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Die Welt · 1912-03-29 · 13-14 (29.3.1912) · page 33

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Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
13-14 (29.3.1912)
Date
1912-03-29
Page
– (sequence 33)
Language
German
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Gartenstädte „Menachem" und „Jechiel" tatkräftig zu beteiligen. Wir hegen die zuversichtliche Hoffnung, daß das von den russischen Zionisten beschlossene Werk der Dankbarkeit für unsere Größten und Besten in weiten Kreisen unserer Gesinnungsgenossen in allen Ländern lebhaften Anklang finden wird. Samuel Barbasch (Odessa), S. Epstein (Cholmy), Chaim Etting er (Odessa), B. Goldberg (Wilna), Abraham Kaplan (Minsk), J. Naiditsch (Warschau), J. Rosow (Petersburg), Dr. J. S a p i r (Odessa) Hilel Slatopolsky (Kiew), Agronom A. Sussmann (Odessa). Adresse für Geldsendungen: Herrn S. Barbasch, Odessa (Rußland), für Gartenstädte- Kommission. Fräulein Dr. Marie S o k o 1 o w , die Tochter unseres verehrten Gesinnungsgenossen und Mitgliedes des E. A. C, Nahum Sokolow, hat sich, wie uns aus Warschau mitgeteilt wird, mit dem bekannten dortigen Schriftsteller, Herrn Dr. S. Mendelssohn, vermählt. Wir sprechen unserer geschätzten Mitarbeiterin sowie ihren Eltern aus diesem freudigen Anlasse unsere besten Glückwünsche aus. Brief aus Rußland (Von unserem Berichterstatter.) Assimilantenelend Schwere Zeiten sind für die Mohikaner der russischen Assimilation gekommen. Nicht etwa, daß sie praktisch Schiffbruch erlitten. Noch nie grassierte in gewissen Kreisen des russischen Judentums so sehr die Epidemie der konsequentesten Assimilation wie heutzutage. Taufseuche, charakterlose Mimicry des Sklaven, ostentative Verachtung für alles Jüdische, Hottentottenignoranz in jüdischen Dingen und Fragen — das sind die glänzenden Erfolge der slawischen Assimilation in gewissen Kreisen der jüdischen „Intelligenz" Rußlands, um die sie ihre „Gesinnungsgenossen jenseits der russischen Grenzpfähle beneiden dürften. Und doch ist es ein Jammer, wenn man sich heute die Leute ansieht, die aus der Assimilation noch eine Lehre machen, ohne die Kraft zu besitzen, für sich unbefangen aus dieser Lehre die letzten Konsequenzen zu ziehen. Die gezählten Exemplare der Vorkämpfer für „allgemein menschliche Ideale," für den „kulturellen Anschluß an die Mitbürger" usw. . . ., die sich dabei doch noch um jüdische Interessen kümmern und sich an ein jüdisches Auditorium wenden, machen einen zugleich komischen und widerwärtigen Eindruck. Der natürliche Prozeß der „sozialen Differenzierung" hat es mit sich gebracht, daß im russischen Judentum in den letzten Jahrzehnten eine reinliche Scheidung vor sich gegangen ist. Gleichzeitig mit dem Fortschreiten einer gedanken- und willenlosen Assimilation ist auch das zielbewußte, zukunftsfreudige Nationaljudentum zu hoher Blüte gelangt. Und es war eine Art natürlicher Zuchtwahl, die im schwierigen Kampfe um das nationale Dasein gerade die Stärksten und Besten, die tiefer Veranlagten und höher Differenzierten unter die Fahne eines aufrechten Judentums führte. Und nun stehen die alten Assimilationsprediger, die nichts gelernt und nichts vergessen haben, mit langen Nasen da und haben das Nachsehen. Ihren folgerichtigen Schülern haben sie nichts mehr zu sagen, da diese bereits jenseits ihrer Einflußsphäre stehen. Sie mögen sich vielleicht recht unbehaglich fühlen, wenn sie sich die Früchte ihrer Arbeit, ihre junge Generation ansehen, die zwar die „überkommenen Vorurteile", aber auch ihr Judentum zum alten Eisen geworfen hat. Schlimmer ist es indes, Jaß man sich auch im anderen Lager, wo noch eine jüdische Stimme Gehör findet, blutwenig um sie und ihre Ratschläge kümmert. Ja, die Arroganz geht so weit, daß man im Gegensatz zu den herrlichen Traditionen der sechziger Jahre es wagt, um nationales Volleben, um die freie Entfaltung aller natürlichen Volkskräfte zu ringen und zu schaffen. Dies macht (ie alten Herren ganz nervös. So Herrn M. Margolis jus Odessa, der seit mehr als fünfzig Jahren in verschiedenen russisch-jüdischen Zeitungen als Publizist tätig ist. ■)as ist gewiß löblich. Herr Margolis hat auch in russischer Sprache eine Untersuchung auf dem Gebiete des jüdischen Rechtes veröffentlicht. Das ist gewiß auch löblich. Herr Margolis hat sich