Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 15 (12.4.1912)
- Date
- 1912-04-12
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 15 DIE30KELT 447 (Von unserem Berichterstatter.) Jaffa, 24. März 1912. Unsere Gäste Die Herren Dr. Bodenheime r, Dr. Schniarjahu L e v i n, J. L. G o l d b e r g , Dr. Magnes und Frau, Nathan Straus und Frau, Hoof ien, Dr. Joseph; Klausner und Frau, Rabbiner Chai m Czernowitz („Raw Zair"), Rafael Sof ermann, das sind neben vielen anderen die Gäste, die jetzt, zum Teil nicht zum erstenmal, Palästina besuchen. Manche von ihnen haben bereits Erez Israel zum dauernden Aufenthalt erkoren. Wir Palästiner wollen offen gestehen: wir begreifen es nicht mehr, daß es draußen viele, viele vermögende Zionsfreunde gibt, die nicht einmal für die Dauer eines Pessachfestes herüberkommen. Der jüngeren, palästinensischen Generation klingt es fast wie ein unverständliches Märchen, daß beispielsr weise ein Mann wie Lilienblum an die dreißig Jahre in Rußland für den Palästinismus kämpfte, ohne selbst je in Palästina gewesen zu sein. Man unterschätze nicht den Wert eines, wenn auch nur kurzen Aufenthalts in Erez Israel. Nicht jeder vermag zwar in kurzer Zeit sich' ein so klares und scharfumrissenes Bild von Land und Leuten zu machen, wie es Alexander Hausman seinerzeit in der Zeitschrift „Palästina44 entworfen hat. Aber es bleibt doch für jeden ein Unvergängliches zurück. Es spinnen sich da Fäden von Palästina nach der Diaspora. Palästina wird zum Erlebnis. Mehr Gäste! . . . Der Waad von Tel-Awiw veranstaltete zu Ehren Dr. Bodenheimers und Dr. Levins ein Bankett, zu dem Vertreter verschiedener Institutionen und auch die anderen in Jaffa anwesenden Gäste erschienen. Herr Disangof, Dr. A. Ruppin, J. Eiseustadt und A. S. Rabinowitz hielten Begrüßungsansprachen, worauf die beiden gefeierten Gäste mit ebenso herzlichen Worten erwiderten. Herr Dr. Bodenheimer erinnerte an das Bibelwort: „Wie 'schön sind Deine Zelte, Jakob! Deine Wohnungen, o Israel!", das Jahrhunderte lang bloß eine Erinnerung war und 'jetzt \vieder in Palästina, besonders durch die Errichtung der neuen Stadtviertel, zur Wirklichkeit wird. Herr Dr. Levin feierte insbesondere die Werbekraft der hebräischen Gymnasien, die für Idie Anerkennung der hebräischen Sprache als einer lebenden mehr leisten, als es tausend Bücher zu tun vermöchten. — Für den Jüdischen Nationalfonds wurden von zwei Gymnasiasten 120 Frcs. gesammelt. Tags darauf feierte einer unserer Freunde, Elijahu Kaplan aus Skopin in Rußland, ein Mitbegründer der Kolonie Gederah, seinen 70. Geburtstag. Eine solche Feier ist in unseren Kreisen, die wir eine Bewegung der Jungen sind, keine häufige Erscheinung. Und Kaplan steht nun seit vierzig Jahren in unseren Reihen. Still und bescheiden in seinem Wesen, gehört er >eit jeher zu den treuesten Zionsfreunden und verfolgt, jeden Fortschritt unserer Arbeit mit warmer Liebe. Seit einigen jähren ist er nach Jaffa übergesiedelt. Seine Feier hat daher viele Freunde versammelt, die dem Jubilar ihre herzlichsten Olückwünsche entboten. Selbstredend wurde auch dabei der Nr.