Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 15 (12.4.1912)
- Date
- 1912-04-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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DIE BERLIN W15, SÄCHSISCHE STR. 8. W ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XVI. JAHRG. BERLIN, 12. April 1912 Ur\)h& y'Dnn 'K ]DV n"3 Nr. 15. DIE ENTWICKLUNG ZUR EINHEIT In der jüdischen Presse Rußlands finden sich seit längerer Zeit ständige Nachrichten über das Anwachsen der Assimilations- und Taufbewegung. Diese Zeitersc'heinung hat ihre äußerliche Erklärung in der unsäglich elenden Lage der russischen Judenheit, und so klingt denn zuweilen ein Ton schmerzlichen Begreifens durch die zahlreichen Protestkundgebungen, die sich gegen die Taufseuche richten. Mit dem Hinweis auf die äußeren Verhältnisse, die eine stets wachsende Zahl junger Menschen zum Abfall drängen, ist jedoc'h die Frage für uns nicht erledigt. Mehr als der äußere Anlaß bedeuten uns die inneren Gründe, und da erkennen wir, daß diese Abfallsbewegung trotz ihres zahlenmäßigen Umfangs historisch betrachtet keine eigentliche Gefahr für den Bestand des Judentums, bedeutet. Die Assimilationsbestrebungen sind ja auch unter den östlichen Juden nicht von heute und gestern. In den vorwiegend polnischen Provinzen ist die Assimilation der durch Besitz oder Bildung ausgezeichneten oberen Klassen seit Jahrzehnten in vollem Gange und in den russischen Gegenden unterscheidet sich die Denkart der außerhalb des Ansiedlungsrayons zugelassenen bevorzugten jüdischen Schicht kaum von der Denkweise westeuropäischer Assimilanten. Die „Masse" freilich blieb jüdisch — aber wenn die intellektuelle Oberschicht zur Assimilation neigte, so mußte sich diese Tendenz allmählich auch auf die unteren Schichten übertragen. Denn es kommt für die Entwicklung einer Volksmasse nicht so sehr auf den augenblicklichen Zustand dieser Masse selbst an der oft nur ein dumpfes Verharren im Hergebrachten bedeutet als vielmehr auf die Tendenzen der führenden oder als führend geltenden Oberschicht, deren Geistesrichtung den unteren Klassen als Vorbild erscheint. In der Tat wurde die assimilatorische Tendenz in Osteuropa nicht nur durch die schlechte äußere Lage der Juden, sondern vor allem durch die Ideologie der Gebildeten gefördert. Alle Leiden der Gegenwart sollten durch den Sieg freiheitlicher Gedanken überwunden werden. Die Revolution sollte die Fesseln sprengen, die alle Völker des russischen Reiches zu Boden drückten und so strömte die edelste Jugend — jüdischer und christlicher Herkunft — dem revolutionären Heerlager zu. Die Erlöserstimmung, die schon seit vielen Jahren über allem Reden, Denken, Schreiben der Intellektuellen Rußlands lag, zog auch viele Juden in ihren Bann. Dadurch wurde die Assimilation ----- ähnlich wie im Deutschland des vorigen Jahrhunderts —- veredelt. Sie bedeutete nicht Verrat am Eigenen, sondern Hingabe an das Allgemeine, nicht Eintausch schnöden Gewinns, sondern Aufopferung im Dienste einer heiligen Sache, nicht würdeloses Untertauchen, sondern brüderliche Vereinigung mit allen Kämpfern für Recht und Freiheit. Das war der Grund, weshalb vielen Juden Rußlands der Zionismus als rückständig erschien und in der gebildeten Jugend verhältnismäßig wenig Boden fand. Heute stehen wir vor einer neuen Situation. Die russische Revolutionsbewegung ist nicht tot, aber sie hat andere Formen angenommen. Die heroische Stimmung ist dahin, die fortschrittlich gesinnten Elemente haben sich vorläufig unter die Faust der Bürokratie gedruckt. Sie erhoffen alles weitere von der „allmählichen Entwicklung", und damit sind die Gedanken der Jugend aus der Richtung gelenkt, die sie viele Jahre hindurch magnetisch anzog. Hier blüht eine Hoffnung. Es wäre seltsam, wenn jetzt, nach der allgemeinen Ernüchterung und unter dem unerträglichen Druck der Judengesetzgebung, nicht das zionistische Ideal mit Macht die Herzen ergreifen und der verzweifelnden Jugend zum Trost werden sollte. In der Tat wächst in Rußland eine neue jüdische Generation heran, die sich aus den Wirren der Zeit zu ihrem Volke heimgefunden hat. Die Konferenz der Chowewe-Zion in Odessa hat - so versichern viele ihrer Teilnehmer dieses junge Geschlecht ans Licht gebracht Die Assimilationsbewegung wird nicht mehr vom Feuer der Idee belebt, sie ist jetzt Flucht, Abfall, Schwäche — wie in Westeuropa. Wie hier ist sie zum Geschäft, zum Ausweg aus einer Notlage geworden, aber sie hat nicht mehr die herzenbezwingende Kraft des Ideals. Deshalb brauchen wir die Tauf- und Abfalltendenzen — obwohl wir sie bekämpfen müssen — nicht allzusehr zu fürchten. Hier wie dort vollzieht sich der Prozeß der Auslese, hier wie dort wird die Assimilation zahlreiche Opfer fordern — sie wird aber nirgends mehr als Inbegriff des Fortschritts erscheinen. Wo die Juden zu einer ge-