Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 42 (18.10.1912)
- Date
- 1912-10-18
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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nommen sind, werden genügen, um zu zeigen, wie die Steuer-\ zahlenden Väter jüdischer Schüler, denen, wenn es nötig ist, auch das Zahlen von Schulgeld nicht erspart bleibt, um ihr gutes Recht gebracht werden, wie wenig aber auch die „konfessionellen4' üegner des Nationaljudentuins ihr Recht auf religiöse Erziehung ihrer Kinder geltend machen. Die vergleichenden Ziffern werden sich ganz naturgemäß weniger mit der Gegenüberstellung der jüdischen Konfession mit der römisch-katholischeji Majorität befassen. Dagegen verlohnt es sich, die Zahl der Unterrichtsstunden der jüdisdien Religion mit denen der griechisch-katholischen Konfession zu vergleichen. Diese Konfession ist wegen des Bestandes von Mittelschulen mit ruthenischer Unterrichtssprache an polnischen Unterrichtsanstalten mit nur geringen Minoritäten vertreten, in den meisten Fällen mit viel weniger Schülern als die jüdische Konfession. Und hier zeigt es sich, wie ungleich die beiden Minoritäten bezüglich des Rechtes auf religiöse Erziehung ihrer Jugend behandelt werden. So hat das Gymnasium in Jaroslau 8 Stunden Religionsunterricht für 134 (-)- 13 Privatisten, also zusammen 147) jüdische Schüler gegen 16 Stunden für 101 griechisch-katholische Schüler; die Realschule daselbst 7 Stunden für 31 jüdische und 10 Stunden für 23 griechisch-katholische Schüler. Das Gymnasium in Jaslo: für 17 griechisch-katholische Schüler 10 Stunden, für 33 jüdische 2 Stunden. Das Gymnasium in Zloczöw: einen Professor in der VIII. Rangsklasse mit 16 Stunden für 151 griechisch-katholir sehe, dagegen einen Bürgerschullehrer mit 6 Stunden für 171 jüdische Schüler. Das Gymnasium in Przemysl: einen Professor in der VIII. Rangsklasse mit 16 Stunden für 58 griechisch-katholische gegen 8 Stunden für 225 jüdische Schüler. Das Gymnasium (mit 6 Klassen) in Trembowla: 14 Stunden für 116 griechisch-katholische gegen 6 Stunden für 115 jüdische Schüler. Das Gymnasium in Podgörze: zwei römisch-katholische Katecheten mit zusammen 30 Stunden für 335 Schüler gegen 8 Stunden für 115 jüdische Schüler. In Stryj: Für 239 römisch-katholische Schüler 22 Stunden; ebensoviele Stunden für 249 griechisch-katholische und bloß 11 Stunden für 206 jüdische Schüler. In Neu-Sandec haben die 43 griechisch-katholischen Schüler des I. Gymnasiums 13 wöchentliche Stunden. Die 35 jüdischen Schüler dieser Anstalt haben zusammen mit den 51 Schülern des dortigen II. Gymnasiums bloß 8 Stunden in der Woche. Czortköw hat ein Privatgymnasium mit 4 Klassen, das von einem Verein erhalten wird. Im Verwaltungsausschuß sitzt ein „Pole mosaischer Konfession" (natürlich unter 13 Christen!), und der Ausweis der Unterstützungen für die Schüler enthält die bei weitem größere Zahl jüdischer Spender. Und doch sind dort für 23 griechisch-katholische Schüler (-{- 7 Privatisten) 6 Stunden Religionsunterricht bestimmt, nicht weniger als für 61 (-f- 34 Privatisten zusammen 95) jüdische Schüler. Daß die Czortkower Juden diesem Privatgymnasium nicht gleichgültig gegenüberstehen, beweist auch die in der großen Synagoge abgehaltene patriotische Feier des 3. Mai, bei welcher der jüdische Religionslehrer eine Ansprache an die Schuljugend hielt. So viel „Patriotismus" und so wenig Bedacht auf das eigene Recht! In Tarnopol lag der Unterricht der jüdischen Religion in den Händen eines Mannes in 3 Mittelschulen mit zusammen 34 Stunden. Was kein einziger Katechet imstande