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Die Welt · 1912-10-18 · 42 (18.10.1912) · page 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
42 (18.10.1912)
Date
1912-10-18
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 42 DJE^ELT 1299 realen Verhältnissen zugeschnittenen Programm aus, die anderen möchten alle ihre Herzenswünsche wenn nicht morgen, so doch spätestens übermorgen verwirklicht sehen und überhäufen deshalb den künftigen Verband schon jetzt mit einem so gewaltig umfang- und inhaltsreichen Programm, daß er zu ersticken droht. Der Standpunkt der absoluten Neinsager ist — hinfällig. Welche Rolle die akademische Jugend in den Regenerationsbestrebungen ihrer Nationen gespielt hat und heute bei den slavischen Völkern noch spielt, das erhellt aus der Geschichte des vorigen und laufenden Jahrhunderts. Aus der Geschichte sollten wir doch etwas gelernt haben. Historia magistra vitae! Organisation - ist die bestmöglichste Exploitationsform von Menschenkraft und Energie. Eine Organisation ist mehr als die arithmetische Summe der einzelnen Bestandteile. Sie beweist tagtäglich, daß 2 -f- 2 5 sind; in diesem arithmetischen Fehler liegt das Geheimnis ihrer Macht. Das bißchen Administration und „Würdehascherci" müssen wir mit in den Kauf nehmen. Administration ist hier nicht Selbstzweck, sondern Mittel, Würdehascherei — nicht die Triebfeder, sondern Begleiterscheinung des Pflichtgefühles. Wir, die jüdische Jugend, haben aber besonderen Grund, uns zu organisieren. Wir sind eine in entlegene Glieder zerrissene Kette. Wir müssen wieder eine - - ganze Kette \v c r d e n. Der einzige Resonanzboden, auf dem wir uns telepathisch verstehen und finden -- , ist unsere gemeinsame, zionistische Betätigung. Nichtsdestoweniger stehen wir uns im Grunde genommen — fremd, und — ich will es wagen — nicht selten mit einer instinktiven Abneigung gegenüber. Der zionistische Bursch aus Berlin kann sich oft, trotz der Einheitsparole, mit seinem galizischen Kommilitonen nicht eins fühlen, weil er einen anderen Typus darstellt, weil seine Betätigung^ a r t von der seines galizischen Kollegen und Bundesbruders abweicht. Fremdanmutende, gegenseitige Zurückhaltung ist die Folge davon. Die wenigen Keime jüdischnationaler Kultur, die der Zionismus in den 10—15 Jahren in unsere Seelen zu streuen vermochte, können (oder konnten bis nun) nicht in die Halme schießen: sie ersticken unter dem Drucke grundverschiedener, fremder, kultureller und sozialpolitischer Einflüsse. Wir müssen den fremden Schutt wegräumen. Wir müssen uns mit aller Gewalt und Willenskraft aufraffen und Möglichkeiten schaffen, die kantigen, schroffen Gegensätze aufzuheben, unsere zionistische Betätigung zu vertiefen und — soweit möglich —- zu vereinheitlichen, durch persönliche Berührung und Meinungsaustausch einander näherzurücken. Ein Weltverband bietet diese Möglichkeit: ist nicht alles heute möglich, der Grundstein muß und soll schon heute gelegt werden. Da kommen aber die anderen und sagen: Nein! Ein Weltverband sei heute verfrüht. Die große Masse zionistischer Studenten ist für die Sache noch nicht gewonnen, da und dort sind noch keine Landesverbände vorhanden. Wollen wir die Sache näher betrachten. Welche sind die Vorbedingungen., die objektiven und subjektiven, eines Weltverbandes? Ad a) Die objektiven: Zahlenmäßige Stärke und Organisation. Es gibt — soweit ich weiß — keine Universität, die (insofern sie überhaupt von Juden frequentiert wird) keine zionistische