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Die Welt · 1912-04-12 · 15 (12.4.1912) · page 6

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Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
15 (12.4.1912)
Date
1912-04-12
Page
– (sequence 6)
Language
German
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444 DIEÄELT Nr. 15 walte sich auch auf die Advokaturgehilfen beziehen. In den Kreisen der nach Tausenden zählenden jüdischen Advokaturgehilfen herrscht große Erregung. Bereits tauchte die Frage auf, ob die Senatsentscheidung nicht auch rückwirkende FQraft habe. Im Justizministerium wird diese Frage, -wie die „Rjetsch" zu berichten w e i ß , vielfach bejaht. Ausschlaggebend wird natürlich die Ansicht Schtscheglo wito ws sein. Dieser Umstand wirkt auf die jüdischen Advokaturgehilfen nicht gerade beruhigend. Frommer Schwindel In seiner Nummer vom 29. März brachte der Frankfurter „Israelit" unter der Ueberschrift „Rücktritt des Herrn Dr. Mossinsohn?" folgende, aus Odessa datierte Nachricht: „In Ergänzung Ihres Berichtes über die hier stattgefundene Konferenz der russischen „Chowewe Zion" bin ich in der Lage, Ihnen von einem Beschluß der Versammlung Mitteilung zu machen, der von den hebräischen Zeitungen, die in spaltenlangen Artikeln auch über die kleinsten Details der Verhandlung berichtet haben, wohl aus „Opportunitätsgründen" einfach verschwiegen wurde. Die anwesenden Rabbiner, an deren Spitze Herr Rabbiner Reines aus Lida, machten ihre Mitwirkung davon abhängig", daß Herr Dr. Mossinsohn aus dem Lehrerkollegium des Jaffaer Gymnasiums ausscheide, und der Versammlung fiel es gar nicht schwer, dieses Friedensopfer zu bringen. Nach einiger Beratung wurde fast einstimmig der Beschluß gefaßt, Herrn Dr. Mossinsohn, der sich zurzeit zu Agitationszwecken in Amerika aufhält, auf seinen Posten nicht zurückkehren zu lassen." An dieser Nachricht ist, wie wir auf Grund authentischer Informationen festgestellt haben, kein wahres Wort. Die Konferenz hat keine anderen Beschlüsse bezüglich der Kulturarbeit gefaßt, als die in der „Welt" Nr. 10, S. 296, veröffentlichten. Auch in der Kulturkommission hat niemand einen derartigen Antrag gestellt. Herr Dr. Mossinsohn wird auf seinen Posten zurückkehren, und die üppige Phantasie unserer Antizionisten muß sich etwas Neues ausdenken. Eine Interpellation des Abg. Dr. Straucher (Von unserem Berichterstatter.) Wien. Die Leiden des polnischen Juden verfolgen ihn bekanntlich, auch wenn er seine stiefmütterliche Heimat verläßt. Zu den Ländern, in denen er sein Erbübel immer schmerzlicher zu fühlen bekommt, gehört auch Ungarn. Dort steht jetzt die Ausweisung galizischer Juden auf der Tagesordnung. Ganz grundlos und oft in der rücksichtslosesten Weise werden von einzelnen allmächtigen Komitatsregenten und von der Grenzpolizei Juden galizischer Abkunft aus dem Lande verjagt und um ihre Existenz gebracht. Abg. Dr. Straucher hat im österreichischen Parlamente in einer scharfen Interpellation den Ministerpräsidentein und den Minister des Innern angefragt, was sie zu veranlassen gedenken, um die in Ungarn ansässigen, aus Galizien stammenden österreichischen Staatsbürger gegen die Brutalität und Willkür ungarischer Behörden zu schützen.. Die Interpellation zählt die krassesten Fälle auf. Besonders brutal wurde ein gewisser Manasse Freilich, ein 60jähriger Mann, behandelt* der seit 58 Jahren in Ungarn lebt, seit 35 Jahren mit einer geborenen Ungarin verehelicht ist und im Marmaroser Komitat steuerzahlender Bürger, Besitzer von Liegenschaften und eines offenen Ladens ist. Er wurde ohne jeden Grund vom Oberstuhlrichter Zornbary plötzlich ausgewiesen. Der Greis mußte innerhalb 24 Stunden seine Frau und 10 Kinder verlassen. Es ist zu hoffen, daß sich die gesamte