Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1912-04-12 · 15 (12.4.1912) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
15 (12.4.1912)
Date
1912-04-12
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3315709-3316514-3316529--55864-3349722
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 15 DIE^ELT 441 f □ □ □ □ □ D~ o * =9 WELTCHRONIK □ □□□□□ O J? Die türkischen Kammerwahlen (Von unserem Berichterstatter.) Konstantinopel. Der Kampf der Parteien. — Die Chancen der Juden — Eine Rede des Exdeputierten Wlachoff. Wir durchleben in der Türkei wieder eine Epoche, wo die Fragen der äußeren Politik, so schwer sie auch wiegen mögen, in der allgemeinen Aufmerksamkeit fast gänzlich gegen die Vjorgänge im innerpolitischen Leben des Landes verschwinden. Die Parlamentswahlen und nur sie nehmen momentan das ganze Interesse des Tages gefangen. Nur eine bis zwei Wochen trennen uns noch von deren Resultaten. Aber es' ist schon jetzt ziemlich ausgemacht, wie diese ausfallen werden. Es besteht kein Zweifel, daß die Komitee partei mit großer Majorität in die Kammer einziehen wird. Die Nationalitäten haben sich in folgender Weise für den Wahlkampf auf die beiden Parteien verteilt: Mit dem Komitee gehen die Araber der Halbinsel Arabien und die Afrikas, der größte Teil der Armenier, nämlich die Daschnaktsutiun, die Majorität der Serben, ein anscheinend beträchtlicher Teil der Albaner, und wohl fast ausnahmslos die Juden. Auf Seiten der Entente stehen die Araber Syriens in ihrer großen Majorität, die Griechen fast einstimmig, fast alle Bulgaren, der Rest der Albaner und eine Minorität der Armenier, die in der Hintschak-Organisation vereinigt ist. Es ist aber nicht ausgeschlossen, daß im letzten Augenblicke noch Ueberläufereien nach der Seite des stärkeren Erfolges hin vorkommen werden. Die Wahlen sind indirekte. Die des erstem Grades haben zum Teil schon begonnen, zum Teile stehen sie unmittelbar bevor. Die zweiten Grades, die endgültigen also, werden jedenfalls Mitte April schon ihren Abschluß gefunden haben. Die günstigen Aussichten, mit denen die osmanischen Juden an die Wahlen heranzutreten schienen, sind geschwunden. Der Chachambaschi selbst hat sofort nach Auflösung der vorigen Kammer urbi et orbi wissen lassen, daß wir diesmal anstatt vier oder fünf Deputierten ihrer sieben oder acht hereinbringen würden; das Komitee, von der besonderen Loyalität, Brauchbarkeit und Treue der Juden überzeugt, sei in seinem eigenen Interesse entschlossen, ihre Zahl zu erhöhen. Es sei, um solche Vermehrung zu ermöglichen, die Zubilligung eines zweiten jüdischen Kandidaten für Konstantinopel und die Neuaufstellung von Juden in Adrianopel und Jerusalem — vom Jemen nicht zu reden — in Aussicht genommen. Leider ist von diesen Verheißungen nicht viel übrig geblieben. In der Hauptstadt denkt das Komitee gar nicht an einen zweiten Kandidaten, auch bezüglich Adrianopels ist es von einer jüdischen Kandidatur ganz still geworden, und in Jerusalem scheint das Komitee gar nicht die Absicht zu haben, selbst wenn es wirklich wollte — was nicht der Fall ist — einen Juden aufzustellen und durchzubringen. Es wird also wahrscheinlich bei den fünf jüdischen Vertretern Konstantinopels, Saloniks, Smyrnas, Bagdads und des Jemen sein Bewenden behalten. Woran diese ungünstige Wendung liegt, wird jeden Tag klarer. Die politischen Faktoren der Türkei rechnen mit den Juden, schlecht geleitet und rückgratlos, wie sie vor ihnen erscheinen, eben überhaupt nicht. Das Komitee insbesondere hat seine einfache Taktik. Da die Juden, sagt es sich, infolge des notorischen Antisemitismus der Ententisten mit diesen keineswegs gehen können, so sind sie auf alle Fälle gezwungen, mit uns zu halten; wir haben es also absolut nicht nötig, ihnen irgend welche Zugeständnisse zu machen. Es handelt also genau so wie die Liberalen in Deutschland, und die Juden besitzen keine einzige Persönlichkeit, die stark genug wäre, die jüdischen Stimmen zusammerzufassen und auf die politische Wagschale zu legen. So geht denn alles seinen Weg — über die Wünsche der jüdischen Nation hinweg, die freilich von offiziell jüdischer Seite überhaupt nicht geltend gemacht werden. Das geschieht nur aus der Mitte der Volksschichten heraus, wesentlich