Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 15 (12.4.1912)
- Date
- 1912-04-12
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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442 DIEÄELT: werte Genies geliefert haben. Das waren die Juden. Und was sind sie nun?" Mit wem dürfen sie zusammengehen, mit der Opposition oder mit der regierenden Partei? Welches sind die Antisemiten? Der Antisemitismus hat ökonomische Ursachen. Er verkleidet sich nur unter nationaler und patriotischer Maske. Ich erkläre: Die Tatsachen bezeugen, daß es in „Union et Progres" und in der „Entente Liberale" gleicherweise Antisemiten gibt. Hier in Salonik hat ein Komiteeorgan, der Rumiii" von dem Eintreffen Santo Semos profitiert, um seinen Haß gegen die Juden auszuschütten; der „Jeni Assir" hat in seiner Polemik mit dem „Progres de Salonique" ebenfalls antisemitische Gefühle geäußert. In Konstantinopel sind wiederum Oppositionsblätter, wie der „Ikdam" u. a. antimesitisch. In der Kammer ist der Antisemitismus zwei- oder dreimal aufgetreten. Das erstemal, bei Gelegenheit der Budgetdebatte 1011 sprach der Oppositionelle Lutfi Fikri Bey gegen die Juden Salem, Menasche und Russo; der Reaktionär Ismaei Hakki Bey von Gumldschiua unterstützte ihn. Das zweiternal rührte Ruhi-el-Halidi, Mitglied des Komitees und Vizepräsident der Kammer, die Judenfrage auf und wurde von den arabischen und unionistischen Deputierten unterstützt. Er suchte die Kammer mit dem Schreckgespenst der Judengefahr zu schrecken. Ismail Hakki Bey, der Ententist, wiederum sagte mit merkwürdigem Stolze, daß es in seiner Partei keine Juden gebe. Er hätte solche Worte nicht gewagt, wenn die jüdischen Deputierten ein wenig Mut in der Kammer bewiesen hätten." Wlachoff Effeudi schloß seine Rede mit den Wortein: ,,\V e n n die Juden Deputierte i n die K a m m e r e n t s e n d e n w ollen, die ihnen w a h r h a f t dienen sollen, so mögen sie darauf sehen, ernst d e m o k r a t i s c h e und mutige Abgeordnete z u wählen. Werden ihre Deputierten aber zaghaft und kleinmütig sein, so werden sie die jüdische Nation noch mehr diskreditieren!" Eine tüchtige Lehre, gegeben von einem aufrichtigen und klarsehenden Nichtjuden an die Adresse der Juden und ihrer Führer. Stürmische Wählerversammlung in Saloniki (Von unserem Berichterstatter.) Saloniki. Kürzlich fand hier eine Versammlung der jüdischen Wähler statt, die von Carasso Effendi einberufen war, dem früheren, jüdischen Abgeordneten, der vor seinen Wählern über die Ausübung seines Mandats Bericht erstatten wollte. Zur festgesetzten Stunde waren etwa 1500 Personen in den Räumen des Nouveau Club erschienen. Man sah Arbeiter und Handwerker, Kaufleute und Angestellte, aufgeregte jüngere Menschen und gleichgültig blickende ältere. Carasso Effendi war sich vom ersten Moment an darüber klar, daß die Mehrheit der Anwesenden ihm wenig freundlich gesinnt war. Er setzte auseinander, daß das Amt eines Abgeordneten nicht leicht ist, daß die Gleichgültigkeit des Volkes ein Grund für die Schwäche seiner Vertreter ist, und daß die Abgeordneten sich mit Recht darüber beklagen, daß das Volk nicht hinter ihnen steht. Carasso versuchte zu beweisen, daß das Volk sich statt dessen lieber über sich selbst beklagen sollte, über seine politische Gleichgültigkeit. Aber die Mehrheit der Versammlung war nicht seiner Ansicht. Die Unruhe steigerte sich zum Lärm, zu lauten und heftigen Unterbrechungen. Carasso wollte über allgemeine Fragen sprechen, über die Sklaverei der alten Zeit und über die Entwicklung der Zivilisation bis zur Herstellung des Parlamentarismus. Aber es gelang ihm nicht, seine Hörer zu interessieren, und das war der Grund der ersten Unruhe. Dann sprach er ganz kurz über das Gesetz betreffend den Militärdienst, gab aber nicht die erwarteten Erklärungen über die Dienstzeit, über die Berücksichtigung der jüdischen Feiertage, über die Kammerabstimmung betreffend die Ausdehnung des Militärdienstes auf die Nichtmuselmanen, vom gegenwärtigen Zeitpunkt bis zum Alter von 42 Jahren. Daß der Redner diese Frage so kurz behandelte, erregte gleichfalls