Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 13-14 (29.3.1912)
- Date
- 1912-03-29
- Page
- – (sequence 34)
- Language
- German
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und eingewurzelte Assimilationspartei aut den Kampfplatz getreten ist, ja, sie in der ersten Entscheidungsschlacht niedergerungen hat. Die Nationalversammlung der türkischen Judenheit vom 17. März 1Q12 hat zum ersten Male in der Türkei durch Volksabstimmung die Führung des Judentums in die Hände der Vertreter der nationalen Jdee gegeben oder vielmehr die Führung durch sie offiziell bestätigt. Und selbst wenn durch nachfolgende reaktionäre Bemühungen des geschlagenen Assimilationsjudentums das erhebende Resultat dieses 1 ages zu Ungunsten der sieghaften Sache getrübt werden sollte, so bleibt doch das Volksreferendum, das sich hier zum ersten Male dergestalt ausgesprochen hat, in seiner ganzen verheißenden Bedeutung bestehen und läßt baldigen und dauernden Sieg des neuen Judentums im Lande des Halbmonds erhoffen. Die Nationalversammlung Um ein vollkommen unparteiisches Bild vom Verlauf der Sitzung des Medschliß Umumi zu geben, in der über den Streitfall zwischen dem Großrabbiner Haim N a h u m und dem Konsistorium, über die Vorherrschaft der Assimilationspartei oder des Nationalismus in der türkischen Judenheit entschieden werden sollte, wird es das empfehlenswerteste sein, das offizielle Protokoll hierher zu setzen, das das Präsidium der Nationalversammlung der Regierung überreichen wird, und das als Communique des Medschliß dschismani der jüdischen Presse übermittelt wurde. Dieses Protokoll hat den folgenden Wortlaut: Die auf Sonntag, den 2S. Adar, für Qio Uhr einberufene Versammlung begann ihre Sitzung erst gegen 10 Uhr, nämlich als ein Quorum von ob anwesenden Mitgliedern erreicht war. Seine Eminenz eröffnete die Sitzung, der Tagesordnung* gemäß, mit einem Expose des zwischen ihm und dem Medschliß dschismani schwebenden Streitfalles. Er richtet einen warmen Appell an die jüdischen Empfindungen der ganzen Versammlung, in Ruhe und ohne Voreingenommenheit zu diskutieren. Aus den Resultaten der Versammlung würden weder Sieger noch Besiegte hervorgehen. Der Großrabbiner berichtet nun Punkt für Punkt über die Geschichte der aschkenasischen Streitfrage. Er ist der Ansicht, die Konvention werde das Gegenteil des vom Medschliß dschismani erhofften Erfolges haben, sie werde ein Anlaß zum Separatismus und zum Unfrieden zwischen den beiden Riten werden, die nur eine einzige, allgemeinjüdische Gemeinde bilden dürften. Seine Eminenz schließt mit der Erklärung, die im Namen des Großrabbinats abgeschlossene Konvention sei dem herrschenden Gesetze in der Form wie in dem Inhalte zuwider. Alsdann zieht Seine Eminenz sich zurück und übergibt das Präsidium an N a h m i a s B e j, den Vizepräsidenten der Nationalversammlung, mit der Bitte, ihm das Ergebnis der Beratungen auf schriftlichem Wege kundzugeben. Einige Mitglieder sind der Meinung, der Vorsitz Seiner Eminenz sei für den Verlauf der Debatten notwendig; aber die Majorität hält seine Anwesenheit nicht für unentbehrlich und geht zur Tagesordnung über. Das Wort erhält nun Nissim Russo E f f e n d i. Er hebt alle Punkte hervor, die nach der Meinung des Medschliß dschismani sein Werk als legal erscheinen lassen, ein Werk, das dem Wunsche entspricht, Frieden und Einigkeit unter bisher getrennten Brüdern herrschen zu sehen und das durch die Konvention gekrönt worden sei, die er in vollstem Umfange aufrecht erhalte. Selbst wenn, fährt Nissim Russo Effendi fort, im Vorgehen des Konsistoriums irgendein Formfehler vorhanden gewesen sein sollte, so sei, um diesen Eindruck auszulöschen, im höchsten Grade der gute Wille des Dschismani tätig gewesen, aber all das war bei Seiner Eminenz vergeblich. Die Konvention ist also legal und den Interessen der Gemeinde nützlich. Es ist nun an der Nationalversammlung, gemäß den Wünschen der Regierung ihr Urteil abzugeben. Hierauf lassen sich eine Anzahl Redner zum Worte eintragen. Abwechselnd sprechen die Herren Dr. R o s e n t h a 1, Tara n t o , J a c q u e s E f f e n d i M e n a sehe und C a - ras so gegen die Konvention, die sie den Gemeindeinteressen abträglich finden, da sie geeignet sei, einen Separatismus, ein Schisma zu erzeugen. Dagegen sprechen sich die Herren I )avid E 1 n e c a v c , Albert G u e n s b e r g , Reisner S e k i B e j A 1 b a 1 a für die Aufrechterhaltungder Konvention aus, die sie als übereinstimmend mit dem Gesetze und den Interessen