Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 42 (18.10.1912)
- Date
- 1912-10-18
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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des Zionismus gerichtet werden, oder wie sehr man auch die Fortschritte, die in vielen Teilen Palästinas durch Zionisten gemacht werden, bewundern kann, so ist es doch unmöglich, zu vergessen, daß die Araber, Muselmanen oder Christen von Palästina und den angrenzenden Ländern es nicht ohne Kampf zulassen werden, in wirtschaftliche Abhängigkeit von den Juden zu geraten, und daß die Möglichkeit eines solchen Kampfes sich pari passu mit der Zunahme der jüdischen Bevölkerung von Palästina erhöht. In solchem Falle könnten indiskrete Sympathiekundgebungen für den Zionismus von seiten irgendeines nennenswerten Teils der britischen Oeffentlichkeit uns begreiflicherweise das Vertrauen der besten Elemente in der arabischen Welt von Mohammera bis Mombassa kosten. Dieses Vertrauen ist zwar sicherlich für die Existenz unseres Reiches entbehrlich, aber es ist von Wert für uns, und es wäre höchst fatal, wenn wir es verlören, um zu erkennen, daß wir ,pour le roi de Prusse' gearbeitet haben, den wir irrtümlicherweise für König Salomo gehalten hatten." * Am 7. Oktober brachten die „Times" folgende Entgegnung unseres Gesinnungsgenossen Herbert B e n t w i c h : (Uebersetzung.) Jüdische Kolonisation in Palästina. Die Ziele der Bewegung. An den Herausgeber der „Times"! Der Bericht über die jüdische Kolonisation in Palästina, welchen Ihr Konstantinopeler Korrespondent in Ihrer Ausgabe vom 23. September gibt, ist in mancher Hinsicht belehrend und sympathisch, aber er weist auffallende Lücken auf, und die ungerechtfertigte Schärfe am Schluß der Mitteilung setzt ihren Wert herab. Ihr Korrespondent scheint durch den Verfasser des Artikels im „Osmanischen Lloyd" (auf welchem, wie er bemerkt, sein Bericht basiert) verleitet worden zu sein, bloße Anregungen, die der Verfasser gibt, um das Interesse seiner Landsleute für die jüdische Palästina-Arbeit wachzurufen, welche er aber selbst nach genauem Studium der Sachlage kaum gegeben hätte, für Tatsachen zu halten. Es wird ausgeführt, daß die wirtschaftlichen Interessen deutscher und jüdischer Ansiedler identisch seien, es ist aber Tatsache, daß der Handelsverkehr, der durch die jüdischen Ansiedler belebt wurde, hauptsächlich1 mit England beirieben wird. Der wichtigste Hafen der jüdischen Kolonien ist Jaffa, und die Konsulatsberichte für 1910 zeigen, daß von einem Gesamtexport des Distriktes von 12 720 000 M. über 9 600 000 M. auf England und Aegypten entfallen, während der Export nach Deutschland und Oesterreich zusammen nur 400 000 M. betrug. An der Spitze der Liste importierter Waren stehen Baumwollwaren, und derselbe Bericht zeigt, daß von einem Gesamtimport von ca. 20 000 000 M. über 6 000 000 Mark auf Großbritannien und Aegypten kommen, und nicht halb so viel auf Deutschland und Oesterreich zusammen. Aegypten und England sind die natürlichen Märkte für Palästina. In wirtschaftlicher Beziehung ist die jüdische Kolonisatiorisbewegung also bestrebt, die britischen Handelsinteressen im nahen Osten zu fördern. Aber Ihr Korrespondent führt weiter aus, daß Gefühlsgründe die jüdischen Ansiedler mit deutschen Interessen verknüpfen, und daß der Zionismus „einen vorherrschend deutsch - jüdischen Charakter" Ibe. Nach seinen Ausführungen könnte es scheinen, als ob", Hauptmasse der 100 000 jüdischen Ansiedler in ^ästina deutsche Juden wären; Tatsache ist aber, daß cnc-^nz überwiegende Mehrzahl aus Rußland und Rumänin kommt, und daß es mehr Ansiedler aus Amerika und den britischen Kolonien, als aus Deutschland gibt. Weiter wird hervorgehoben, daß die Zwecke der deutschen Handelspolitik durch die Tatsache gefördert werden müssen, daß die osteuropäischen Ansiedler „sämtlich Deutsch verstehen", da ihre Jargonsprache ein deutscher Dialekt sei; aber in Wirklichkeit wird dieser Dialekt nur von den älteren Enwanderern gebraucht, und wird jetzt zusehends mehr und mehr durch die alte nationale Sprache verdrängt, welche, wie ein Mitarbeiter Ihrer literarischen Beilage in der vorigen Woche darlegte, wieder zu einer lebendigen Sprache geworden ist. Hebräisch ist jetzt die Unterrichtssprache in den Sdiulen der Kolonien und der neuen städtischen Niederlassungen, und es wird von der gesamten jüngeren Generation durchgehends gesprochen. So viel über die Sprache! Und was nun das Gefühl betrifft, so hat die zionistische Bewegung von Anfang an mit besonderer Sympathie auf England hingeschaut, welches stets ein so lebhaftes Interesse an allem nahm, was das Heilige Land betraf. Es waren Engländer, wie Colonel Conder und Laurence Oliphant, welche der ersten jüdischen Kolonisationsbewegung in Palästina große persönliche Dienste leisteten, und als eine weit ausgedehnte Ansiedlung unter dem Hamidischen Regime hoffnungslos zu sein schien, war es England, an welches sich die Zionisten wegen eines anderen Ansiedlungsgebietes wandten, nämlich El Arisch auf ägyptischem Gebiet an den Grenzen Palästinas. Die Unzulänglichkeit dieses Gebietes für eine Kolonisation in großem Maßstabe verhinderte die Ausführung dieses Planes, aber die palästinensischen Ansiedler und das übrige jüdische Volk bewahren der Sympathie, welche ihren Vorschlägen seitens der englischen Regierung entgegengebracht wurde, ein dankbares Andenken. Ihr Vertrauen zu englischen Institutionen ist dadurch bewiesen, daß die wichtigsten finanziellen Einrichtungen der zionistischen Bewegung - die Jüdische Kolonialbank, der Jüdische Nationalfonds die Anglo-Palestine Company und die Palestine Lanc Development Company — englische Gesellschaften unc: in London domiziliert sind. Es ist auch bemerkenswert, daß die Bewegung ihre größten Fortschritte in den ' jüdischen Gemeinden britischer Gebiete macht, besonders in Kanada und Südafrika, und auf dem letzten Zionistenkongreß, der im Jahre 1911 in der Schweiz stattfand, vertraten fast die Hälfte der 600 Delegierten Schekelzahler, die in den Vereinigten Staaten und Teilen des britischen Reiches wohnen. Von dem Rest waren der größere Teil russische Delegierte, und die deutschen Zionisten waren vollkommen in der Minderzahl. Die Bewegung hat tatsächlich' einen vor herrschend russisch-jüdischen Charakter, und der russische Jude ist überall englandfreundlich gesinnt. Zum Schluß warnt Ihr Korrespondent England vor Sympathiekundgebungen für die jüdische Bewegung ir Palästina, da es sich dadurch die arabische Welt entfremden würde. Die Judophobie, welche sich seit kurzem unter den palästinensischen Arabern zeigt, ist notorisch in weitem Umfange ein Werk der früheren deutscher Ansiedler, welche die jüdischen Fortschritte mit Mißgunst und Mißfallen betrachten, und die eingeborene Bevölkerung, sowohl in Palästina, wie in Aegypten, hat durch