Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 15 (12.4.1912)
- Date
- 1912-04-12
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Nr. 15 :DIE3 25 jähriges Jubiläum des Dr. M. Gaster Dr. Moses Gaster feiert nächsten Sonntag das 25jährige Jubiläum als Chacham der spanisch-portugiesischen Gemeinde zu London. Diese ehrwürdige Gemeinde, deren ruhmreiche Geschichte Dr. Gaster selbst in einem stattlichen Bande beschrieben hat, datiert ihre Gründung von der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts, als Manasseh ben Israel um die Erlaubnis einer Judensiedlung in England warb. Dr. Gaster hat dieser Geschichte ein glänzendes Blatt hinzugefügt. Die Zionisten haben alle Ursache, an diesem Feste, das Dr. Gaster von seiner Gemeinde vorbereitet ist, teilzunehmen. War er doch einer der Ersten, die vor 30 Jahren die Palästinakolonisation in die Wege leiteten. Er lebte damals noch in seinem Heimatslande Rumänien, von wo er später wegen seines Eifers für die Sache seines Volkes ausgewiesen wurde. Dr. Gaster hat einen Weltruf als Gelehrter erworben, ist 25 Jahre Überrabbiner der Sephardimgemeindc in London gewesen, dem Zionismus ist er aber immer treu geblieben. Es ging das nicht ohne Kämpfe, sogar mit seiner eigenen Gemeinde, aber das wird ihm ein Ruhmesblatt in der Geschichte unserer Bewegung sichern. Als die Protestrabbiner ihre Angriffe gegen den Zionismus richteten, war es Dr. Gaster, der entschieden für die Wiedergeburt unseres Volkes eintrat. Wie Rabbi Samuel Mohilewer für die östlichen, so war Dr. Gaster für die westlichen Rabbiner vorbildlich. Mit glühender Ueberzeugung verfocht er den zionistischen Standpunkt, und grob war der Erfolg, den er als Meister in Wort und Schrift erzielte. So manchen hervorragenden Gesinnungsgenossen ,wie z. B. Sir Francis Montefiore, verdankt ihm die Bewegung. Noch steht Dr. Gaster in voller Rüstigkeit des Schaftens. Mit den Glückwünschen zu seinem Amtsjubiläum können wir unsere Wünsche für die fruchtbare Zukunft seiner weiteren zionistischen Tätigkeit verbinden. Die Millionenstiftung eines Assimilanten Was die Assimilanten uns sind, ist eben den englischen Juden deutlich demonstriert worden. Da war einer von der bekannten jüdischen Familie Stern, wenig begabt, aber sehr reich. Er war Parlamentsmitglied, und der einzige Nutzen, den er dieser Körperschaft brachte, war, daß er seinen Sitz für seine Partei hielt. Nachdem er eine grobe Summe für politische Zwecke gespendet hatte, erhielt er den Lordstitel, Der neugebackene Lord Wandsworth, der Junggeselle war, hatte seine Schrullen, und so schenkte er ein Haus für ein jüdisches Altersheim. Sonst war er sehr selten dabei, wenn für jüdische Zwecke gesammelt wurde. Jetzt ist er gestorben und hat ein Vermögen von über 30 Millionen Mark hinterlassen. Das glückliche jüdische Altersheim, dessen Ehrenpräsident er war, ist mit £ 5 000 bedacht worden; aber das ist auch alles, was er für sein Volk übrig hatte. Weit über 20 Millionen Mark hat er für eine Waisenanstalt „ohne Unterschied der Konfession" bestimmt. Die Kinder sollen eine religiöse Erziehung, je nach ihrem Glauben, auf seine Kosten erhalten, aber sie müssen in England geboren sein, und den ersten Anspruch haben die Kinder der Bauern in Suftolk, welchen Sitz Lord Wandsworth einst im Parlament vertrat. Lieber Gott! Was könnte Lord Wandsworth für sein gehetztes Volk mit einer Million Pfund Sterling erreicht haben! Wie grob wäre nicht nur sein Verdienst, sondern die Dankbarkeit eines ganzen Volkes! Nun blieb ihm aber nichts übrig als noch eine Waisen- Anstalt, hauptsächlich für Bauernkinder in Suftolk, zu errichten. Ein jüdisches Theater Die Arbeit vieler Jahre ist endlich durch den Bau eines jüdischen Theaters in Whitechapel mit Erfolg gekrönt worden. Wohl haben seit Jahren jüdische Theatervorstellungen in London stattgefunden; aber es war erst der verstorbene Schauspieler S. Feinmarin, der sich für den Bau eines besonderen jüdischen Theaters einsetzte, und die Idee ist nun in die Tat unigesetzt worden. Das Gebäude, ,,Tempel" genannt, macht Anspruch auf vornehmes Aussehen, und es besteht die Absicht, es für allerlei kulturelle Zwecke nutzbar zu machen. Somit wird einem Bedürfnis abgeholfen werden, das sich schon lange im East End fühlbar gemacht hat. Mit Ausnahme des Gemeinde- Beth - Hamidrasch, das auch für soziale Zwecke