Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 42 (18.10.1912)
- Date
- 1912-10-18
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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man ein paar Sätze aus Delitzschs Broschüre herausnimmt und sie lächerlich macht. Es gehört keine Prophetengabe dazu, um vorauszusehen, daß dieser „Mahnruf an das deutsche Volk" trotz seiner lauten Sprache ungehört verhallen wird. Es gibt auch eine stille Apologetik, die vielleicht wirksamer ist. In der Sammlung Göschen sind von Rabb. Dr. S. Funk „Talmudproben" erschienen,3) die für jenes so oft gelästerte Werk besser eintreten, als eine noch so beredte Verteidigungsschrift, gerade deshalb, weil sie nicht verteidigen, sondern für das merkwürdige Buch Interesse erregen wollen. Es ist keine Blumenlese, die hier gegeben wird, sondern eine Auswahl aus allen Gebieten. Neben der Aggada kommt auch die Halacha zu ihrem Recht. Nicht nur religiöse Lehren unu Sittensprüche, sondern auch Fabeln und Legenden werden erzählt, Astronomisches und Astrologisches wird besprochen und der Laie bekommt ein Bild von der unendlichen Vielseitigkeit des Talmud. Nur der Historiker kommt nicht ganz auf seine Rechnung. Die Geschichte von Alexander dem Großen und Simon dem Gerechten gehört unter die Legenden, nicht unter „Historisches", bei der Erzählung von Alexander Jannai und Simon ben Schetach hätte doch wenigstens erwähnt werden müssen, daß Josephus dasselbe in weniger sagenhafter Form von Hyrkan II., Herodes und Sameas (Schemaja) berichtet. Auch die Geschichte der Tradition, die Funk in dem Teile „Halacha" unterbringt, ist in ihren älteren Partien traditionsgetreu dargestellt, aber einer kritischen Betrachtungsweise halten diese Anschauungen, die der Verfasser bereits in seiner Entstehung des Talmud vorgetragen hat, nicht stand. Die Epoche der Soferim, aus der wir nichts wissen, ist hier durch einen Midrasch und einige Halachoth ausgefüllt, die zwar alt sein mögen, aber keinesfalls in diese Zeit hinaufreichen. Ausgeschlossen ist es, daß die Tempelbeamten, deren Namen man im Gedächtnis bewahrte, zur Zeit des Pomp-ejus und nicht vielmehr kurz vor der Zerstörung Jerusalems gelebt haben sollen, und auch manches andere aus der Entstehungsgeschichte der Mischna ist mehr als zweifelhaft. Mit dieser einen Einschränkung kann man das Büchlein allen denen, die sich in kurzer Zeit und ohne Mühe ein Bild vom Talmud machen wollen, nur warm empfehlen. Man kann die rabbinische Tradition in ihren ältesten Bestandteilen bezweifeln, aber man darf auch hierin nicht zu weit gehen. Daß die Mischna, das älteste rabbinische Gesetzbuch, ungefähr in der Form, wie wir sie heute besitzen, am Ende des zweiten nachchristlichen Jahrhunderts von R. Jehuda Hanassi zusammengestellt wurde, und die Ergänzungen dazu, die wir unter dem Namen Toßephta kennen, erst einer späteren Zeit angehören, daran ist nicht zu rütteln. Nur Zuckermandel ist anderer Ansicht. In seinem Werke: „Tosefta, Mischna und Baraita in ihrem Verhältnis zueinander" suchte er noch einmal seine alte These zu beweisen, daß das wirkliche Werk Jehuda Hanassis weit umfangreicher gewesen sei, hauptsächlich die Toßephta umfaßt habe und daß erst die babylonischen Amoräer ihren eigenen halachischen Ansichten gemäß aus diesem Werke die Mischna herausgeschnitten hätten. Eine revolutionäre Idee, aber ohne Zukunft. Die Unnahbarkeit dieser Ansicht weist der Rektor der Wiener israelitisch-theologischen Lehranstalt in dem letzten Jahresbericht dieses Instituts 4) so nach, daß wohl nur wenige 3) Leipzig, G. J. Göschensche Verlagshandlung, 1912. 