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Die Welt · 1912-04-19 · 16 (19.4.1912) · page 3

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Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
16 (19.4.1912)
Date
1912-04-19
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 16 DIEBEL! 473 \□□□□DD v» WELTCHRONIK o □□□□□□!{ O # o Die Channah Spektor-Affäre (Von unserem Berichterstatter.) Odessa. Vor 'einiger Zeit wurde bekanntlich auf Betreiben der patriotischen Ritualmordhetzer gegen die Jüdin Channah Spektor in Shatkow, Gouvernement Kiew, die Anklage erhoben, daß sie ihr christliches Dienstmädchen aus religiösem Fanatismus ermordet hätte. Die Spektor hatte nämlich das Mädchen beauftragt, Gänse zum Schochet hinzutragen und sie nach jüdischem Ritus schachten zu lassen. Das Mädchen betrog aber die Hausfrau und schlachtete die Gänse selbst, um das Schächtgeld einzustecken. Die fromme Frau bemerkte den Betrug erst, nachdem die ganze Familie vom Trepha-Fleisch gegessen hatte. Sie entließ dann sofort das Mädchen, welches am folgenden Morgen in einem Stall erhängt aufgefunden wurde. Dies genügte natürlich, um gegen die Spektor die Mordanklage einzuleiten. Trotzdem nun der Staatsanwalt die Anklage in vollem Umfange aufrecht hielt und das Gericht aufforderte, ein Exempel zu statuieren, sprachen die Geschworenen die Angeklagte dennoch frei. Gegen diesen Freispruch legte nun der Staatsanwalt unter Berufung auf einen vom Verteidiger der Angeklagten begangenen Verstoß gegen die Gerichtsordnung beim Senat Berufung ein. Dieser Verstoß bestand darin, daß der Verteidiger gegen die Möglichkeit, daß ein Jude aus religiösen Motiven einen Mord begehen könnte, geltend machte, daß den Juden schon auf dem Berge Sinai verkündet wurde: „Du sollst nicht töten!" Der Staatsanwalt fand nun, daß der Anwalt der Frau Spektor mit dieser Beweisführung über den Rahmen der Gerichtsuntersuchung hinausgegangen sei, „da es den Richtern unmöglich sei, sich darüber ein sicheres Urteil zu bilden, ob den Juden in der Tat auf dem Berge Sinai ein solches Gebot verkündet wurde." Und dieser ebensoläppischen wie gotteslästerlichen Beweisführung schloß sich nun der Senat an, indem er das Urteil des Taraschtschaer Bezirksgerichts annullierte und ein neues Rechtsve rfahren gegen die Spektor anordnete. Bei der jetzigen Stimmung in den Kreisen der russischen Justizbehörden erweckt das Geschick der armen Frau ernste Besorgnis. Ein sauberes Wahlmanöver (Von unserem Berichterstatter.) Wien. In der Wiener Leopoldstadt spielt sich gegenwärtig ein widerliches Schaustück ab, und man kann nicht rasch genug darauf hinweisen, um alle gutgesinnten Juden in zwölfter Stunde aufzuklären. Bekanntlich gelang es anläßlich der Reichsratswahlen, der christlich-sozialen Herrschaft eine arge Schlappe beizubringen. Allerdings entpuppten sich die „Junisieger" vielfach als waschechte Antisemiten. Ueber diesen dunkelsten Punkt des Wiener Freisinns sei aber in diesem Zusammenhange stillschweigend hinweggegangen. Die bevorstehenden Gemeinderatswahlen sollen das Befreiungswerk krönen und das antisemitische, reaktionäre Regime brechen. Tatsächlich sah man mit Genugtuung die beiden jüdisch-assimilatorischen Gruppen des Judenbezirks, die „O f n e r p a r t e i" und den „Donauklub" die sich sonst in ihren benachbarten Stammcafes bis an die Zähne bewaffnet grimmig gegenüberstehen, Frieden schließen und mit der „Wirtschaftspartei" (sehr „freiheitlich" aber auch gehörig judenfeindlich) ein gemeinsames Wahlkomitee bilden. Nun ist die Kandidatenliste promulgiert und jedem jüdischen, ja jedem wirklich freisinnigen nichtjüdischen Mitbürger, muß über das schamlose Vorgehen der berufenen „israelitischen" Führer das Blut kochen: Unter den vier Kandidaten des zweiten Wahlkörpers befinden sich zwei antisemitische Renegaten. Fahnenflüchtige, die noch gestern offizielle Judenhasser letzter Kategorie waren, im eigenen Lager abwirtschafteten oder desertierten, um mit jüdischen Stimmen hinaufzukommen, werden von Dr. Ofner, Dr. Schwarz-Hiller, Hofrat Kareis (dem Aushängeschild des „Donauklubs"), und etlichen „israelitischem" Kommerzienräten dem jüdischen Wähler präsentiert! In einer massenhaft besuchten Wählerversammlung des jüdischen Volksvereins für die Leopoldstadt, in der die Herren Ob.