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Die Welt · 1912-10-18 · 42 (18.10.1912) · page 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
42 (18.10.1912)
Date
1912-10-18
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Seelen verwaltet wird, dem jüdischen Volke zum Schaden, unseren Feinden zum Spott. Gegenwärtig besetzt das Häuflein Höchstbesteuerter ein D r i 11 e i l aller Vorstandsstellen, das sind 12 von 36 Mandaten. Da ferner der Minimalsteuersatz 20 Kronen beträgt (im Vergleiche zu anderen großen jüdischen Gemeinden ein ganz horrendes Minimum), gilt für diesen Verwaltungskörper das löbliche Motto: „Ohne Geld nichts — für Geld alles." Unser Programm fordert demgegenüber: Beseitigung der privilegierten Kurie und Einführung des allgemeinen, gleichen Wahlrechts, Vermehrung der Vorstandsmandate von 36 auf 48, Herabsetzung des Steuerminimums auf 5 Kronen. Von den übrigen Programmpunkten seien einige trocken hergezählt. Sie werfen ein so grelles Licht auf gegenwärtige Mißstände, daß wir darauf verzichten, sie zu kommentieren: Durchführung des Oeff entlich k ei tsprinzips im Gemeindeleben. Die Sitzungen des Vorstandes, der wie ein mittelalterliches Geheimkollegium tag-t und nur höchst selten wohlvorbereitete „öffentliche*4 Paradevorsteilungen in einem Lokale gibt, das kaum für 20 Zuhörer Raum bietet, sollen endlich öffentlich abgehalten werden, und den Wählern soll alljährlich ein Rechenschaftsbericht zugehen. Taxen für religiöse Funktionen von Gemeindeangestellten haben in die G e in e i n d e k a s s e n zu fließen und nicht — in die Taschen einzelner Funktionäre . . . . Lieferungen und Arbeiten für die Gemeinde sind im Konkurswege auszuschreiben, wie dies in allen Verwaltungskörpern der zivilisierten Menschheit seit geraumer Zeit geübt werden soll. Erfüllung der primitivsten Pflicht dieser großen und reichen Judengemeinde an der Scheide zwischen Ost und West gegenüber der jüdischen Wanderb ewegung durch endliche Errichtung eines Emigrationsamtes in Wien. Reform des Armenwesens durch vernünftige, moderne Dezentralisierung. Gründung einer jüdischen Geineinde-Spar- und Vorschußkasse und eines großzügigen Wohlfahrtsamtes („Arbeitsnachweis/4 „Handwerkerheim," „Dienstbotenschule"), da doch die Residenzgenieinde in der Abwehr der durch den Boykott bewirkten Pauperisierung ganz selbstverständlich die Initiative zu ergreifen hat. Das Programm, welches bereits allen Wählern zugemittelt wurde, nimmt natürlich auch zur Frage der geistig-sittlichen Volkshebung seitens der Gemeindeverwaltung Stellung und gipfelt in dem Satze: „Die israelitische Kultusgerneinde soll zur jüdischen Volksgemeinde werden und demnach die begonnene Aktion zur Erreichung einer öffentlich-rechtlichen Gesamt Organisation aller Kultusgemeinden Oesterreichs energisch fortsetzen, damit diese Organisation, als Verkörperung unserer Gesamtjudenschaft, deren Interessen wirksam nach innen und außen vertreten kann." Die christlichsoziale Hetze gegen die Türkei Das Organ der Wiener christlich-sozialen Antisemiten hetzt immer lauter zum Kriege gegen die Türkei. Die „Reichspost", die seinerzeit die jungtürkischen Reformbestrebungen mit Vorliebe als „Umtriebe jüdischer Freimaurer" bezeichnete, sucht die Balkanwirren aus rein konfessionellen Gegensätzen zu erklären, favorisiert immer unverhüllter die Rüstungen der Balkanstaaten und war in gehobener Stimmung über das „heroische Vorgehen des katholischen Montenegros", als es — ohne die Demarche der Mächte abzuwarten — gegen die Türkei losschlug. Die offiziöse österreichische Politik ist durchaus türkenfreundlich und daher den Christlichsozialen ein Dorn im Auge. Die „Reichspost" will der Welt weismachen, daß „das christliche Oesterreich durch die turkophile österreichische Regierungspolitik schwer getroffen werde", und daß es sich um einen unvermeidlichen Waffengang des „hart bedrängten Christentumes gegen die Ungläubigen" handle. Jüdischer Religionsunterricht in Galizien Liest man Berichte von einer Wahlbewegung in Galizien und hört man, welche Rolle das offizielle Judentum, vom Beizer Z a d d i k bis zum Drohobyczer Kultusgewaltigen Feuerstein, bei den dortigen Wahlen spielt und welche Dienste es, gegen den Willen des eigenen Volkes, der herrschenden Partei des Statthalters und des Landesausschusses leistet, so wäre man versucht zu glauben, daß dieses offizielle Judentum, das zwar von einer jüdischen „Nationalität" nichts wissen will, sich aber desto (krampfhafter an die „mosaische Konfession" klammert, bei den Landesbehörden alles vermag. Man wäre leicht zu glauben geneigt, daß dieses „konfessionelle" Judentum seinen Einfluß wenigstens dahin geltend zu machen verstehe, daß die religiösen Forderungen, zu denen es die Staatsgrundgesetze berechtigen, respektiert werden, daß die Normalien des Landesschulgesetzes auch in bezug auf den mosaischen Religionsunterricht ihre Geltung behalten. Hat doch die dortige Schulbehörde geruht, einem Vertreter der „mosaischen Konfession" Sitz und Stimme im Landesschulrat einzuräumen! Und dennoch würde man sich gewaltig irren. Ein Blick in das Jahrbuch für österreichische Mittelschulen genügt, um zu sehen, wie traurig es in diesem Kronlande mit der dichtesten jüdischen Bevölkerung um den jüdischen Religionsunterricht bestellt ist. Im ganzen Lande gibt es kaum zwei systemisierte Lehrstellen und kaum drei oder vier ad personam ernannte definitive Religionslehrer. An den übrigen Mittelschulen, mögen sie noch so viele jüdische Schüler haben, wirken seit vielen Jahren entweder unqualifizierte Volks- und Bürgerschullehrer oder auch sogenannte „Nebenlehrer", im besten Falle „Supplenten", die zwei bis drei Mittelschulen zusammenraffen müssen, um ihr knappes Auskommen zu finden. Dem jüdischen Religionsunterricht wird durch ein solches System unermeßlicher Schaden zugefügt, indem dieser Gegenstand, der in den Zeugnissen immer als erster ausgewiesen wird, zu einem argen Komödienspiel herabgewürdigt wird. Ja, an erster Stelle wird Religion klassifiziert — ganz im Sinne der Unterrichtsverwaltung, die sehr viel und mit stärkstem Nachdruck von „sittlich-religiöser Erziehung" spricht — und doch gibt es in Galizien viele Direktoren von Mittelschulen, die in ihren Jahresberichten den jüdischen Religionsunterricht unter den „nichtobligaten" Unterrichtsgegenständen aufzählen, und in den allermeisten Anstalten wird es geduldet, daß jüdischer Religionsunterricht je eine Stunde in der Woche erteilt wird, während die anderen Konfessionen mit je zwei Stunden für die Klasse, oder bei zusammengezogenen Klassen (wie es bei Konfessionen von geringer Schüierzahl der Fall ist) für jede Abteilung, nach dem Wortlaut des Lehrplanes bedacht werden. Einige vergleichende Zahlen, welche den Berichten galizischer Mittelschulen aus den letzten zwei Schuljahren ent-

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