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Die Welt · 1912-04-12 · 15 (12.4.1912) · page 8

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Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
15 (12.4.1912)
Date
1912-04-12
Page
– (sequence 8)
Language
German
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446 DIE] branjc, Rechtsanwalt Dr. Kalef, Dr. Romano (Philippopel), Karl Herbst und Jos. Tadscher, begab sich daher zum Kultusminister Bobtschef und schilderte ihm eingehend die traurige wirtschaftliche Lage der jüdischen Lehrer, deren Interessen, wahrzunehmen Pflicht des Staates wäre. Die Deputation sprach dem Minister den Wunsch aus, daß in der Novelle zum Schulgesetz eine besondere Schulsteuer vorgesehen werden möge, die durch die Staatsorgane einzutreiben ist. Nur so glaubten die Zionisten den künftigen Bestand der jüdischen Schulen in Bulgarien sichern und die traurige wirtschaftliche Lage der jüdischen Lehrerschaft beseitigen zu können. Das Synagogenkomitee hat nun, um einerseits den Einfluß auf die Schule nicht einzubüßen und andererseits die wohlhabenden Juden vor einer neuen Steuer zu schützen, die nur den ärmeren Schichten zugute kommt die Wohlhabenden schicken ihre Kinder zum größten Teil in die christlichen Auslandsschulen , ein unwürdiges Kesseltreiben gegen diese Steuer veranstaltet. Eine Versammlung von Notabein der Gemeinde, die vom Synagogenkomitee einberufen wurde, um deren Ansicht über die neue Steuer zu hören, fiel zugunsten der Zionisten aus. Trotz aller bezahlten Hetzartikel in den bulgarischen Zeitungen und trotz aller Versuche des Synagogenkomitees, dem Minister die Sache so darzustellen, als ob der Wunsch der Zionisten der Wunsch der Minderheit sei, erwartete man allgemein die Annahme des Entwurfs. Am Samstag nachmittag stand die von Bobtschef eingebrachte Novelle zum Schulgesetz von 190°, zur Debatte. Der Minister weist auf die unerhört traurige Lage, auf das Hundeleben, das die Lehrer der Privatschulen führen, hin: Lehrer, die Gymnasialbildung genossen haben, beziehen ein Gehalt von 60 70 Frcs. monatlich, solche, die einen viersemestrigen Unterrichtskursus durchgemacht, ein Gebalt von 70 90 Frcs., dagegen solche mit abgeschlossener Universitätsbildung volle 100 Frcs. monatlich. Der Minister ersucht deshalb um Annahme eines Zusatzes zum Art. 371 des Schulgesetzes. Art. 371 sieht vor, daß das Defizit für die Erhaltung einer Konfessionsschule unter den Mitgliedern der Gemeinde zu verteilen ist, wo sich die Schule befindet. Der Minister beantragt den Zusatz, daß dieses Defizit in derselben Weise einzutreiben ist, wie es mit den Staats-, Kreis- und Gemeindesteuern der Fall ist. Der Minister bittet um Annahme des Zusatzes, um die Lehrer materiell besserstellen zu können. Abg. Burow (Vizepräsident): Der Konstitution zufolge sind alle bulgarischen Bürger ohne Unterschied des Glaubens und der Nationalität gleichberechtigt. Die Auferlegung einer neuen Schulsteuer auf die Andersgläubigen und die Eintreibung dieser Steuer mit Hilfe der öffentlichen Behörden ist verfassungswidrig und vollständig unbegründet. Gestatten wir den anderen Nationalitäten. Schulen zu eröffnen, so tun wir es aus Duldsamkeit, aus großem Liberalismus. Der Abgeordnete fordert die Ablehnung des Zusatzes. Suleman Memischew fordert im Namen aller türkischen Abgeordneten die Annahme dieses Zusatzes speziell für die mohammedanischen Schulen, um deren Bestand zu sichern. Takew, Minister a. D., bekämpft diesen Zusatz und sagt, daß die Konstitution nur solche Steuern zulassen kann, die nur auf Grund eines von der So brau je angenommenen allgemeinen Gesetzes auferlegt werden. Der Zusatz wird ohne weitere Debatte abgelehnt. Die Ablehnung des Zusatzes hat unseren Führern die schmerzlichste Enttäuschung bereitet. In einem Meeting in den Räumen der spaniolischen Schule, das von mehr als 700 Männern und Frauen besucht wurde, gaben Dr. Kalef, Dr. Romano, Abg. Farchi, Karl Herbst und Jos. Tadscher dem Schmerze Ausdruck über den wirklich beschämenden Ausgang dieser ganzen Affäre. Manches bittere Wort fiel auch über das geistliche Oberhaupt der Juden Bulgariens, das leider nichts unternommen hat, um der edlen Sache zum Siege zu verhelfen. Professor Sombart in Czernowitz (Von unserem Berichterstatter.) Czerno w i t z. Arn 10. März sprach Professor Sombart aus Berlin über Einladung der akad. Verbindung „Z e p h i r a h'4 in Cze rnowitz vor