verwendet wird, und dem Versammlungslokale unseres wackeren „Zion"- Vereins, gibt es im öden Whitechapel kein jüdisches Volksheim. Das jüdische Theater, das am Sonnabend und den jüdischen Feiertagen geschlossen bleiben wird, wird nicht nur allabendlich für Kunst und Zerstreuung geöffnet sein, sondern wird [ELT 455 auch anderen gemeinnützigen jüdischen Zwecken dienen. Sir Francis Montefiore, dem die Ehre zuteil wurde, das Theater offiziell -zu eröffnen, muß zu seiner hochherzigen Unterstützung dieses schönen Unternehmens beglückwünscht werden. Bücherbesprechungen Sammelwerk „Heimkehr" Mit der Herausgabe dieses Werkes hat der akad. Verein „Emunah" (Czernowitz) einem längst empfundenen Bedürfnis unserer Gesinnungsgenossen in befriedigender Weise Genüge getan. Das Buch empfiehlt sich selbst. Es enthält Originalbeiträge von Balaban, Birnbaum, Buber, Kellner, Dr. Ernst Müller, Pa smanik, Dr. Samuel R a p p ap o r t, Dr. Max Rosenfeld, Marek S c h e r 1 a g , Salomon Schiller, Dr. Ignatz Schipper, Stand und T r i e t s c h und zeichnet sich sowohl durch vornehme äußere und innere Ausstattung als durch den verhältnismäßig billigen Preis aus. Das Werk beginnt mit einem Essay „Einiges zum Problem des Golus". Hierauf wird die judenfrage in ihren Phasen untersucht, werden bedeutende Repräsentanten der zionistischen Bewegung und ihre Theorien dem Leser vorgeführt. Mit Kellner betrachten wir ferner „Was Herzl vorfand", und werfen mit Trietsch einen ausgiebigen und zufriedenstellenden Blick auf unsere ersehnte Heimkehr nach Palästina. Es werden dann P robl e in e des älteren jüdischen Lebens auf w i s s e n s c h a f 11 i c h - h i s t o r i s c h e r Grundlage behandelt. Es ist zu gewärtigen, daß dieses Werk wie Prof. Kellner im Vorwort zu demselben sagt seine „andächtigen Leser finden und so manchem, der schwankend und unentschlossen am Scheidewege steht, die letzten Zweifel benehmen wird." Der Verein „Emunah*4, dem wir diese literarische Gabe verdanken, hat sich damit gewiß ein nicht unbedeutendes Verdienst erworben. * D r. J. S c h i p p e r: Studien zu den Wirtschaftsverhältnissen der polnischen Juden des Mittelalters. Lernberg 1911. (Polnisch.) Der junge Gelehrte J. Schipper hat abermals eine sehr wertvolle Arbeit geliefert. Hat er in seiner ersten Schrift den Beginn des Kapitalismus bei den Juden im Abendlande behandelt, so lernet er in diesem Werke unser Augenmerk auf das Wirtschaftsleben der Juden im Osten, wo sie meistenteils im polnischen Reiche konzentriert lebten. Auf Grund reichen, teilweise noch unbekannten Quellenmaterials entwirft er uns ein klares Bild von dem Wirtschaftsleben der Juden. Das Werk besteht aus drei Hauptabschnitten, die die Juden als Ackerbauer, Geldverleiher und Kaufleute behandeln. Der Verfasser weist nach, daß neben der Einwanderung westeuropäischer Juden nach Polen auch e i n e j ü d i s c h e Einwanderung aus dem Osten stattfand. Diese trug einen durchweg a g r a r i s c h e n Charakter. Als Ackerbauer halben die Juden in Polen, dessen Bewohner meist Jäger und Bienenzüchter waren, das Wirtschaftsleben zu einem höheren Typus entwickelt und waren bis zum XII1. Jahrhundert nicht nur einfache Bauern auf den fürstlichen Besitzungen, sondern auch Großgrundbesitzer. Als aber die Polen^ selbst sich mehr dem Ackerbau zuwandten, verschwand allmählich aus dem polnischen Wirtschaftsleben der jüdische Bauer, zumal da der Adel und die Geistlichkeit bei den Fürsten Beschränkungen für die Juden als Ackerbauer erwirkten. Das Privileg B-oleslaw Kaliski vom Jahre 1264 macht die Juden zu „s e r v i camerac", wodurch ihnen der Bodenankauf verboten und mur der Handel gestattet wird. Im ganzen XIV., zum Teile auch XV. Jahrhundert sind sie dann die einzigen Vertreter des Handels in Polen. Zwar hören wir auch von einer jüdischen Dorfkolonisation im XV. Jahrhundert (in der R u s), doch bleibt dies eine ganz vereinzelte Erscheinung. Als Kreditoren haben die Juden in der geldbedürftigen Sdhlactita und Geistlichkeit, \vie_ auch in den Köm igen, die sidh fast immer in großen Linanznöten befanden, gute Abnehmer für ihr Kapital gefunden. Das jüdische .Kreditgeschäft konzentriert sich meist in Po s e n , Kaiisch und Krakau, im XV. Jahrhundert teilweise auch in Lemberg. Hier begegnen wir den reichen jüdischen Familien, die sich berufsmäßig mit dem Geld verleihen be-