Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 42 (18.10.1912)
- Date
- 1912-10-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 42 DIEffil ELT 1291 die Einwanderung eines so energischen und fortschrittlichen Elementes, wie es die Juden darstellen, alles zu gewinn^-1. England hat in dem Palästina benachbarten Land<e gezeigt, was die Methoden des Westens für das aUigemeine Aufblühen des nahen Ostens tun können; und die jüdische Kolonisation arbeitet bereits mit ähnlichen Resultaten in Palästina. Zu Lord Palmerstons Zeiten war es die traditionelle Politik Englands, die jüdischen Ansiedler zu ermutigen und auf sie den Schutz seiner Konsuln auszudehnen. Heute, da es die herrschende Macht in Aegypten ist, wird es sicher seinen eigenen Interessen sowohl wie denen der Humanität am besten dienen, wenn es die Entwicklung des benachbarten Landes durch die jüdischen Einwanderer fördert, welche, ungleich anderen europäischen Ansiedlern, so viele Sympathien und Berührungspunkte mit der einheimischen Bevölkerung haben, und welche gleichzeitig auf England als auf ihren besten Freund blicken. Ihr ergebener Herbert B e n t w i c h 3 englisches Mitglied des Zentralkomitees der zionistischen Organisation. 2, Garden-court, Temple, London, 29. September 1912. Diese neuerliche Polemik in den „Times" beweist wiederum, wie dringend nötig jene politische Tätigkeit ist, die wir als „Aufklärungsarbeit" bezeichnen. Aus mangelhafter Kenntnis der Verhältnisse entwickeln sich rasch allerlei Sympathien und Antipathien, und die Regierungen sind oft in ihrem Urteil wie in ihren Handlungen von Stimmungen abhängig, die den Tatsachen nicht entsprechen. Deshalb müssen wir das schon so oft Gesagte ständig wiederholen, und immer von neuem betonen, daß die zionistische Bewegung keinem anderen als dem jüdischen Volke dienstbar ist. Es ist wahr, daß in Palästina die Interessen deutscher und jüdischer Ansiedler in mancher Beziehung identisch sind, denn gesicherte Rechtszustände oder geordnete Verkehrsverhältnisse müssen den jüdischen wie den deutschen Kolonisten erwünscht sein. Unwahr aber ist die Behauptung, daß die jüdischen Interessen von denen Deutschlands oder irgendeiner anderen Macht abhängig seien. Da die jüdische Kolonisation einen eminent sozialpolitischen und kulturellen Charakter trägt, so dient sie alle n Kulturstaaten, die an der Erschließung neuer Absatzgebiete, an der Sicherung der rechtlichen Zustände, an dem ökonomischen Aufschwung des nahen Orients Interesse haben. In erster Linie dient sie dem türkischen Reiche, dem sie Kapital, Arbeitskraft und Einkünfte zuführt. Es ist demnach ein Beweis von Unkenntnis oder von Böswilligkeit, wenn der Zionismus als eine „Gefahr" für die Türkei oder für irgendeinen anderen Staat hing-estellt wird. Und es gibt nur einen Weg, diese Anklagen zu entkräften: die unablässige Fortsetzung unserer kolonisatorischen Tätigkeit und die unablässige Aufklärung der öffentlichen Meinung. ff □ □ □ □ □ □ o vs- —o WELTCHRONIK o 0=== o O o & Generalversammlung der Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland Posen. Es kreißten die Berge — und ein winziges Mäuslein ward geboren! Seit 2 Jahren in unermüdlichen Beratungen vorbereitet, waren die „Richtlinien zu einem Programm für das liberale Judentum", die den ausschließlichen Inhalt der Tagung bildeten, mit großem Trara in die Welt gesetzt worden. In der Monatsschrift der Vereinigung war kurz zuvor über das Werden dieser „ganz großen Sache" berichtet, wie „jedes Wort auf die Wagschale gelegt, jeder Gedanke hundertfach geprüft und erwogen" worden war, bis an jenem „denkwürdigen", „schicksalsvollen" Tag die liberale Rabbiner-Vereinigung den Entwurf approbierte. „Kein einziger, der sich nicht bewußt gewesen wäre, daß der Entwurf da vor ihm, den er mit seinem Namen unterschreiben wollte, ein geschichtliches Dokument bedeute, und daß dieser Tag dereinst ein großer geschichtlicher Tag für das Judentum sein werde."' Nun, die Delegiertentagung hat dafür gesorgt, daß die Richtlinien schon heute historisches Material sind, denn sie hat ihnen ein Begräbnis erster Klasse bereitet. Natürlich fehlte es nicht, wie bei liberalen Begräbnissen immer, an Blumen, Musik und schönen Reden, aber begraben wurde sie schließlich doch unter einer Resolution, deren entscheidender Passus „dem wüsten Subjektivismus der religiösen Anarchie", die man hatte treffen wollen, den Spielraum wahrt: „1. Die Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland begrüßt die auf Grund der Vorarbeiten der Fünfzehner-Kornimission von den liberalen Rabbinern aufgestellten Richtlinien als bedeutsame Tat und hervorragenden Fortschritt auf dem Gebiete des religiösen Liberalismus in Lehre und Leben. " 2. Die Vereinigung erachtet die Richtlinien als geeignete Grundlage ihrer Arbeit in der Richtung liberaler Weiterentwicklung und wird hiernach ihre Tätigkeit kraftvoll entfalten. 3. Getreu den Grundsätzen des Liberalismus überläßt die Vereinigung die Stellungnahme zu den das religiöse Leben des Einzelnen betreffenden Forderungen der Richtlinien der gewissenhaften Prüfung und persönlichen Ueberzeugung ihrer Mitglieder." Auch das Minimaljudentum, das die liberalen Rabbiner postulierten, war noch viel zu anspruchsvoll mit seinen „unerläßlichen Forderungen". Man wehrte sich gegen den neuen Schulchan Aruch, der womöglich noch schlechter sei als der alte, man drohte mit Austritt, man ließ ironisch durchblicken, die „Richtlinien" seien gut für die Rabbiner. Nur zwei Rabbiner wagten es, gegen die Begräbnis-Resolution zu stimmen, und das verdroß den Verhandlungsleiter, Justizrat Breslauer dermaßen, daß er den einen der kühnen Opponenten, Herrn Professor Dr. Bloch, förmlich koramierte: er sei hier nicht als Vertreter rabbinischer Anschauungen, sondern als Delegierter, der die Gesamtinteressen des liberalen Judentums zu wahren habe! Dabei ist Bloch einer der Veteranen der liberalen Rabbiner und Vorsitzender ihrer Vereinigung, hat überdies seine wissenschaftlichen Verdienste, — so etwas kann eben nur in jüdisch-liberalen Zirkeln vorkommen. Echt jüdisch-liberal war auch sonst die ganze Leitung der Verhandlungen. Nach dem Finanzbericht, der übrigens trotz der vielen potenten Mitglieder ein Defizit von 3700 M. aufweist, erteilte der Vorsitzende, ohne Antrag und Abstim-