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Die Welt · 1912-10-18 · 42 (18.10.1912) · page 7

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Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
42 (18.10.1912)
Date
1912-10-18
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 42 ankommen, welche Lösung" die Frage der Pässe für jüdische Reisende in diesem neuen Vertrage finden wird. Im innerpolitischen Leben steht augenblicklich die Persönlichkeit von Oscar S, St raus, dem Gouverneurskandidaten der progressiven Partei, im Brennpunkt des Interesses. Straus erhielt dieser Tage vom Senator Newcomb aus Saratoga ein Telegramm mit der Anfrage, ob er bereit sein würde, die Nomination für das Gouverneursamt zum republikanischen Staatskonvent .anzunehmen. Diese Anfrage hat Straus durch ein Telegramm folgenden Wortlauts abgelehnt: „Ich kann von keiner Partei eine Nomination annehmen, wenn deren Plattform in irgendeinem wesentlichen Punkt von der Plattform abweicht, auf der ich nominiert wurde, und auf der ich stehe. Ich bin nicht, wie Ihr Telegramm anzudeuten scheint, darauf aus, eine politische Maschine aufzubauen, sondern ich bin sehr interessiert an den großen Prinzipien der progressiven Partei. Sie sind für mich von unendlich viel größerer Bedeutung als mein persönlicher Erfolg bei der Wahl. Oscar S. Straus Jeder Kenner jüdischer Verhältnisse im Dollarlande weiß, daß eine derartige Parteifrage nicht die persönliche Angelegenheit eines zufällig jüdischen Politikers ist, sondern daß die Zugehörigkeit eines so prominenten jüdischen Staatsbürgers zu dieser oder jener Partei durch das Solidaritätsgefühl innerhalb der jüdischen Wählermasse, die von einem Stammesgenossen eine Vertretung der Stammesinteressen erwarten, auch gleich zu einer Frage von speziell jüdischem Interesse wird. Tatsächlich wird diese Aufstellung von Straus als Kandidat überhaupt als eine Konzession an die Forderungen der jüdischen Staatsbevölkerung aufgefaßt. Daß es innerhalb der kommunalen Verwaltung Judenfragen gibt, die sich offiziell gar nicht als solche repräsentieren, sondern inur praktisch Fragen von fast ausschließlich jüdischem Interesse bilden, bewiesen einige kürzlich stattgehabte Magistratsverhandlungen. Seit geraumer Zeit nämlich hat sich die New Yorker Stadtverwaltung mit der Frage beschäftigt, wie man dem Straßenhandel mittelst Schubkarren und Verkaufsständen, der fast ausschließlich von Juden und vorwiegend in jüdischen Stadtgegenden betrieben wird, abhelfen könne. Während einerseits dieser Straßenhandel vom Standpunkt des öffentlichen Verkehrs sowie der Hygiene höchst gefährlich ist, konnte man andererseits nicht einer nach Tausenden zählenden Schar von Existenzen ihre euv zige Erwerbsmöglichkeit nehmen. Dieses Problem ist nun durch die vereinigten jüdischen Wohltätigkeitsinstitute befriedigend gelöst worden, indem diese den Magistrat zur Errichtung öffentlicher Märkte aufgefordert haben, wo Händlern ohne Geschäftslokal fast die gleichen Verkaufschancen geboten werden wie bei dem System der Straßenkarren. Weitere enge Beziehungen zwischen amerikanischen Bürger- und jüdischen Sonderangelegenheiten waren ferner bei dem schon früher erörterten Fall Rosenthal zutage getreten. Im Anschluß an die starke Beteiligung jüdischer Verbrecher an diesem Mord- und Spieler-Skandal und auf die Angriffe hin, die Bürgermeister Gaynor gegen die „degenerierten Ausländer" (lies: Juden) erhob, hat der hiesige jüdische Gemeindebund ein Zentralbureau und verschiedene Zweigbureaus für die Sammlung von Beweismaterial gegen Polizisten, die mit Verbrechern im Bunde stehen, eingerichtet! — Ohne hier ausführlich auf die betreffenden Verhältnisse eingehen zu können, sei darauf hingewiesen, wie unendlich wichtig es ist, daß die Juden, die häufig aus Ländern mit korrumpierter Beamtenschaft stammen, nicht durch einen ähnlichen Zustand im „Lande der Freiheit'' demoralisiert werden. 