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Die Welt · 1912-04-19 · 16 (19.4.1912) · page 2

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Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
16 (19.4.1912)
Date
1912-04-19
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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472 DIE] „Hazefirah" hatte sehr viel Neues an Stil und Stoff zu bieten. Der hebräische Leser war mit der Zeit gewachsen, er hatte ganz andere Bedürfnisse und Anforderungen, als sein naiver Vorgänger aus den sechziger Jahren, aber auch das Blatt war entsprechend gewachsen. Die Hegemonie in der Redaktionsstube ging von dem kulturell wenig komplizierten, etwas altmodischen Gelehrten, der seinen Lesern über den „Telegraph" in erträglichem Hebräisch zu referieren verstand, auf einen der glänzendsten und vielseitigsten Schriftsteller über, die die moderne hebräische Literatur aufzuweisen hat. Sokolows Artikel über jüdische Tagesfragen („Hazofe le'beth Jisrael") und über allgemeine Politik („Diwre Hajamim"), die jahrzehntelang tagaus tagein die Spalten der „Hazefirah" füllten, wurden für den hebräischen Leser ein ebenso unentbehrlicher wie genußreicher Lesestoff, und es gibt wohl keinen zweiten hebräischen Schriftsteller, der einen so großen unmittelbaren Einfluß ausgeübt hätte, wie er. Die Ausgestaltung der „Hazefirah" fällt zeitlich mit dem Einsetzen der nationalen Bewegung unter den russischen Juden zusammen. Es braucht natürlich nicht erst gesagt zu werden, daß die „Hazefirah" „national" war. Kann denn ein hebräisches Blatt nicht national sein? Die historische Gerechtigkeit erfordert aber, festzustellen, daß die ^Hazefirah" in der Chibbath-Zion-Bewegung keine führende Rolle spielte. In dieser Beziehung hatte der „Hameliz" weit größere Bedeutung. Sokolows der echte Europäer, hatte keinen rechten Gefallen an den naiven, unbeholfenen, man möchte beinahe sagen : kleinstädtischen Formen der damaligen Palästinabewegung. Er ließ es sich daher nicht nehmen, dort, wo er es für nötig fand, an der Arbeit der Chowewe-Zion als Outsider Kritik zu üben. Dies bewirkte, daß die palästinische Intelligenz sich vorerst um den „Hameliz" scharte. Daß die Chowewe-Zion übrigens keinen Grund hatten, in Sokolow einen prinzipiellen Gegner zu sehen, beweist schon die Tatsache, daß Sokolow als einer der ersten die Wichtigkeit der Palästinakunde erkannte und eine viel gelesene Schrift über Palästina (Erez Chemdah) veröffentlichte. Es war ganz natürlich, daß das Auftreten H e r z 1 s, daß die neue großzügige Bewegung für die Stellung der „Hazefirah" entscheidend wurde. Sokolow wurde der begeistertste Anhänger des politischen Zionismus und die „H a z e f i r a h" die entschiedenste und einflußreichste Wortführerin der Bewegung. Sokolows Artikelserie über den ersten Kongreß („Zion be-basel") wirkte in weiten Volkskreisen wie eine Offenbarung. Ja, man darf ruhig sagen, daß es vor allem diese Aufsätze waren, die die Kenntnis des politischen Zionismus, des Kongresses, der neuen Führer der Bewegung erst in die Massen trugen. Von nun an nimmf die „Hazefirah" ihre dominierende Stellung in unserer nationalen Bewegung in Rußland ein; sie wird die Führerin und Gestalterin der öffentlichen zionistischen Meinung. Die umfassenden Artikelserien Sokolows über die Grundprobleme des Zionismus, über zionistische Zeit- und Streitfragen („L'chu na wemwrach'chah", „Lemaranan werabanan" u. a.) werden eine sichere und authentische Quelle zur Propaganda und Popularisierung der nationalen Idee in weiten Volkskreisen. Gleichzeitig mit der national-publizistischen Bedeutung wächst auch