einem Auditorium von mehr als 1000 Personen über „D i e Zukunft der Jude n". Es kann als günstige Prognose für die Entwicklung der nationalen Idee in der Judenheit der Bukowina bezeichnet werden, daß Sombart und die Veranstalter seines Vortrags von den „interessanten ftELT - Nr. IS Vorspielen", wie sie sich anderwärts, und besonders in Wien ereigneten,, verschont blieben: Die allgemeine Presse bekundete schon wochenlang vor dem Vortrag ein lebhaftes Interesse für denselben, und so konnte denn Sombart in Czernowitz vor einer großen, mit gespannter Aufmerksamkeit lauschenden Zuhörerschaft seinen angekündigten Vortrag, der zwei Stunden währte, halten. Ueber den Inhalt des Vortrages an dieser Stelle ausführlich zu berichten, erscheint überflüssig, da er sich im Großen und Ganzen mit Sombarts Ausführungen in seinem gleichnamigen Buche „Die Zukunft der Juden44, welches in Czernowitz schon ziemlich verbreitet und bekannt war, deckt und in den Spalten der „Welt" bereits genügend beleuchtet worden ist. Der Kern ist der, daß die Assimilation unmöglich und die einzige Lösungsmöglichkeit der Judenfrage der Zionismus ist. Wodurch Sombart einen besonders starken Eindruck auf das Publikum ausübte, war die Sachlichkeit und Leidenschaftslosigkeit, mit der er sein Thema behandelte. Man sah, daß der Vortragende nicht auf Agitation ausging, und das Publikum dokumentierte durch sein besonders ruhiges, achtungsvolles Verhalten, daß es ihn verstehen wolle. Prof. Kellner widmet in der Nummer des „Jüdischen Volksrates" vom 15. März an leitender Stelle dem „Fall Sombart" einen größeren beachtenswerten Artikel, in welchem er vor allem gegen die unverzeihliche Unart protestiert, einen Mann der Wissenschaft, wie Sombart, dem es nur um Ansichten und nicht um Absichten zu tun ist, mit eiferndem Tadel zu überschütten. Hierauf geht Prof. Kellner auf den Entwicklungsgang ein, der Sombart zur Beschäftigung mit der Juden frage geführt habe und wendet sich mit aller Entschiedenheit gegen den Vorwurf der Judenfeindlichkeit, der Sombart in der Regel gemacht wird. Ein Beispiel musterhafter „Konsequenz44 leistete sich anläßlich des Vortrags Sombarts der Lehrkörper der Czernowitzer Alma mater. Dazu schreibt die „Volkswehr" unter „Sombart und seine Czernowitzer Kollegen": Beim Vortrage Sombart war kein Universitätsprofessor zu sehen, was allgemein auffiel. Professor Sombart erfuhr davon erst, als er am folgenden Tage von mehreren Professoren Schreiben erhielt, in welchen sie sich entschuldigten, sie hätten nicht kommen können, weil der Senat beschlossen habe, die Veranstaltungen der widerspenstigen jüdischen Studenten siehe Nr. 6 und 11 der „Welt44 — nicht zu besuchen. Konferenz der Wunderrabbiner (Von unserem Berichterstatter.) Czerno w i t z. Ueber Einladung des Chassidimrabbi von Czortk o w fanden am 17., 18. und 19. März in Czernowitz (Hotel „Central") Konferenzen von Chassidimrabbinern aus ganz Galizien und der Bukowina statt. Authentisches war über Zweck und Pläne dieser Konferenzen nichts zu erfahren, denn sie wurden streng vertraulich und mit absolutem Ausschluß jedes „Andern" abgehalten; nicht einmal Interviews wurden den Vertretern der Presse gewäihirt. Lediglich der Rabbiner der Kultusgemeinde, Benjamin Weiß, war zur Konferenz zugezogen. Den Anstoß zu diesen Konferenzen soll ein Millionenlegat eines russischen oder amerikanischen (?) Multimillionärs gegeben haben, welches angeblich der Kuratel und Zweckbestimmung des Czortkower Chassidimrabbiners untersteht. In den Kreisen, die diesen Konferenzen nahestehen, verlautet, daß der Einberufer aus den Erträgnissen des erwähnten Legats nach dem Grundsatz „Tow Thorah im derech erez" die Gründung von Schulen auf jüdisch-orthodoxer Basis vorgeschlagen habe, an welche sich Handwerker-Fachkurse anschließen sollten. Ferner soll die Anregung gemacht worden sein, an die Regierung um Einführung der Sabbatruhe für die jüdischen Geschäftsleute und uim rituelle Verpflegung des jüdischen Soldatenstandes heranzutreten. Unmittelbar nach dem Passahfeste soll eine beschlußfassende Versammlung von Chassidimrabbinern nach Lemberg oder S t a n i s 1 a u einberufen werden. Die Konferenz soll schließlich betont haben, daß die vorzunehmenden Gründungen dar-' nach einzurichten seien, daß sie den Widerspruch der zionistischen Kreise nicht erregen, sondern vielmehr ihre Unterstützung finden.

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