großen Unwillen. Der Unwille steigerte sich, als Carasso mit großer Sicherheit die Frage aufvvarf, ob man dem Parlament vorwerfen könne, das Prinzip der Gleichheit gegenüber irgendeinem Teil der Bevölkerung nicht beachtet zu haben. Die anwesenden Sozialisten benutzten Nr. 15 diese Frage zu Protesten gegen das Temettu-Gesetz (eine Art Einkommensteuer). Carasso versuchte seine Gegner zu entwaffnen, indem er ausführlich seine Rolle während der Kammerdiskussionen über den Zionismus auseinandersetzte. Er bemühte sich, zu zeigen, daß er die Ehre der Juden verteidigt habe, als sie angegriffen worden sei. Zu diesem Zwecke verlas er den stenographischen Bericht der Sitzung, in der er Ismaei Bey unterbrochen hatte, als dieser in der Diskussion über den Zionismus die Juden angriff. Er sprach von einer Kommission zum Studium der jüdischen Einwanderung, deren Mitglied er war und führte aus, daß das Gesetz, welches einen fünfjährigen Aufenthalt in der Türkei zur Erlangung der ottomanischen Untertanenschaft verlangt, der jüdischen Einwanderung hinderlich sei. Dies war der Grund, sagte Carasso, daß eine jüdische Masseneinwanderung nicht ermutigt werden konnte. Die Kommission habe jedoch entschieden, daß die Einwanderung einzelner Personen nicht gehindert werden solle. Im weiteren erklärte Carasso, daß niemand im Zionismus eine Gefahr erblicke, aber seiner Meinung nach solle der Name Zionismus aufgegeben werden, um keinen Verdacht und keine Mißverständnisse aufkommen zu lassen. An diesem Punkt der Rede erfolgten Unterbrechungen und scharfe Proteste gegen diejenigen, die einen derartigen Verdacht und solche Mißverständnisse erwecken. Von verschiedenen Seiten wurde gefordert, daß Carasso auseinandersetze, was er im Interesse des Volkes getan habe. Aber der Redner erklärte, seine Rede sei beendigt und er sei bereit, später zu antworten, wenn ihm Fragen gestellt würden. Darauf bestieg ein Sozialist die Tribüne und erklärte, die Arbeiter hätten Carasso vor 31/2 Jahren unterstützt, aber sie seien mit ihm unzufrieden und wollten jetzt von ihm nichts wissen. Das gab zu Demonstrationen gegen und für Carasso Anlaß. Der Lärm steigerte sich so, daß die Versammlung geschlossen werden mußte, ohne daß Carasso auf weitere Fragen hätte antworten können. Bezalel-Ausstellung in Kairo Besuch Baron E. v. Rothschilds. Kairo, den 15. März 1912. Vor einigen Tagen wurde hier die Ausstellung des Bezalel geschlossen. Diese Ausstellung war ein wirklich großes Ereignis für das jüdische Leben Kairos. Unsere Juden sind hier, trotzdem sie Erez Jisroel räumlich so nahe sind, im Geiste von allem Jüdischen so weit entfernt, daß selbst die wichtigsten Palästina-Institute hier nicht bekannt sind. Es ist daher kein Wunder, daß man auch vom Bezalel so wenig gehört hat, und den Veranstaltern der Ausstellung gebührt aufrichtiger Dank. Es ist besonders hervorzuheben, daß die vornehmen sephardischen Kreise, die sonst leider sehr wenig für das Judentum leisten, der Ausstellung hohes Interesse zugewendet haben. Die Eröffnung der Ausstellung erfolgte durch den Kultuspräsidenten Se. Exzellenz Cattaui Pascha, der das Protektorat der gesamten Veranstaltung übernommen hat. Auch die obersten Kreise der nichtjüdischen Gesellschaft und viele hohe Regierungsbeamte besuchten die Ausstellung fleißig und erkundigten sich nach allen Einzelheiten der Bezalelschule. Besonders groß war das Interesse der hiesigen Kunst- und Kunstgewerbeschulen Ecole de beaux arts und Ecole des arts et metiers. Für die Museen dieser Anstalten wurden zahlreiche Artikel aus der Ausstellung als Modelle angekauft. Großes Aufsehen erregte der Besuch des Barons Edmund von Rothschild, der in Gesellschaft seiner Gattin % Stunden in den Ausstellungsräumen die ausgestellten Gegenstände ekir gehend besichtigte. Kurz vor seiner Abreise aus Kairo erschien Herr Baron von Rothschild noch zweimal im Ausstellungsraum und sprach mit dem Leiter der Ausstellung, Herrn Maler Goldberg, über die im Bezalel eingeschlagene Kunststilrichtung, die seiner Ansicht nach in Anlehnung an den orientalischen Stil sich weiter ausbilden sollte, ohne vom