen Schadenersatz leisten wolle, oder die Ablehnung der Werbung eines Persers um ein jüdisches Mädchen, das sich weigert, zum Islam überzutreten. Aus solchen Anlässen hat sich mehrfach die mohammedanische Bevölkerung auf die Juden gestürzt, um sie auszuplündern und zu morden. Die Schiiten treiben eine viel energischere Mission unter den Juden als die Christen. Es genügt nach dem Gesetze der schiitischen Kirche, wenn ein Muselman Zeugnis ablegt, daß ein Jude ihm versprochen habe, zum Islam überzutreten, um ihn gewaltsam zur Taufe zu schleppen. Wenn er sich aber hartnäckig weigert, so werden seine jüdischen Verwandten bei Todesstrafe gezwungen, ihn zur Taufe zu überreden. Viele Juden begehen aus Not eine Scheintaufe und die Zahl dieser modernen „Marannen" ist in Persien ziemlich groß. Es existiert sogar [in der heiligen Stadt M e s c h e d eine ganze Marannengemeinde, die vor ca. 60 Jahren mit Gewalt getauft wurde. Nach dem Gesetze gehört einem getauften Juden das Eigentum seiner Verwandten und diese müssen vor der Behörde ihn als ihren alleinigen Erben erklären — ein Privilegium, das so mancher Täufling ausbeutet. — Aus diesen kurzen Angaben wird man begreifen, daß es den persischen Juden in ihrer Heimat unerträglich geworden ist. Viele von ihnen wandern nach Mesopotamien oder nach Indien aus, die Fromm sten aber pilgern nach Jerusalem. Ihre Armut ist unbeschreib-

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