1295 Eine ähnliche Kollision von behördlichen und jüdischen Interessen hat sich in der Woche der hohen Feiertage ergeben. Nachdem nämlich die Einwanderungsbehörde ausdrücklich erklärt hatte, daß während der Rosch- Hasehanah-Tage von der Einwanderung ausgeschlossene Juden nicht deportiert werden sollten, mußte sie schließlich doch 7 Juden am Neujahrstage zurückschicken, da diese sonst das noch schlimmere Schicksal hätten tragen müssen, zwei volle Wochen im Einwanderungskarzer zu bleiben. Für die während der hohen Feiertage zurückgehaltenen Einwanderer auf Ellis Island — 195 an der Zahl —, die teils zurückgewiesen waren, teils noch auf Entscheidung warteten, wurde ein Raum zur Abhaltung eines Gottesdienstes eingerichtet. — Die Befreiung jüdischer Beamten an Staats- und privaten Instituten vom Dienst während der Feiertage ist der Kehillah und ihrem Leiter, unserem Gesinnungsgenossen Dr. M a g n e s, zu danken. Ein interessantes Licht auf die Stellung der jüdischen Bevölkerung zu ihrer Umgebung wirft es, wenn man beobachtet, wie die beiden größten deutsch-amerikanischen Tageszeitungen, die sich durch den enormen Rückgang der deutschen Einwanderung und das Aufhören jeglicher deutschkulturellen Interessen in Amerika auf dem Aussterbe-Etat befinden, plötzlich die jüdische Bevölkerung umwerben, die ja fast durchweg deutsch versteht. Bald bringt die eine Zeitung eine Ghettogeschichte als Feuilleton, bald die andere ein „eingesandtes" Jomkippur-Gedicht — das aber dann auch danach ist. Kürzlich hat sich sogar in die Spalten des „Plaudenvinkels" der New Yorker Staatszeitung ein Reflex der „Kunstwart"-Debatte verirrt, indem ein jugendlicher Gesinnungsgenosse das Thema „Zionismus" aufgerollt hat. An einer anderen Stelle des Blattes erörtert und mit mehr Sachlichkeit behandelt, könnten derartige Ausführungen durch das Organ einer deutsch-amerikanischen Zeitung zweifellos an Stellen gelangen, weldhe die Sache wirklich etwas angeht. Uebrigens können es gerade die deutschen Zeitungen, die man in Amerika allgemein als Vertreter des Antisemitismus kennt, trotz ihrer Abonnentenfangsmanöver doch nicht lassen, allenthalben wieder den antisemitischen Pferdefuß herauszustrecken. Daß selbst internste jüdische Angelegenheiten nicht ,,en farnille" erledigt werden können, sondern zu amerikanischen Bürger-Angelegenheiten werden, erwies sich z. B. auch bei der Eröffnung eines jüdischen Nationaltheaters, welches dieser Tage eingeweiht wurde. Unter den Gästen der Eröffnungsvorstellung befanden sich nämlich nicht allein hervorragende jüdische Persönlichkeiten, sondern auch christliche Staatsmänner, Politiker und Publizisten, Roosevelt und Ex-Gouverneur Dix hatten Begrüßungstelegramme gesandt. Tatsächlich ist ja auch die Eröffnung des Theaters, das mit seinen acht Stockwerken und 25ÖÜ Sitzplätzen zu einein der größten der Stadt gehört, ein munizipales Ereignis von weitreichender Bedeutung. Wenn aus den bisher angeführten Beziehungen zwischen Juden und Amerikanern oder amerikanischen Behörden mehr der aktive Einfluß der jüdisch-amerikanischen Bevölkerung hervorging, so sei im folgenden den Leugnern eines Judenproblems auf dem Boden der Vereinigten Staaten das neueste Schreckenswort entgegengehalten, mit dem die Immigrationsbehörde schutzsuchende Einwanderer fernzuhalten strebt und das in seiner praktischen Anwendung gerade für Tausende von osteuropäischen Juden eine Obdachsverweigerung bedeutet. Dieses Wort heißt: „undersized" —- zu klein! Wenn keinerlei Grund vorhanden scheint, um die nun einmal längst unerwünschten jüdischen Einlaßsucher abzuweisen, wenn moralische und physische Qualitäten, Vermögen und alles Sonstige eine Zulassung zur Einwanderung gestatten, so bleibt dem Imigrationsgericht noch immer die neueste bequeme Begrün-

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