Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 15 (12.4.1912)
- Date
- 1912-04-12
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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DIEIqKELT 445 Nr. 15 Auch das Problem, in welcher Weise die Auswanderung beschränkt werden könnte, und welche Maßnahmen dafür in Betracht kämen, war bereits Gegenstand der Erörterung. Sofern der Verlauf der Enquete und ihre Ergebnisse das jüdische Interesse tangieren, werden wir des Näheren berichten. Der getaufte Rektor (Von unserem Berichterstatter.) Prag. Die Prager deutsche Universität genießt die Ehre, einen Täufling zum Rektor zu haben. Schon die Geschichte seiner Wahl ist charakteristisch. Der erste Wahlgang entschied nämlich für einen Juden. Als diesem aber die Abgesandten der Universität die auf ihn gefallene Wahl kundtaten, lehnte er mit heißem Dank ab: er sei mit wissenschaftlichen Arbeiten überhäuft, nicht ganz gesund usw. Ganz Prag weiß, daß die Erwählung eines Juden eine abgekartete Komödie ist, denn es ist abgekartet und beschlossen, daß ein Jude nicht Rektor werden darf. Was würden die antisemitischen Studenten dazu sagen! Aber der Täufling, Dr. Rauchberg, durfte Rektor werden, und da er es nun ist, schreit er bei jeder Gelegenheit stürmisch „.Heil" und ist antisemitisch bis auf die Knochen. Sein Antisemitismus entlädt sich vor allem gegen die Jüdischnationalen, und seine letzte Entgleisung gab davon wieder ein kräftiges Proben en. Aus Professorenkreisen heraus ist die Anregung gekommen, die schlechten Wohnungsverhältnisse der Studenten zu bessern. Die Studenten sollen nicht in teuren, dunklen, engen, ungesunden Zimmern wohnen müssen. Man will durch Anlegung eines Zimmerkatasters geeignete Mietszimmer in Evidenz halten, ein aus Professoren und studentischen Vertrauensmännern zusammengesetzter Wohnumgsausschuß soll die Ueberwachung der anzuempfehlenden Zimmer besorgen. Die jüdischen Studenten vermuten, wahrscheinlich nicht mit Unrecht, daß diese „Fürsorgetätigkeit" hauptsächlich zugunsten arischer Zimmervermieter — die zwecks besserer Möblierung der „Studentenzimmer" Subventionen bekommen sollen — und mit planmäßiger Uebergehung der so zahlreichen jüdischen Zimmervermieter geübt werden soll. Die Juden sind eben unzuverlässig, und das arisch-deutsche Element Prags soll gestärkt werden. Die Oeffentlichkeit darf aber davon nichts erfahren. In einer Studentenversammlung, zu der der Rektor alle Kommilitonen geladen hatte, wurden alle Gruppen der Studentenschaft aufgefordert, in den Wohnungsausschuß ihre Vertreter zu nominieren. Als dies auch die Jüdischnationalen taten, sprang der die Versammlung leitende getaufte Rektor aufgeregt in die Höhe, eilte zu dem die Nominierungen entgegennehmenden Professor Spiethoff und schrie ihm zu: „Die Jüdischnationalen nicht!" Professor Spiethoff fragte erstaunt: „Warum nicht?" Rauichberg stammelte: „Die Jüdischnationalerl haben im Wohnungsausschuß nichts zu suchen!" Der Vertreter der Jüdischnationalen zog darauf seine Nominierung zurück und meldete sich zum Worte, einmal, zweimal, dreimal. . . Rektor Rauchberg aber stellte sich blind und schwerhörig und schloß, so schnell er konnte, die Versammlung. Einer Deputation der Jüdischnationalen erklärte er zwei Tage später: „Es gäbe keine jüdische Nation, keine anerkannte jüdischnationale Studentenschaft, also könnte diese auch keine Vertreter bekommen." Der Geist ist's, der die Auslegung baut, und Rauchberg, als antisemitisches WohnungsvermittlungsbureaUi für Akademiker, kennt sich aus. Wie wäre es aber, wenn die jüdischen Wohnungsvermieter das von Rauchberg beeinflußte Vermittlungsamt boykottierten? Wenn sie das Angebot anders organisierten, als es der getauftem Magnifizenz paßt? Wahl- und Schulkämpfe in Bulgarien (Von unserem Berichterstatter.) Sofia. Am 25. Februar haben in Rustschuk jüdische Gemeindewahlen stattgefunden. Das Wahlresultat zeigt wiederum aufs deutlichste, daß der zionistische Gedanke unaufhaltsam bei uns an Boden gewinnt; ganz besonders erfreulich ist die Beobachtung, welche Erfolge die stille, aber unermüdliche Aufklärungsarbeit unserer bulgarischen Gesinnungsgenossen in der kurzen Spanne Zeit aufzuweisen hat. Vor kaum einem Jahrzehnt haben in Rustschuk von 900 Wahlberechtigten etwa 70 von ihrem Rechte Gebrauch gemacht. Das Interesse am jüdischen Gemeindeleben, am jüdischen Volke überhaupt, war auch noch zu gering, so daß