Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 42 (18.10.1912)
- Date
- 1912-10-18
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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dung: „Zu klein", um ganze Familien in das Elend des osteuropäischen Ghettos zurückzustoßen. Bedarf es neben diesem Gesetz mit so fast unverhüllter Absicht noch eines Beweises für das Vorhandensein einer amerikanischen Judenfrage? In welchen Gestalten dieses Problem innerhalb der jüdischen Kreise seine Existenz verrät, dafür möge zum Schluß ein kleines typisches Ereignis als Beispiel dienen: Während des 2. Neujahrsfeiertages kam es in einer fast ausschließlich von Juden bewohnten Straße auf der Ostseite zu einem groben Exzeß. Vor der Tür einer dort gelegenen Synagoge erschienen nämlich, während drinnen der Gottesdienst im Gange war, drei jüdische Hausierer mit ihren Handwagen und versuchten Geschäfte zu machen. Als einige hierüber empörte Synagogenbesucher ihnen Vorwürfe machten, kam es zu einer regelrechten Schlägerei, der erst einige Polizisten ein Ende machen konnten. Als einzige Entschuldigung gaben die arretierten Händler auf der Polizeiwache an, daß sie den ersten Feiertag gehalten hätten und glaubten ihrer religiösen Pflicht damit Genüge getan zu haben. Im Vergleich zu den vorigen, weite Kreise in das öffentliehe Leben ziehenden Ereignissen der letzten Zeit erscheint dieses kleine Vorkommnis bedeutungslos. Wer aber weiß, daß an jedem Tage tausend aus dem gleichen Geiste geborene Dinge geschehen, der kennt die furchtbar drohende Bedeutung dieser kleinen Geschehnisse, der erkennt, daß der Wurm der Demoralisation mit erschreckendem Eifer am Herzen des amerikanischen Judentums nagt. Welche Gestalt dieses angekränkelte Judentum in seinem Verfall annehmen, wie lange es sich noch halten, in welche Bestandteile es sich auflösen wird, das freilich vermag niemand zu sagen. Jüdisch-wissenschaftliche Neuerscheinungen Von Dr. Rudolf Leszynsky. Eigenartig und unnatürlich wie die Lebensbedingungen des Judentums im Golus überhaupt sind die Verhältnisse, unter denen die jüdische Wissenschaft sich weiter entwickelt. Die Gleichberechtigung ist ihr versagt, die Universitäten wrerden ihr verschlossen. Die wenigen Seminarien müssen ihr Hauptaugenmerk auf die praktische Ausbildung der Rabbinen richten, die Rabbiner selbst haben mit Amtspflichten in Synagoge und Schule genug zu tun. Es ist fast ein Wunder, daß trotzdem eine jüdische Wissenschaft überhaupt noch existiert. Aus diesen unerquicklichen Zuständen resultieren nun wieder zwei Tatsachen, die man vom Standpunkt des Juden aus nur mit Bedauern feststellen kann. Auf der einen Seite bemächtigen sich christliche Gelehrte in immer weiterem Umfange der Wissensgebiete, für die die Juden prädestiniert erscheinen, und die Juden selbst werden, fast gegen ihren Willen, beinahe überall in die Apologetik hineingedrängt. Und wenn man ihnen selbst die nehmen wird, so weiß ich nicht mehr, womit sich die jüdischen Forscher dann noch beschäftigen werden. Und dazu scheint es fast zu kommen. In alter Zeit haben die Christen, besonders die frommen Theologen, das Judentum geschmäht und bekämpft. Hatten wir einmal Verteidiger, dann waren es die Antiklerikalen, die Aufklärer. Heute ist es umgekehrt. Die erbittertsten Gegner des Judentums sitzen in den Reihen der Liberalen, der Freidenker, während die frommen, gläubigen Christen anfangen, unsere Religion, die doch nun einmal die Mutter des