-Ing. Stricker, Dr. Weisen grün, Plaschkes und B r u n n e r sprachen, kam die Entrüstung der genarrten jüdischen Wählerschaft zum Ausbruch. Ob.-Ing. Stricker brandmarkte das Vorgehen der jüdischen Stadtgrößen, die sich die neuen Freiheitshelden just aus jenem Sumpfe holen, den man endlich trocken legen müsse. Kandidat Schäfer ist ein unzufriedener Christlichsozialer, der den Mantel nach dem Winde dreht und es jetzt mit der Opposition versuchen möchte. Kandidat P e - trich war noch ein paar Tage vor seiner Nominierung Führer der Deutschradikalen, bekanntlich die Partei des rüdesten Judenhasses. Noch unmittelbar vor seiner Mandatswerbung habe sich dieser jüngste und merkwürdigste „Freisinnige" zur B 1 u 11 ü g e bekannt. Kein aufrechter, ehrliebender Jude dürfe Deserteuren und Renegaten, kämen sie aus welchem Lager immer, die Hand reichen. Es bedeute eine Schändung des freiheitlichen Gedankens, wollte man solchen Männern zur Macht verhelfen. Die Wahlmacher mögen sofort andere Kandidaten aufstellen, sonst müsse ihnen jede jüdische Stimme entzogen werden. Mit unglaublichem Zynismus enthüllte nun der anwesende Vertreter der Offiziösen, der jüdische Bezirksrat Klebihder — es sollte eine Verteidigungsrede sein — die Beweggründe des schmutzigen Wahlmanövers. Er kalkulierte: Wenn man Männer mit antisemitischer Vergangenheit nominiert, fängt man viele Wähler, die die Namen der Kandidaten aus ihrer judenfeindlich en A e r a kennen, den Christlichsozialen ab und erringt so den Wahlsieg. Mit dieser hehren Moral ziehen also die jüdischen Bezirksgrößen mit ihrem Klüngel von Advokaten, Geldmännern und Agitationsdamen der Bourgeoisie in den heiligen Kampf gegen die christlichsoziale Korruption! Aerger hat man das Ideal des freisinnigen Gedankens noch nie besudelt. Die Judenschaft Wiens ist hart genug geprüft. Der Zerfall der Rathauspartei hat Erschreckendes ans Licht gebracht. Erst jetzt wird von antisemitischen Ueberläufern bestätigt, daß die Großjuden der Länderbank und Bodenkreditanstalt, die Rapaport, Hahn und Taussig, Lueger zu seinen Erfolgen verholten haben, daß der christlichsoziale Parteichet, Prinz Lichtenstein, zugab, Exzellenz Dr. Sieg hart (der getaufte Sohn eines Rabbiners) habe die Wiener Antisemiten unter vier Ministerien betreut und sich um den Aufstieg der Partei große Verdienste erworben. Die assimilatorischen Wortführer der Leopoldstadt, die „Weg mit den Christlichsozialen" schreien und dabei judenhasser in die Ratsstube schmuggeln, handeln nicht minder verwerflich und verräterisch an der Freiheit und am Judentums Sie mögen rechtzeitig bedenken, daß der Unwille der jüdischen Wählerschaft weit über den Kreis der Zionisten hinausgewachsen ist und noch rasch die Kandidatenliste abändern" Sonst könnte sie selbst dieser Wahlgang hinwegfegen. Der Wiener Oberrabbiner — gegen biblische Vornamen! Herr Oberrabbiner Dr. Güdemann erläßt in Blochs „Oesterreichischer Wochenschrift" einen Hirtenbrief an alle jüdischen Seelsorger des Reiches. Die Amtsbrüder mögen doch um Gottes willen dafür Sorge tragen, daß die jüdischen Vornamen endlich gänzlich ausgemerzt werden. Die Namen Abraham, Isak, Jakob, David, Salomon, Moses, Benjamin seien ja unleugbar schön — — aber jüdische Kinder sollen sie nun einmal nicht tragen! Ferner rät der ehrwürdige Oberpriester der größten österreichischen Judengemeinde allen Rabbinaten an, fallweise zu bestätigen, daß der Name Moses gleichbedeutend sei mit dem deutschen Namen — Max. Durch solch kleine, harmlose Notlüge würde mancher hoffnungsvolle Jüngling der israelitischen Konfession erhalten bleiben.

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