Verbindung oder wenigstens nichtorganisierte zionistische Studenten hätte. Es gibt Städte mit hunderten zionistischer Studenten (Wien, Berlin, Czemowitz, Lemberg, Krakau, Breslau (?)). lieber die Zahl verfügen wir zur Genüge. Das Fehlen der Landesverbände ist eine Lücke, aber keinesfalls ein impedimentum dirimens. Neben Deutschland, das ein K. Z. V. besitzt, ist in Lemberg, Wien, Czemowitz*) ein Substrat eines Landesverbandes in Form eines gemeinsamen Repräsentations-Ausschusses vorhanden. Der Weltverband müßte provisorisch auf kombinierter Basis organisiert werden: er wäre ein System der Landesverbände und -Vereine (dort, wo und solange keine Landesverbände existieren). Technisch ist das ein Hindernis; ein Verband könnte aber auch hier Wandel schaffen und das Organisieren der Landesverbände beschleunigen. Ad b) Das. subjektive Bedürfnis nach einem Verbände ist zurzeit schwach. Darauf habe ich schon am Eingange hingewiesen. Der Organisation soll das Organisationsbedürfnis verausgehen. Das ist richtig. Aber doch nur bis zu einem gewissen Grade. Sobald dieser erreicht ist, dreht sich der Spieß um: die Organisation erzeugt das Bedürfnis, vertieft es rüttelt die Apathischen auf, wird zur treibenden Kraft. Haben wir diesen Grad erreicht, bekunden wir dieses Minimum der - „Verbandsreife"? Ich glaube die Frage mit Recht bejahen zu dürfen. Die Studentenkonferenz zur Zeit des X. Kongresses in Basel, die überall zerstreuten, eifrigen Verfechter der Verbandsidee, der Umstand, daß manche, wenn auch „nur wenige Studentenvereine und Organisationen mit Prof. Orn stein in Verbindung stehen4', sind genügende Beweise für das Vorhandensein des erwähnten Minimums. Ich sage: „Minimum44. Damit sei die Richtschnur und die Grenze für das jetzt realisierbare Programm gegeben. Dieses vorzuschlagen wird Pflicht des Vorbereitungskomitees sein. Meiner Ansicht nach soll das Minimalprogramm aus zwei Teilen bestehen: den allgemeinen bindenden Beschlüssen, und Resolutionen in Form fakultativer Beschlüsse. Die letzteren würden eine Brücke zur Erweiterung, ein Substrat zum Ausbau der ersten bedeuten. Genaue Kenntnis der realen Arbeits- und Kampfbedingungeu in den einzelnen Verbandsländern ist die erste Voraussetzung einer treffenden Schichtung dieser Beschlüsse oder Vorschläge. Das Vorbereitungskomitee wird nicht wenig Arbeit haben. Ich würde vorschlagen: Allgemein bindende Beschlüsse: a) Kampf um Anerkennung der jüdischen Nationalität an den Universitäten; b) Agitation; c) Kenntnis jüdischer Geschichte; d) periodische Arbeitsberichte an das Zentralkomitee; e) Initiative und Kontrolle der Zentralkomitees; f) Kongreß. Fakultative Beschlüsse: a) hebräische Sprache; b) Palästinaausflüge; c) Palästinakenntnis; d) Turnen. Und zum Schluß noch einiges, das Vorbereitungskomitee betreffend: 1. Die zionistischen Studentenvereine Wiens*'1') wählen eine 9—11 gliedriges Vorbereitungskomitee imit Prof. Ornstein als Ehrenpräsident an der Spitze. 2. Die Adresse des Vorbereitungskomitees wird spätestens bis Ende Oktober in allen Parteizeitungen bekanntgegeben. 3. Die zionistischen Verbindungen, wo immer sie sich *) Möglicherweise auch anderswo. **) Die Berner Kollegen mögen mir nicht böse sein. Ich schlage Wien vor, weil sich diese Stadt zur Vorbereitung unserer gemeinsamen Sache am besten eignet. Der Ruhm und die Ehre, die Initiative ergriffen zu haben, bleibt eine unanfechtbare Tat unserer Berner Bundesbrüder.

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