Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 15 (12.4.1912)
- Date
- 1912-04-12
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Wi 440 DIEX&ELT: Nr. 15 danklich vertieften Auffassung ihrer Volkspersönlichkeit, zu einer historisch gerichteten Betrachtungsweise gelangen, wird sich ihnen das nationale Ideal erschließen. So wird der Zionismus, der in Westeuropa schon heute als ideenbildende Macht der Assimilation1 weit überlegen ist, das Ideal der Besten werden. Für die innere Entwicklung des Zionismus ist die hier gekennzeichnete Erscheinung von hohem Wert. Sie wird ein besseres Verständnis zwischen Ost und West ermöglichen und die zionistische Bewegung gedanklich vereinheitlichen. Es soll natürlich nicht gesagt werden, daß die ältere zionistische Generation in Osteuropa den Zionismus weniger gedanklich verstanden habe, als die Jüngeren. Die ersten russischen Zionisten — auch die „nur praktischen" Chowewe-Zion — waren von demselben reinen Nationalismus getragen, dessen Durchsetzung wir heute erstreben; aber es ist unleugbar, daß die Schar der zionistischen Intellektuellen in Osteuropa verhältnismäßig klein geblieben ist und 'daß die praktischen Erfolge der Chowewe-Zion im wesentlichen auf der Ausnutzung traditioneller Massenempfindungen beruhten. Um den Zionismus fest zu verankern, um eine zionistische Jugend zu erziehen, mußte daher das zionistische Ideal nicht nur an die Herzen der von alter Tradition erfüllten Väter, sondern auch an die Meinungen und Empfindungen der nach Wissen und Freiheit ringenden Söhne appellieren. Es galt und gilt, der Jugend den Zionismus als das Ideal des Fortschritts zu lehren — genau wie in Westeuropa! Wir rühren hier an das so oft erörterte Problem von „Ost und West", an diesen Gegensatz, der nach der Ansicht selbst mancher Zionisten schier unüberbrückbar ist. Es wäre Torheit, die bestehenden Unterschiede zu leugnen. Es ist richtig, daß in Osteuropa ein jüdisches Milieu und ein jüdisches Wissen besteht, das den zahlenmäßig schwächeren und stärker assimilierten Westjuden im allgemeinen fehlt. Aber es ist völlig verkehrt, den Zionismus ausschließlich auf die jüdischen Kulturinhalte der Ostjuden zu basieren und den Westjuden nur das auf den Kongressen mißbräuchlich proklamierte „politische Verständnis" und „organisatorische Geschick" zuzubilligen. Zionismus ist nicht jüdisches Wissen, sondern jüdischnationales Wollen. Daß dieses Wollen am besten reift, wenn es mit jüdischem Wissen, und mit den starken Gefühlen jüdischer Tradition verbunden ist — diese Wahrheit darf uns nicht die Augen vor der Erkenntnis verschließen, daß alle Tradition leer und alles Wissen tot ist, wenn es nicht vom Hauch des nationalen Zukunftsgedankens belebt wird. Deshalb ist der ungelehrte jüdische Wächter, der in den Bergen Galiläas mit der Büchse in der Hand seine Kolonie umkreist, ein besserer Hüter jüdischen Besitzes, als der Schriftgelehrte, dessen Weisheit Vätererbe, aber nicht mehr lebendiger Besitz der Söhne und Enkel ist. Die Westjuden haben größeres für den Zionismus einzusetzen, als jenes allzuoft betonte politische und organisatorische Geschick. Auch in ihnen strömt lebendiges Judentum, auch ihnen ward mit ihrem Blut und ihrer geschichtlichen Erinnerung ihr Wesen bestimmt. Doch aus welchen Quellen immer in Ost und West jüdisches Bewußtsein entsprang, wie immer die Kulturinhalte sich in den jüdischen Menschen und jüdischen Gruppen differenzieren — der Wille zur Nation ist es, der den Zionismus schafft. Hierin liegt die Einheit des Zionismus beschlossen. Man glaube nicht, diese Einheit sei eine äußerliche, weil sie auf ein äußeres Ziel deutet. Nicht dieses Ziel, sondern der nationale Geist, der zu ihm strebt, macht uns alle tief in unserem Herzen zu Söhnen unseres Volkes. Es ist der Sündenfall der Zionisten, nur in der Aeußerliehkeit dieses Zieles die Einheit des Zionismus zu suchen, der ein verlorenes Zufallsprodukt, ein Nichts wäre, wenn nicht in uns allen, in uns allen der gleiche nationale Wille glühte. Er schmiedet die Nation und schmiedet zugleich die Einheit des Zionismus. * * * Es gibt nur einen Zionismus, weil es nur eine Idee der nationalen Freiheit gibt. Kulturinhalte wechseln, sie können weder gewaltsam festgehalten noch für die Zukunft dekretiert werden. Wer die Jugend zum Zionismus erziehen will, muß sich dies vor Augen halten und alles daran setzen, den nationalen Willen der heranwachsenden Generation zu beleben. Wenn die historische Entwicklung es gefügt hat, daß Oestier und Westler, als sie sich zum ersten Male im Zionismus begegneten, manchen Unterschied, zuweilen selbst krasse Gegensätzlichkeit empfanden, so wird die künftige Entwicklung mit Notwendigkeit das Trennende mehr und mehr zum Verschwinden bringen. Denn in Ost und West ist es die Jugend, auf die wir bauen und in Ost und West strebt diese Jugend zur Verbindung jüdischer Tradition und europäischer Gedanken. Ein mehr oder weniger an kulturellen Inhalten auf der einen oder anderen Seite kommt nicht in Betracht, da es das Eine, das Große gilt: Sieh zur jüdischen Nation zu bekennen und für sie zu handeln. Das Erziehungswerk, das zu vollbringen ist, kann an verschiedenartige Empfindungen anknüpfen, doch hat es nur ein Ziel: Den jungen, strebenden Juden zur Persönlichkeit zu erziehen, die sich aus freier Wahl zu ihrem Volkstum findet. Die Lehre, daß jede Persönlichkeit in nationaler Gebundenheit wurzelt, daß die Freiheit des Einzelnen die Freiheit der Gesamtheit ist, daß die bewußte Loslösung von der Stammes- und Geschichtsgemeinschaft der Tod des individuellen Stolzes und schöpferischen Vermögens ist — dies alles wird die Jugend unseres Volkes zur Klarheit führen und den gewaltigen Willen entfachen, der uns durch die Stürme der Zeit zur Heimat führen soll. Wenn unsere Anhänger in West und Ost dies recht verstehen, so wird es ihnen vor allem wesentlich erscheinen, die Jugend im Geiste eines reinen Nationalismus zu erziehen, der an die Tradition anknüpft, nicht aber mit ihr identisch ist. Das jüdische Wissen soll erneuert werden, die hebräische Sprache soll wieder klingen — weil es das Wissen und die Sprache des verjüngten jüdischen Volkes sein soll. Die Jugend lerne, aus jüdischem Wissen und jüdischer Tradition, aus allen modernen Ideen, die unsere Zeit bewegen, sich zu einem freien Menschentume zu entwickeln, das ihr nichts anderes als ein freies Judentum bedeuten kann. R. L.