ist, das brachte ein jüdischer Religionslehrer zuwege. Neben seinen pflichtgemäßen 14 Stunden an der Realschule unterrichtete rper 316 Schüler in 12 Stunden am I. Gymnasium und 294 Schüler am Ii. Gymnasium in 8 Stunden. In Lemberg unterrichteten beispielsweise an der I. Realschule 2 römisch-katholische Katecheten 343 Schüler in 30 Stunden, 35 griechisch-katholische Schüler dieser Anstalt haben 10 wöchentliche Unterrichtsstunden; am Franz-Joseph- Gymnasium haben 305 römisch-katholische Schüler 2 Lehrer mit 26 Stunden, 14 griechisch-katholische 5 Stunden; an der IL Realschule 425 Schüler 40 Stunden, 69 griechisch-katholische 14 Stunden, und in dem oben erwähnten Gymnasium in Przemysl haben 206 römisch-katholische Schüler z w e i Katecheten mit 30 Unterrichtsstunden — für die 610 jüdischen Schüler der beiden Tarno poler Gymnasien muß ein einziger Lehrer mit 20 Stunden ausreichen, überdies ein Lehrer, der anderwärts 14 Stunden in der Woche beschäftigt ist! Was bei einem solchen Religionsunterricht herauskommt, ist leicht zu begreifen. Unbegreiflich erscheint nur die Gleichgültigkeit der galizischen Väter, mit welcher sie ihr heiligstes Recht auf religiöse Erziehung zertreten lassen. Sache der Religionslehrer aber, unter denen ich viele idealgesinnte Männer kenne, wäre es, genaue Daten über diese Mißstände zu sammeln und der Oeffentlichkeit zu unterbreiten. Wenn der galizische Vertreter der jüdischen „Konfession" dagegen im Landesschulrat nicht ankämpfen mag, so sollten die jüdischen Väter beim Unterrichtsministerium ihr Recht suchen. Die Sache ist nicht weniger wichtig, als seinerzeit die galizische Schänkerdeputation. ... M. B e n d o w. Zur amerikanischen Judenfrage (Von unserem Berichterstatter.) New York. Wenn man hört, daß es hier in Amerika Leute gibt, die das Vorhandensein eines Judenproblems einfach leugnen, so möchte man voller Staunen den Kopf schütteln. Im Gegenteil, gerade auf einem Boden, wo Scharen jüdischer Einwanderer in ungeahnten Mengen zusammenfließen und die verschiedensten Kulturen, die Traditionen der mannigfachsten Herkunftsländer und selbst zahlreiche Variationen und Nuancen des jüdischen Ritus mit sich bringen, gerade hier bereitet sich ein fast überwältigend großes Judenproblem vor. Möge das Schicksal verhüten, daß erst irgendein so schreckliches Ereignis, wie es schon öfter in unserer Geschichte eintreten mußte, um die auseinanderstrebenden Glieder des Volkes wieder zu vereinen, die Ungläubigen in eindringlichster Weise von ihrem Irrwahn heilt. Gerade hier auch, wo Zahl, geistige und Kapitalskraft, sowie einzelne Persönlichkeiten im Judentum so stark sind, daß ihr Einfluß sich in allen Zweigen amerikanisch-sozialen und intern-jüdischen Lebens bemerkbar macht, wird dieses Problem so vielgestaltig und verworren, wie nirgends sonst auf der Welt. Einige Beispiele aus verschiedenen Interessenzentren werden das am besten beweisen: Auf dem Gebiete der äußeren Politik hat sich die Existenz einer Judenfrage bemerkbar gemacht, als Rußland seinen Handelsvertrag mit Amerika löste — bekanntlich als Antwort auf die Forderung der Bundesregierung —, daß amerikanischen Bürgern jüdischer Rasse keinerlei Paßbeschränkung auferlegt werden dürfe. Nunmehr scheint Rußland aber doch geneigt zu sein, den in 3 Monaten ablaufenden Handelsvertrag zu erneuern, und glaubwürdigen Nachrichten zufolge soll eine gemeinsame Kommission russischer und amerikaniV scher Politiker und Publizisten zusammentreten, um die Bedingungen eines neuen Vertrages zu vereinbaren. Auf die Zusammensetzung dieser Kommission wird es wahrscheinlich