-F. nicht vergessen. Ausflug nach Obergaliläa Das Jaffaer hebräische Gymnasium benutzt die Frühlings- ■ erien dazu, um für die Schüler der höheren Klassen einen Ausflug nach Obergaliläa zu veranstalten. Etwa 70 Schüler und Schülerinnen, mehrere Lehrer, darunter auch Dr. Torczyner vom Jerusalemer Gymnasium, Lehrerin Frau Harari und Dr. med. Poschowski als Arzt beteiligen sich an diesem Ausflug. Die Reise geht über Haifa nach der Bahnstation Semach bei Dagania, dann per Boot nach Migdol, von da nach Rosch- Pinah, Safed, Metulah, dem Hermon und Beirut. Für die Schüler der unteren Klassen wurde ein Ausflug nach Jerusalem veranstaltet. Die Schüler des Obergymnasiums haben bereits die judäischen Kolonien, Jerusalem, Jericho, Samaria, Untergaliläa besucht. Von der Siedlungsgenossenschaft Ihr Berichterstatter hatte Gelegenheit, in einen gleichnamigen, schriftlichen Aufsatz des Herrn S. Dyk, der für die Monatsschrift „Palästina" bestimmt ist, Einsicht zu nehmen. Danach scheint die Sache gut vorwärts zu gehen. Es ist kaum ein Jahr vergangen, seit in Merchawja der Grundstein zum Oppenheimerschen Werke gelegt wurde, und dazu ein Jahr voller Widerwärtigkeiten. Und doch! Wie vieles ist bereits dort geschaffen worden. Augenblicklich beschäftigt der Betrieb der Siedlungsgenossenschaft über 40 Leute. Nur IS von ihnen sind Genossen, d. h. Mitglieder der S i e d 1 u n g s g e n o s s e nschaft, die am Reinertrage pro Rate ihrer Löhne partizipieren. Die übrigen sind vorläufig Hilfs- und Saisonarbeiter für den 3500 Dunam umfassenden Betrieb. Diese Hilfsarbeiter gruppieren sich noch in Tagelöhner, die bei günstigem Wetter höchstens 26 Arbeitstage im Monate haben, bei einem Lohn von 1,50 bis 2 Frcs. täglich, und in Monatsarbeiter, mit einem Lohn von 55 Frcs., Versicherung gegen Unfall und vollem Lohn in Krankheitsfällen bis zu 3 Tagen im Monat. Die ersten 10 Genossen wurden vom fachwissenschaftlichen Leiter des Betriebes, Herrn S. Dyk, gewählt. Diesen wurde dann das Recht eingeräumt, aus dem Kreise der Monatsarbeitcr (man kann erst nach 6 Wochen Arbeit im Tagelohn Monatsarbeiter werden) weitere Genossen zu kooptieren. Die Aufnahme geschieht mit Zweidrittelmehrheit. Es bestehen drei Arbeiterkommissionen: eine betriebswirtschaftliche, eine hauswirtschaftliche und eine Disziplinarkommission. Herr Dyk hebt besonders lobend die Arbeit der betriebswirtschaftlichen Kommission hervor. Er schreibt unter anderem: „So war die Bestimmung der Löhne eine nicht zu unterschätzende schwierige Aufgabe. Es galt die Qualifikation der einzelnen Arbeiter, die in der Lohnhöhe zum Ausdruck kommt, zu bestimmen, und daß dies zur allgemeinen Zufriedenheit geschehen ist, darf als Beweis für eine gerechte Beurteilung hingenommen werden. Den extraqualifizierten Genossen, wie dem Buchhalter und dem Tischler, wurden entsprechend höhere Löhne, den tüchtigeren landwirtschaftlichen Kameraden ebenfalls Lohnerhöhung zuerkannt. Es ist in gewissem Sinne beachtenswert, daß ca. 10 Galiziei bei der Siedlungsgenossenschaft beschäft sind, darunter einige, die in Slobödka-lesna bei Kolomea ihre erste landwirtschaftliche Ausbildung genossen haben, die sie dann in Deutschland in Steinhorst in der durch die Simonsche Stiftung begründeten Institution erweitern konnten. So sehen wir an einem lebendigen Beispiel, wie alle Kräfte unseres Volkes sich zu frohem Schaffen vereinigen.