Christentums war, zu verteidigen. Vor mir liegt ein Buch, betitelt ,,Das Judentum" von Dr. J. Weigl.1) Wenn man es nicht gelesen hat, sollte man es nicht für möglich halten. In jahrelangem Studium hat sich der Verfasser, ein gläubiger katholischer Arzt, in die Schriften des Judentums vertieft und hat die fremden Gedanken und Menschen kennen gelernt. Was er da gesehen und gelesen hat, hat ihn tief ergriffen. Nun steht er vor einem Rätsel. Die Bekenner dieser edlen Religion werden allenthalben gehaßt und verfolgt. Weshalb denn? Eine Antwort findet er nicht. Er stellt das Judentum dar, wie es ihm erscheint, seine geschichtliche Entwicklung (streng nach der Tradition), seine Religion (d. h. seine Ethik), die Quellen seiner Religion (Bibel, Talmud und rabbinisches Schrifttum), seine Zeitrechnung, seine Feste und sein Ritualgesetz -- und siehe, alles ist gut, und *) Berlin 1911. J. Guttentag, Verlagsbuchhandlung, G. m. b. H. zornig wirft der Verfasser den Christen ihr Unrecht vor und geißelt die Verbrechen, die sie am Judentum begingen. — Man liebt den Verfasser und sein Buch, wenn man das alles liest, trotz aller der großen und kleinen Fehler, die ihm in der Darstellung unterlaufen und wohl ja auch unterlaufen müssen, weil er kein Jude von Geburt und kein Geschichtsschreiber von Beruf ist. Wollte Gott, die Päpste wären immer so judenfreundlich gewesen, wie er als frommer Katholrk es meint! Und wäre doch alles im Judentum so ideal, wie es in den jüdischen Werken, die der Verfasser benutzte, dargestellt ist! Das ist kein Vorwurf für das Buch, das selbst ideal gedacht, auch nur Ideale schildert und als Kulturdo'kument in unserer wenig ideal gesinnten Zeit hohes Interesse verdient In der zweiten Auflage, die dem Buche bevorstehen soll, werden diese Fehler wohl verschwinden. Aber bei aller verdienten Anerkennung: Hat der Verfasser das Judentum überhaupt verstanden? Nein und tausendmal nein! Wer das Nationale im Judentum nicht kennt, wer die jüdische Rasse für eine böswillige Erfindung der Antisemiten hält, der hat nur eine Seite vom Judentum gesehen, aber nicht das Ganze — mag er nun Jude oder Christ sein. So sehr wir im übrigen die Ausführungen im letzten Abschnitt des Buches über Judentum und Staat anerkennen — das jüdische Volkstum wird durch die Staatsangehörigkeit des Juden nicht berührt. Und währenc' der Verfasser im Anhang recht kurz und summarisch von dei Sprachen der Juden redet, entfährt ihm unbewußt auch ein mal der Ausdruck „Volkspoesie", und vielleicht bringt ihi dieser Anhang, der unvermittelt als etwas Fremdartiges in da Buch über die jüdische Religion hineinragt, dazu, über da Wesen des Judentums noch weiter zu forschen. Ein anderer Apologet ist dem Judentum in Dr. Hermani Klüger entstanden, der sich in seiner Broschüre „Friedricl Delitzsch, der Apostel der neubabylonischen Religion"2) ziem lieh verspätet in dem Bibel-Babel-Streite zu Worte meldet Dem aufreizenden Titel entspricht der Inhalt. Es sind seiner zeit ja eine ganze Reihe von Schriften erschienen, die dk viel zu weit gehenden Behauptungen Delitzschs auf das rechti Maß beschränkten und in Einzelheiten korrigierten. Nacl Klüger begingen sie alle den Fehler, ,,diesen Mann ernst zi nehmen", der ja nur ein ,,Ignorant" ist. Ich fürchte aber, daß diese Streitschrift erst recht von niemandem ernst gc nommen wird. Was gut und richtig in ihr ist, das ist schoi besser und vornehmer gesagt worden. Es nützt wenig, wem 2) Leipzig, Krüger & Co., 1912.