beider Riten erklären. Die Debatte ist geschlossen. Nach einer Pause von 20 Min. wird die Sitzung wieder aufgenommen. Der Generalsekretär Moise Bej Dalmedico verliest fünf Anträge, die \vrährend der Pause bei ihm eingelaufen sind. Die erste von S c h e k i b Effendi A d u t verlangt die Annullierung der K o n v e n t i o n wegen Illegalität; die zweite von Rabbi Isaak S c h a k i verlangt, Seine Eminenz um Zurückziehung seiner Demission zu bitten, die Ausführung der Konvention für den Moment zu vertagen, sie zusammen mit Seiner Eminenz zu diskutieren und sie gemäß Artikel b des Chacham Chane Nisamnamessi zu bestätigen; die dritte, vorgelegt vom Medschliß dschismani, verlangt die Aufrechterhaltung der Konvention; der vierte von Vitalis Effendi S t r u m s a will die Frage zum Studium an eine Kommission überweisen; der fünfte von Seki Bej Albala verlangt, die Versammlung solle sich darüber aussprechen, ob sie die Konvention annullieren wolle oder nicht. Isaak Effendi Taranto macht die Bemerkung, die Mitglieder des Dschismani hätten gesetzlich kein Recht, über eine Akte, die von ihr beschlossen und der Versammlung zum Urteil unterbreitet sei, mitzustimmen. Mehrere Mitglieder sprechen für und gegen diese Bemerkung. Das Ergebnis dieser Debatte ist, daß die Mitglieder des Dschismani wohl das Recht haben, an der Abstimmung teilzunehmen, da sie als Mitglieder des Umumi eingeladen worden sind, da ferner der Erklärung des Großrabbiners zufolge von Anklage nicht die Rede ist, und da sie endlich als Mitglieder des Umumi ein jeder einen Teil der Bevölkerung zu vertreten haben. Es findet aber keine Abstimmung über diese Frage statt, man schreitet tatsächlich zum Votum und zwar darüber, ob die Hauptabstimmung geheim oder eine namentliche sein soll; der Dschismani hatte geheime Abstimmung verlangt. Resultat: 33 Stimmen für namentliche und 30 Stimmen für geheime Abstimmung. Nun wird beschlossen^ jede der fünf vorliegenden Motionen ider Abstimmung zu unterwerfen. Die Motion Schekib Adut vereinigt nur 30 Stimmen auf sich gegen 33. Die 16 Rabbinen, die mitgestimrnt haben, geben über den Sinn ihres Votums folgende Erläuterung ab: Sie haben gegen die Annullierung der Konvention gestimmt, das heißt jedoch noch nicht ihre Approbierung, denn sie haben einen Antrag auf Basis einer Vermittlung zu stellen. Hiernach wäre der Antrag Rabbi Isaak Schaki zur Abstimmung zu stellen gewesen. Da aber verlangt Dr. Rosenthal aufs neue das Wort, das ihm auch erteilt wird. Er kommt auf die Bemerkung Taranto Effendis zurück und ist der Ansicht, der Medschliß Dschismani könne nicht Partei und Richter zugleich sein. Der Präsident Nahmias Bej erklärt jedoch, diese Frage sei schon erledigt, und die Tatsache, daß das Konsistorium schon zweimal mitgestimmt habe, widerlege diese Bemerkung. Ein Sturm von Protesten erhebt sich nun auf seifen der Anhänger des Standpunktes Rosenthal wie auf Seiten ihrer Gegner. Die große Majorität der Mitglieder verlassen den Saal, und der Präsident schließt die Verhandlungen. Der Generalsekretär: Der Vizepräsident: gez. Moise Bej Dalmedico. gez. Jacques Nah m i a s. Für die Richtigkeit der Kopie: Der Sekretär: S. A 11 a b e v. Nach dem hier wiedergegebenen Berichte, der übrigens der Wahrheit genau entspricht, wenn er auch über eine Reihe wichtiger Einzeltatsachen hinweggeht, könnte es den Anschein haben, als hätte die ganze Versammlung überhaupt keinen höheren, allgemeinen Sinn besessen, als den eines juridischen Für und Wider um die Konvention herum. Tatsache aber ist, und das darf keinen einzigen Augenblick außer acht gelassen werden, daß es sich bei diesem Für und Wider gleichzeitig um Stellungnahme für und wider den Chachambaschi, für oder wider eleu Medschliß Dschismani, für oder wider Assimilation und Nationalismus gehandelt hat. Nur ist von alldem,, aus Achtung vor dem Amte des obersten Vertreters der türkischen Judenheit, nur wenig in den Debatten zum öffentlichen Ausdrucke gekommen. Rabbi Nahum selbst hatte die große praktische Klugheit besessen, sich vollkommen aut die Aschkenasim- Frage allein zu beschränken, obwohl er früher geäußert hatte, er wolle sieben Anklagen gegen den Dschismani erheben. Und seine Gegner waren so taktvoll und so entgegenkommend, den Kampf nicht auf ein größeres Schlachtfeld zu verlegen. Nichtsdestoweniger ist genug des Grundsätzlichen, wenigstens von seifen der Nationalen, in ihren Reden vorgebracht worden, so daß die ganze Aschkenasim-Frage lediglich als ein Punkt eines ganzen Systems erschien.