selbst die eifrigsten Schlepper nicht mehr Leute auf die Beine bringen konnten. Eine Wenr dung trat erst ein, als allmählich eine zionistisch gesinnte} Jugend heranwuchs, der Juden und Judentum Lebenssache geworden war und die sich mit dem ganzen Feuer der Jugend regte und alle Indifferenten in ihren Bann zog. 190S haben sich die Zionisten zum ersten Male an den Wahlen beteiligt. Dank ihrem Eifer und ihrer Umsicht stieg die Wahlbeteiligung von 70 auf 300 Stimmen. Im Januar 1911 hat die Wahlbeteiligung eine weitere Steigerung erfahren; von 800 eingetragenen Wählern haben 525 ihre Stimmen abgegeben, davon 27() für einen zionistisch gesinnten Gemeindevorstand. Daran beteiligten sich die Sozialisten mit 60 Stimmen. Mehr als ein Jahr war der zionistisch gesinnte Vorstand in der Gemeinde zum Segen derselben tätig. In der Schule, dem Herzen der Gemeinde, hat es sich vor allem recht günstig bemerkbar gemacht, daß Männer in der Gemeindeverwaltung saßen, die den festen Willen hatten und alle ihre Kräfte aufboten, eine selbstbewußte jüdisch-gesinnte Jugend heranzuziehen. Gewissen Kreisen indes war dieser zionistisch-gesinnte Gemeindevorstand ein Dorn im Auge, man suchte ihm alle möglichen Ungelegenheiten zu bereiten, die Stadtbehörden, die Ministerien wurden förmlich mit Wahlprotesten überschüttet. Die Folge war, daß die Wahl vom Januar 1911 kassiert und eine Neuwahl auf den 27. Februar 1912 anberaumt wurde. Es wurden alle Kräfte gegen den Zionismus mobil gemacht, selbst die Sozialisten, die 1911 für die Zio* nisten gestimmt hatten, ließen sich diesmal durch ihren Führer, Herrn Dr. Isakof, bestimmen, den Zionisten untreu zu werden. Das Wahlresultat weist folgende Ziffern auf: 920 Wahlberechtigte waren in den Wahllisten eingetragen, davon haben 640 gewählt. Es wurden abgegeben für die Gegenpartei 335, für die Zionisten 305 Stimmen. Vergleicht man dieses Resultat mit der Wahl von 1911, bei der die Zionisten 216 r 60 sozialistische Stimmen erhalten hatten, so ersieht man daraus, daß trotz des Sieges der Gegenpartei die zionistischen Stimmen um 89 gewachsen sind, ein Resultat, mit dem wir vollauf zufrieden sein können. „Hamischpat" erscheint jetzt auf vielfachen Wunsch zur Hälfte Bulgarisch und zur Hälfte Spaniolisch. Das Blatt hat es schnell verstanden, sich seinen alten Leserstamm zurückzugewinnen. -— Die mit Unterstützung des Hilfsvereins der deutschen Juden begründete Lesehalle und Bibliothek weist nach kaum zweijährigem Bestehen einen Bücherbestand von. mehr als 400 Bänden auf. Die Bibliothek wirkt ungemein segensreich, sie verdient eine allseitige warme Förderung. Die Bibliotheksverwaltung zu Händen des Herrn Rabb. Dr. Rosenwasser nimmt mit Dank gebrauchte Bücher jüdischen Inhalts entgegen. Eine Affäre, die den innersten Lebensnerv und den künftigen Bestand der jüdischen Schulen in Bulgarien berührt, macht jetzt bei uns das peinlichste Aufsehen. Die ganze Kluft, die zwischen den zumeist zionistischen Schulkomitees und den antizionistischen Syriagogenkomitees besteht, ist dadurch grell beleuchtet worden. Der Minister für Kultus und Unterricht, Herr Bobtschef, eine ungemein rührige Persönlichkeit betraute vor Jahresfrist eine Kommission mit der Ausarbeitung einer Novelle zum Schulgesetz vorn 16. Februar 1909. Das Gesetz von 1909 gewährt den jüdischen Schulen völlige Freiheit, sowlohl in bezug auf das Schulprogramm, wie die Unterrichtssprache und die Schulgattungen. Gefordert wird nur für die Kinder bulgarischer Staatsangehörigkeit Unterricht der bulgarischen Sprache, Geschichte und Geographie. Die Schulen werden nach obigem Gesetz aus den Einnahmen der Gabella (Fleischsteuer) unterhalten. Reichen die Gabellaeinnahmen nicht aus, um die Ausgaben für die Schule zu bestreiten, so ergänzt das Synagogen-Komitee die fehlenden Mittel. Bei der Gesinnungsverschiedenheit beider Komitees, des Schulkomitees und des Synagogenkomitees, kam es leider sehr oft zu Reibereien zwischen beiden. Das Synagogenkomitee hat überdies seine Macht nicht selten mißbraucht, um den renitenten Schulvorstand zu schikanieren. Die Riesengehälter von 75—100 Frcs. für verheiratete Lehrer mußten zeitweise noch reduziert werden, weil das Synagogenkomitee keine Mittel zu haben erklärte. Was Wunder, daß das Schulkomitee nach Mitteln trachtete, diesem unhaltbaren Zustande ein Ende zu machen. Eine Kornmission, bestehend aus den Herren Haim Farchi, Abgeordneter der großen So-