durch die Presse. Und es gibt genug solcher Wünsche, abgesehen von der Zahl der jüdischen Abgeordneten. So haben die Unsrigen vor allem hier und da ganz andere Persönlichkeiten vorzuschlagen, als sie dem Komitee belieben. Dieses hält aus parteitaktischen Gründen an dem Grundsatze fest, daß alle ihre, dem früheren Parlamente angehörenden Volksvertreter diesmal wiedergewählt werden müssen, bleibt also auf seinen Faraggi, Masliach, Carasso und Sasson bestehen. Gegen alle diese wird aber von jüdischer Seite der schwere Vorwurf erhoben, daß sie die jüdischen Interessen sehr schlecht in der alten Kammer vertreten haben. Ganz besonders will das Volk ihnen ihr feiges Benehmen bei Gelegenheit der antisemitischen und antizionistischen Angriffe im Parlamente durchaus nicht verzeihen. Es zeugt von dem Fortschritte, den in verhältnismäßig so kurzer Zeit die politische Erziehung der jüdischen Massen durchgemacht hat, und von der außerordentlichen Bedeutung, die das nationale Prinzip und Selbstbewußtsein bei ihnen bereits erlangt hat, daß überall, sogar in Smyrna, den ausscheidenden Deputierten wegen ihres Mangels an jüdischem Rückgrat die größten Schwierigkeiten bereitet werden. Ganz besonders elementar äußert sich das in Salonik, wo die Juden in der Verwerfung Carassos fast einstimmig sind und mit größter Entschiedenheit einen der Volkssache ergebenen und energischen Tribun verlangen. Die Chancen liegen im einzelnen folgendermaßen: In der Hauptstadt ist die Kandidatur Faraggis bereits offiziell nominiert und wird, wenn kein Wunder geschieht, zweifellos zum Siege gebracht werden. In Smyrna war die Position Masliachs, des immerhin in nationalem Sinne bester* der früheren, durch die Ungunst der Volksströmumg ernstlich gefährdet und die Kandidatur eines entschiedenen Nationalen aussichstvoll; im letzten Augenblick jedoch haben eine geschickte und gelungene öffentliche Verteidigung Masliachs, und insbesondere ein kräftiger von türkischer Seite auf die Juden ausgeübter Druck Masliachs Chancen wiederhergestellt und den Mitbewerber zum Rücktritt veranlaßt. Den letzten Nachrichten zufolge ist Masliach sogar bereits endgültig gewählt. In Saloniki streiten drei Kandidaten um die Palme: der von den Juden aufgegebene Carasso und die beiden, von verschiedenen Parteien in der Gemeinde getragenen Advokaten Josef Nar und Ascher Malach. Neben ihnen steht noch der jüdische Vertreter der Sozialisten, Salem, der sich auf die Entente Liberale stützt und nicht viel Aussicht auf Erfolg zu besitzen scheint. In Bagdad ist Sasson seiner Wiederwahl sicher. Wer im Jemen durchgehen wird, ist noch unbekannt. Man erinnert sich, daß der bulgarische Sozialist Wlachoff Effendi einer der wenigen gewesen war, die in den Kammerdebatten vom vorjährigen März und Mai gegenüber den Angriffen auf Judentum und Zionismus diese herzhaft und besonnen verteidigt hatte. Die Saloniker Blätter geben nun eine bedeutsame Rede Wlachoffs über die Juden, die Parteien und die Wahlen wieder, die die freundschaftliche Stellung dieses Mannes zu uns widerspiegelt und die, auch in ihrer pessimistischen Bewertung der Haltung des Komitees den Juden gegenüber, im allgemeinen die Wahrheit trifft. „Es gibt in der Türkei/' so führte Wlachoff aus, „10 bis 15 Nationen. Jede derselben kämpft darum, den anderen gleich behandelt zu werden, jede von ihnen hat Interesse daran, sich demokratisch auszuleben. Eine jede hat nationale Forderungen für ihre Schule, ihre Sprache, ihre Sitten und Gebräuche. Aber es gibt Leute, die behaupten: „Für die Juden existiert keine nationale Frage'/*' Ist das richtig? Nein! Obwohl die Juden verschiedene Sprachen reden und ihre Lage sie zwingt, in verschiedenen Kulturen sich zu bewegen, so kann man doch nicht leugnen, daß sie eine Nationalität bilden. Sie haben gemeinsamem Ursprung und eine gemeinsame Geschichte. Auch die Regierung betrachtet sie als Nation/4 „Welches muß nun die Politik der Juden sein?' Um das zu beantworten, muß man vorher bedenken, was die Juden waren und was sie sind. Niemand kann leugnen, daß die Juden der Welt eine Kultur geschenkt haben, daß sie der Philosophie, den Künsten, den Wissenschaften, der Soziologie, der Politik bewunderns-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.