4) XIX. Jahresbericht der Israelitisch-Theologischen Lehranstalt in Wien für das Schuljahr 1911/12. Voran geht: Die Tosifta des Traktates Nesikin Baba Kama, geordnet und kommentiert. Mit einer Einleitung: Das Verhältnis der Tosifta zur Mischnah. Von Rektor Prof, Dr. Adolf Schwarz. Wien, 1912. noch Zweifeln werden. Die eigene Ansicht von Schwarz über das Verhältnis von Mischna und Toßephta kann hier nicht erörtert werden. In die Feinheiten dieser Forschungen dringen die christlichen Forscher, die sich mit diesem Gebiete beschäftigen und ganz andere Interessen im Auge haben, natürlich nicht ein. Wenn sie die Mischna behandeln, so wollen sie in erster Linie Parallelen zum neuen Testament finden. Man braucht nur an das letzte Abendmahl Jesu zu denken, um zu verstehen, daß der Mischnatraktat Pessachim, den Prof. H. Strack im vorigen Jahre herausgegeben hat,5) ihre Aufmerksamkeit besonders in Anspruch nehmen kann. Der Wert der neuen Ausgabe besteht hauptsächlich in dem sorgfältig nach Handschriften und alten Drucken besorgten Text. Die Uebersetzung ist sachgemäß, die Erläuterungen gut, knapp und klar, nur in wenigen Einzelheiten gehen sie fehl. Eine Uebersetzung der Pessachaggada, die sich daran anschließt, wird ebenfalls manchem christlichen Gelehrten willkommen sein. Während Strack nur einzelne Mischnatraktate übersetzt und erläutert hat, haben sich in der letzten Zeit christliche Gelehrte zusammengetan, um das ganze Werk zu übersetzen und zu kommentieren. Der Prospekt versprach nicht das Beste und wurde von jüdischer Seite einer scharfen Kritik unterzogen. Aber was wollen wir? Vor einem Vierteljahrhundert haben auch Juden angefangen, die Mischna ins Deutsche zu übersetzen und zu kommentieren, und der Erfolg —? Nicht die Hälfte des Werkes, das noch dazu in seinen einzelnen Teilen sehr verschieden zu bewerten ist, ist erschienen. Statt den christlichen Gelehrten von vornherein das jüdische Material in guter Form vorzuführen, bietet man ihnen nichts und wundert sich, wenn sie es dann selbst endlich, wenn auch schlechter, so doch überhaupt machen. Positive Arbeit zur rechten Zeit würde uns viel Apologetik ersparen. Was liegt nun eigentlich allen diesen Untersuchungen über Mischna, Toßephta und Talmud, mit denen sich die Gelehrten so viel beschäftigen, zu Grunde? Haben alle diese Fragen irgendwelche tiefere, weitgehendere Bedeutung? Sicherlich ja! Im Grunde genommen handelt es sich überall um das jüdische Gesetz, diesen wichtigsten Faktor der jüdischen Kultur. Man weiß, wie scharf sich das paulinische Christentum gegen das jüdische Gesetz gewandt hat und wie die moderne protestantische Theologie ihre Hauptaufgabe darin sieht, die Minderwertigkeit des Gesetzes gegenüber der Religion der Liebe mit allen Mitteln darzutun. Es ist deshalb eine dankenswerte Aufgabe, wenn in dem Jahresbericht des Rabbinerseminars zu Berlin Dr. J. Wohlgemuth die Frage aufwirft, wie das jüdische Religionsgesetz in jüdischer Beleuchtung sich ausnimmt.6) Zweierlei müssen wir dem Autor allerdings konzedieren, um ihm gerecht zu werden. Er sieht in dem Gesetz ein R e 1 i g i o n s gesetz. Gewiß empfindet er viel zu sehr echt jüdisch, um etwa die nationale Seite ganz zu bestreiten, aber der Zweck des Gesetzes ist nach ihm nicht die Erhaltung des Volkes, sondern die Erziehung des Volkes zu einem übernationalen Ideal. Und eng damit zusammen hängt ein anderes. Das Gesetz ist ihm nicht das Produkt der Volksentwioklung, sondern als eine Einheit von einem göttlichen Gesetzgeber geoffenbart. So kann denn der Verfasser, nach- 5) Pesahim. Der Misnatraktat Passafest. Mit Berücksichtigung des N. T. und der jetzigen Passafeier der Juden. Nach Handschriften und alten Drucken herausgegeben, übersetzt und erläutert von Prof. D. Dr. Hermann L. Strack. Leipzig. J. C. Hinrichssche Buchhandlung, 1911. 6) Jahresbericht des Rabbiner-Seminars zu Berlin für 1910/11 (5671), erstattet vom Kuratorium. Voran geht eine wissenschaftliche Arbeit von Dr. J. Wohlgemuth: Das jüdische Religionsgesetz in jüdischer Beleuchtung. Heft 1. Berlin, 1912.