der literarische Wert der „Hazefirah" zusehends. Und wiederum ist es Sokolow, der der gELT Nr. 1fr „Hazefirah" auch nach dieser Richtung seinen Stempel aufprägt. Die Entwicklungsgeschichte der neuen „Hazefirah" ist eigentlich nichts anderes, als die Geschiente der literarischen Tätigkeit Sokolows. Und gerade in der Epoche des Kongreßzionismus kommt die bewundernswürdige Vielseitigkeit dieser Persönlichkeit zu ihrem glänzendsten Ausdruck. Neben den Artikeln auf dem Gebiete der allgemeinen Politik, neben den umfassenden Aufsätzen über den ganzen Komplex jüdischer und zionistischer Fragen, die zu den beständigen Rubriken der „Hazefirah" gehören, veröffentlicht jetzt Sokolow fast täglich seine geistvollen Essays und Feuilletons. Seine Feuilletons unter dem Sammelnamen „Ludhoth weschiwre Luchoth", seine späteren Freitags-Feuilletons („Mischabbath le'schabbath") waren Meisterwerke in ihrer Art. Die hebräische Literatur hat nur wenig Essays und Gedichte in Prosa aufzuweisen, die ihnen an die Seite gestellt werden könnten. So erwarb sich denn die „Hazefirah" nach und nach die Sympathien der geistigen Elite des hebräischen Leserkreises. Als dann die Stürme der russischen Revolution und die nachfolgende Depression auf allen Gebieten des gesellschaftlichen Lebens auch die „Hazefirah" trafen, und es den Anschein hatte, als ob auch diese populärste und einflußreichste hebräische Zeitung für immer von der jüdischen Arena verschwunden wäre, da zeigte es sich, wie unentbehrlich die „Hazefirah" ihren Lesern geworden war. Der Ruf nach Erneuerung der „Hazefirah" fand in weiten Kreisen lebhaften Anklang. Seit anderthalb Jahren erscheint nun die älteste hebräische Zeitung wieder in Warschau unter der bewährten Leitung Sokolows. Anläßlich des Jubiläums ließ die Redaktion eine Sammelschrift erscheinen, die einen sehr instruktiven Ueberblick über die Entwicklung der hebräischen Presse im allgemeinen und der „Hazefirah" im besonderen gewährt. Das zehn Bogen starke Heft enthält interessante und geistvolle Beiträge aus der Feder Sokolows, Bialiks, Frischmanns, Bernfelds u. a. — Es war eine glückliche Idee, die erste Nummer der „Hazefirah" vom Jahre 1862 in der Sammelschrift vollinhaltlich1 abzudrucken. Die Parallele zwischen den Aufsätzen Sokolows, Bialiks und Frischmanns einerseits und dem Inhalte der ersten „Hazefirah"-Nummer andererseits, die sich dem Leser unwillkürlich aufdrängt, ist ein beredtes Zeugnis für die glänzende Entwicklung der hebräischen Sprache und des hebräischen Schrifttums während der letzten fünfzig Jahre. Die Jubiläumsfeier in Warschau (Telegramm unseres Berichterstatters.) Warschau, 17. April 1912. Die Jubelfeier der „Hazefirah" findet heute in der Philharmonie statt. Das Programm wird mit einer Jubelhymne eröffnet, dann folgt eine hebräische Vorstellung und lebende Bilder. Von den auswärtigen Gästen sind die folgenden als Festredner in Aussicht genommen: Rabbiner Dr. Kantor- Riga, Rabbiner M a s e - Moskau, Dr. M. B r a u d e - Lodz, Rabbiner Dr. M o h i 1 e w e r- Bialystock, Rabbiner Dr. O. Thon- Krakau, Ch. N. Bialik-Odessa, H. Z 1 a to p o 1 s k i - Kiew, und andere. Fortgesetzt treffen Deputationen ein. Tausende von Plätzen für die Feier sind schon belegt. Es herrscht ein ungeheurer Andrang und beispiellose Begeisterung. Sämtliche jüdische Anstalten und Vereine entsenden Delegationen. Aus Lodz sollte eine Abordnung von 100 Personen eintreffen, mußte aber wegen Platzmangel ihre Teilnehmerzahl beschränken. Aus allen Städten Polens, sowie aus Petersburg, Kiew, Riga, Moskau, Bialystock treffen fortgesetzt Gäste ein.

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