Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 42 (18.10.1912)
- Date
- 1912-10-18
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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1292 DIE3§£ELT: Nr. 42 mung, selbstherrlich dem Kassierer und dem Gesamtvorstand Decharge. Bei den wichtigsten Abstimmungen wurde lediglich gefragt: Wer ist dagegen? — was offenbar bedeutet: Wer wagt es? Die Vorstands wähl ward mit 2 Worten abgetan und die zu bildenden Kommissionen erklärte der Vorsitzende, selbst ernennen zu wollen. Und niemand begehrt dagegen auf — auch ein Zeichen, mit welchem Ernst und selbständigem Interesse die liberale Judenlieit selbst die Aufgaben ihrer Vereinigung verfolgt. Dem entsprach auch im übrigen das ganze Bild des Delegiertentages. Bei 6000 Mitgliedern, von denen je 20 einen Delegierten entsenden dürfen und auch die Einzelmitglieder der Hauptvereinigung Sitz und Stimme haben, war es nicht gerade imposant, ganze 130 Vertreter des jüdischen Liberalismus zu einer mit solchem Applomb angekündigten Tagung versammelt zu sehen. Und was bei unseren Tagungen so das Herz jubeln macht: die Fülle von Jugend -- hier fehlte sie fast gänzlich. Schlimmer noch, daß die Indifferenz von jung und alt sich in der Zahl von ganzen 27 (Tasten beschämend enthüllte. Nein, nein, diese Leute haben wir gewiß nicht zu fürchten! Sie sollen uns nur kommen! Und sie wollen uns endlich kommen — wie es scheint. Nachdem die religiösen Fragen des liberalen Judentums mit aen feierlich bestatteten Richtlinien eigentlich ihren Abschluß gefunden haben, und da wohl ohnehin 95 der Mitglieder der Vereinigung durch die Erörterung religiöser Details herzlich gelangweilt sind, muß jetzt die liberale Vereinigung, um ihr Leben zu fristen, sich nach neuer Tätigkeit umsehen. Da soll nun der Zionismus herhalten. In der öffentlichen Versammlung ließ Flerr Justizrat Blau zunächst eine der sattsam bekannten hurrahpatriotischen Reden vom Stapel, um die Vaterlandslosigkeit der Zionisten am Feuerschein des angezündeten Scheiterhaufens um so heller erstrahlen zu lassen. Denn diese Zionisten sind ganz gefährliche Leute. Wir stoßen jetzt in allen Organisationen auf sie. Sie dringen selbst in den Deutsch-Israelitischen üemeindebund ein und drohen uns, unsere geliebte Alliance zu zerschlagen. Der Kampf gegen die Zionisten, die „alle ihre Gegner durch Demagogie einschüchtern", muß eine Aufgabe des liberalen Judentums sein. Aus der Fülle der teils salbungsvollen, teils konventionellflachen Reden verdient nur noch die des Herrn Rechtsanwalt Dr. Kaempfer - Posen hervorgehoben zu werden. Auch ihm hat es vor allem der Zionismus angetan, trotzdem er zugeben muß, daß es auch „einzelne anständige Leute unter den führenden Zionisten gibt". Ist es das Kriegsgeschrei oder die Zionistenangst, die dem Manne wirre Träume bereitet? Jedenfalls tat er die Aeußerung: „Wir wollen nicht, daß neben Montenegro ein Judenstaat auf dem Balkan entsteht, deshalb sind wir gegen den Zionismus!" Wir raten Herrn Kaempfer, sich zunächst einmal in einem ganz gewöhnlichen Schulatlas über die Entfernung Palästinas vom Balkan Klarheit zu verschaffen. Die noch wichtigere Klarheit über die ungeheuren national-politischen Vorteile selbst eines Gemeinwesens vom Range Montenegros gegenüber der Situation der Juden dürfen wir nicht hoffen, ihm beibringen zu können. Nur noch ein köstliches Zitat von ihm: „Die Zionisten