jüdische Oeffentlichkeit in Zisleithanien, wie auch in Transleithanien zu einer energischen Aktion ermannt und hintanhält, daß man in Ungarn weiterhin die aus Galizien stammenden Juden nach echt russischem Muster behandelt. Wer zahlt den eucharistischen Kongreß? Eine ergötzliche Enthüllung macht der Leitartikel der ,,Arbeiter-Zeitung4' vom 22. März 1912. Der diesjährige eucharistische Kongreß — eine katholischreligiöse, festliche Beratung größten Stiles, an der an dieser Stelle keinerlei Kritik geübt werden soll — findet im Herbste in Wien statt. Nach den Informationen des genannten Blattes sollen nun die Unkosten dieser Veranstaltung zum guten Teile von einigen jüdischen Millionären gedeckt werden, die für ihre sehr beträchtliche Beisteuer das Adelsprädikat erhalten. Die „Arbeiter-Zeitung" führt bestimmte Namen an und bemerkt dazu: „Ist es nicht doppelt verdienstlich, daß sie, obwohl man es von ihnen eigentlich nicht verlangen könnte, nicht zögern, die Feier der katholischen Kirche zu finanzieren? Der alte Judengott mag ihnen darob grollen; der Staat hat alle Ursache, so übernatürliche Hingabe rechtschaffen zu lohnen . . . Wir lehnen natürlich die Verantwortung für die Richtigkeit dieser Enthüllung ab. Aber nach den traurigen Erfahrungen, die wir mit einer Reihe jüdischer Großkapitalisten gemacht haben, wäre es nicht unmöglich, daß die Behauptung der „Arbeiter-Zeitung" den Tatsachen entspricht, und daß sich wieder einmal „auf diesem nicht mehr ungewöhnlichen Wege" einige edle S^hne Israels die siebenzackige Krone erkaufen. Schauturnen Das diesjährige Schauturnen des „I. Wiener jüdischen Turnvereins^ hat alle Erwartungen übertroffen. Die Leistungen der Turner, insbesondere am Reck, sowie das Stabhochspringen wurden von Kennern als ganz außerordentlich bezeichnet. Nach dem Einmarsch der Turner zu den Freiübungen hielt der Obmann dieses für die körperliche Regeneration des Wiener Judentums so segensreich wirkenden Vereins, Gg. Dr. Immerglück, eine begeisternde, von nationalen Akzenten getragene Ansprache. Den Höhepunkt des Abends bildeten die Freiübungen der Mädchenriege, die einen wahren Beifallssturm entfesselten. Der ungewöhnliche Erfolg des Festes — die Sophiensäle vermochten die Zahl der Gäste kaum zu fassen — wird dem wackeren I. Wiener Turnverein ein neuer Ansporn für seine dankenswerte Arbeit sein. Enquete über die Auswanderung aus Oesterreich Gegenwärtig tagt in Wien eine Enquete über die Emigration aus Oesterreich, zu welcher erst in letzter Stunde die Vertreter der jüdisch-österreichischen Auswandererinteressen zugezogen wurden. Unter den Experten befinden sich unsere Gesinnungsgenossen, Abg. Dr. Straucher und Dr. K o r k i s aus Lemberg. Ferner wurde der Publizist Dr. S. R. L a n d a u zur Teilnahme eingeladen. Wer die Verhältnisse kennt, wird sich nicht wundern, daß die Regierung unterlassen hat, noch andere kompetente Männer aus dem zionistischen Lager beizuziehen. Insbesondere wäre Adolf Stand, dessen Referat bei der seinerzeitigen Enquete über die galizische Judennot ganz hervorragend war, berufen gewesen, bei diesen Beratungen ersprießlich mitzuwirken. im gegenwärtigen Stadium der Enquete wird die auch für die Juden wichtige Frage erörtert, ob die bevorstehende gesetzliche Regelung der Emigration auf die Ueberseewanderung beschränkt oder auf die kontinentale Wanderung ausgedehnt werden soll, ferner, ob in der Gesetzgebung eine Trennung dieser beiden Materien oder eine Regelung dieser verschiedenartigen Wandererscheinungeii in einem einzigen Gesetze vorzunehmen sei. Der Unterschied zwischen diesen beiden Anschauungen ist für die Frage der obligatorischen oder fakultativen Einführung einer Aus Wandererlegitimation von Bedeutung.

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