auch seinerzeit um das Odessaer Pa- 1 ästinakomitee, in welchem er so lange mitarbeitete, als man die Palästinakolonisation als reine Philanthropie betrachten durfte, gewisse Verdienste erworben. Nun kamen aber die bösen Zionisten, die dem Wortführer der Aufklärung und des bürgerlichen Anschlusses seine Kreise störten. Da entflammte Herr Margolis zu heiligem Haß gegen die Störenfriede. Seither gefällt er sich in den hämischsten Ausfällen gegen die nationale Bewegung des modernen Judentums. Trotzdem behandelten ihn die Zionisten immer aus Rücksicht auf sein Alter und seine ehemaligen Verdienste mit größter Achtung und Schonung. Auch als vor kurzem Wladimir Jabotin sky einen leidenschaftlichen Kampf gegen die Entjudungstendenz der Odessaer Bildungsgesellschaft eröffnete, hat er es für nötig gefunden, Herrn Margolis, dem langjährigen geistigen Führer dieser Gesellschaft, in geradezu überschwenglichen Worten seinen und seiner Gesinnungsgenossen Respekt zu bekunden. Es scheint aber, daß der ergraute „Aufklärer" es seinen Gegnern nicht verzeihen kann, daß sie sich anmaßen, die Hegemonie im modernen Judentum zu übernehmen. Mit welcher Wahrheitsliebe und Objektivität Herr Margolis den Kampf gegen seine Gegner führte, beweist schon die Tatsache, daß er in der lokalen Presse gegen die Nationalen geltend machte, daß ihre Bestrebungen in den palästinensischen Schulen völligen Schiffbruch erlitten hätten, da sich das Hebräische als Unterrichtssprache unbrauchbar erwiesen hätte. Das Höchste leistete er sich indes in einem vor kurzem im „N o w y W o s ' c h o d" erschienenen Artikel, der von giftigen Insinuationen und Verdächtigungen an die Adresse der Zionisten und Nationalen strotzt. Herr Margolis schreibt in diesem Aufsatze u. a. buchstäblich folgendes: „So sonderbar es auch ist, so wird doch das Christentum als radikales Heilmittel zur Lösung der Judenfrage und die völlige Aussichtslosigkeit des Zionismus nach dieser Richtung in der hebräischen Journalistik — in der zionistischen Monatsschrift „Haschiloah" behandelt. Als eifriger Bekenner der Idee des Christentums, als des einzigen Mittels zur Rettung des jüdischen Volkes aus schwerer Not . . . tritt im „Haschiloah" Herr Hurwitz auf . . ." Man erinnert sich förmlich an die saubere Insinuation des Mainzer „Israelit" von den nahen Beziehungen der Zionisten zur Basler Mission. Nun wissen Herr Margolis und der „Nowy Wos'chod" sehr gut, daß sie eine schwere unbegründete Verdächtigung gegen den „Haschiloah" und Herrn Hurwitz unter die Leute bringen. Es tut aber nichts, wenn man nur sein Mütchen an diesen Hebraisten und Zionisten kühlen kann. — Von der Odessaer Bildungsgesellschaft Eine zweite Illustration zum gleichen Kapitel vom Assimilantenelend bietet die Odessaer Bildungsgesellschaft. Bekanntlich ist der vor einigen Monaten eingeleitete Kampf der Nationalen gegen die herrschenden Zustände in der Bildungsgesellschaft bis jetzt nicht zur Erledigung gelangt. Die Generalversammlung wurde unverrichteter Dinge aufgelöst und seither wurde eine neue Versammlung nicht einberufen. Das Komitee wirtschaftet indessen ohne neue Wahlen, ohne Absolutorium, mit einem seit zwei Jahren nicht mehr genehmigten Budget weiter. Um sich aber auch in Zukunft vor allen Eventualitäten zu schützen, trägt man sich zurzeit mit dem Plan, das Institut der Generalversammlungen überhaupt abzuschaffen. Man sieht, die Pariser Alliance hat in den Kreisen ihrer Gesinnungsgenossen Schule gemacht. Und all dies aus purer Angst vor den schrecklichen Nationalen. Brief aus Konstantinopel (Von unserem Berichterstatter.) Der Vormarsch des jüdischen Nationatismus Es ist keine Frage mehr: der jüdische nationale Gedanke in der Türkei ist in bedeutendem Fortschritte begriffen. Noch vor dreiundeinhalb Jahren eine völlig unbekannte Größe in den Grenzen des sephardischen Elementes des ottomanischen Judentums, hat er sich in der kurzen Spanne der konstitutio^ nellen Epoche bekanntgemacht, hat sich erst in der Jugend, dann in den traditionell empfindenden Massen, endlich in den edelsten, freien und produktiven Gedanken zugänglichsten Schichten des Volkes mit unwiderstehlicher Kraft ausgebreitet und ist schließlich, wie über Nacht, zu einer Partei und einer Macht geworden, die schon heute wettstrebend gegen die alte

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