verderben das Kolonisationswerk in Palästina." — Mit so trefflich in formierten Leuten wird sich gut kämpfen lassen. Sie mögen uns nur kommen! I s c h I w r i. Ministerpräsident Poincar€ und dli» Behandlung jüdischer Reisender in Ru ßland B'er I i n. Auf die von der französischen Menschenrechtsligcn an den Ministerpräsidenten Poincare gerichtete Aufforderung; er möge auf Grund der französisch-russischen Handelsverträge von 1874 und 1905 bei der russischen Regierung in der Angelegenheit der Pässe der französischen Juden intervenieren, erwiderte Ministerpräsident Poincare in einem eingehenden Schreiben, daß er eine derartige Intervention für unnütz und gegenstandslos ansehen müsse, da in dem Vertrage vom Jahre 1874 ausdrücklich erklärt werde, daß die Vertragsbestimmungen in keiner Weise die politischen und sonstigen Vorschriften bezüglich der Behandlung der Ausländer beeinträchtigen können. Uebrigens werde auch den katholischen Priestern nur durch besondere Ermächtigung seitens des russischen Ministeriums des Innern in Rußland Einlaß gewährt. So wünschenswert auch eine liberale Abänderung dieses Vorgehens wäre, so zeige doch der vollständige Mißerfolg, (?) den die Vereinigten Staaten von Nordamerika in der gleichen Angelegenheit erfahren haben, ganz unzweideutig, daß jede Intervention Frankreichs unangebracht wäre. * Wie wenig in Wirklichkeit von einem Mißerfolg der Bemühungen Amerikas zur Erlangung einer besseren Behandlung seiner jüdischen Bürger in Rußland die Rede sein kann, geht aus einem Bericht hervor, den die „Welt" von ihrem New Yorker Berichterstatter erhält. Danach hat der amerikanische Botschafter in Petersburg, Curtis G u i 1 d, Jr., der zurzeit in Washington auf Urlaub weilt, dem Präsidenten Taft vor kurzem über die Vorschläge der russischen Regierung betreffs der Erneuerung des gekündigten Handelsvertrags Bericht erstattet. Wie in gutinformierten, der Regierung nahestehenden amerikanischen Blättern versichert wird, sind die bisher mündlich gepflogenen Verhandlungen des Botschafters mit den zuständigen russischen Stellen soweit gediehen, daß demnächst zu einer schriftlichen Weiterbehandlung der Angelegenheit vorgegangen werden soll. Nach den Gepflogenheiten der russischen Diplomatie finden nämlich derartige schriftliche Unterhandlungen erst statt, nachdem im mündlichen Meinungsaustausch eine gewisse Annäherung zwischen den beiderseitigen Standpunkten erzielt worden ist. Jedenfalls hat, wie in gurunterrichteten politischen Kreisen Amerikas verlautet, Rußland seine Bereitwilligkeit ausgesprochen, die amerikanischen Wünsche in Erwägung zu ziehen und die Erneuerung des Handelsvertrages auf neuer Grundlage anzustreben. Nun ist es vollkommen ausgeschlossen, daß Amerika den im Vorjahre gekündigten Vertrag erneuert, ohne daß Rußland hinsichtlich des Hauptbeschwerdepunktes, der ungleichen Behandlung seiner jüdischen Bürger, weitgehende Konzessionen macht Wiener Kultuswahlen (Von unserem Berichterstatter.) Wien. Die Wiener Zionisten sind anläßlich der bevorstehenden Neuwahlen für die Kultusgemeinderepräsentanz mit ihrem Kultusgemeindeprogramm in die Oeffentlichkeit getreten. Es wirkt trotz seiner ernsten Sachlichkeit und Ruhe wie eine Anklage. Der Indifferenteste muß aufgerüttelt werden, wenn ihm diese primitiven Forderungen zum Bewußtsein bringen, in welch lebensfremdem volksfeindlichem, reaktionärem Geiste diese jüdische Großgemeinde von 200 000